Sie möchten einfach nur hier sitzen. © Warner Bros

Ein Selfie unterscheidet sich vom Selbstporträt vor allem durch die Verwendung von Smartphones und die Verkürzung der Perspektive durch die eigene Armeslänge. Wer ein Selfie macht, der hält das Telefon nur so weit weg, wie er eben kann, oder er benutzt einen künstlichen Arm, einen Selfiestick, als Verlängerung, um noch mehr Menschen oder ein bisschen Umgebung im Bildausschnitt zu platzieren. Wer ein Selfie macht, entscheidet sich für den Moment der Aufnahme ganz bewusst. Ein Handy-Selfie entsteht nicht wie ein Selbstporträt in der Malerei Stück für Stück, sondern ist innerhalb von Millisekunden aufgenommen und ready to post.

Deutschland, dein Selbstporträt heißt der neue Film von Sönke Wortmann, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, anhand von Videoschnipseln zu zeigen, wie sich Deutschland am 20. Juni 2015 selbst gesehen hat. Der Stichtag ist ein Jahr her, der Film läuft jetzt im Kino. Also, in den kleinen Kinos, der Andrang hält sich in Grenzen.

Die Aufnahmen, die Sönke Wortmann aus mehr als 10.000 Einsendungen ausgewählt und aneinandergeschnitten hat, folgen dem Ablauf eines Tages vom Morgen bis zum Abend. In der Zeit dazwischen passiert alles, was man in jeder beliebigen Facebook-Timeline auch finden kann: Sport (Reiten, Gymnastik, Tanz), niedliche Tiere (Gänse, Schweine, Hunde), niedliche Babys (mehrere), traurige Einzelschicksale (Krankheit, Haftbefehl, Trennung), sanft politische Äußerungen (Flüchtlinge okay, Flüchtlinge nicht okay, da demonstriert jemand und wird blockiert), Poesiealbumsprüche (Hoffnung ist wichtig, Familie ist wichtig, Liebe auch), Wetterberichte (es regnet), motzende Menschen (mein Auto ist kaputt, die deutschen Telefonzellen werden abgeschafft), essende Menschen (Fleisch essen ist doof für die Tiere), schlafende Menschen, weinende Menschen, lachende Menschen, mehr oder weniger freiwillig lustige Menschen, heiratende Menschen, Menschen auf Festivals und Deutschlandfahnen schwenkende Menschen.

Ein Scheinwerfer in die Mitte

Man muss nicht ins Kino gehen, um Menschen bei all diesen Dingen zu beobachten. Man kann sich bei Facebook einloggen oder YouTube schauen. Dort liegen Millionen von Videos herum, in denen Menschen all diese Dinge machen. Man könnte allerdings auch bei seinem eigenen Nachbarn klingeln. Vielleicht wäre das sogar die bessere Variante. Denn Wortmanns Film ist nicht etwa ein Scheinwerfer in die Ecken, die man so noch nicht gesehen hat. Nein, wir sehen hier noch einmal, was wir ständig sehen, nur eben auf Großleinwand und ohne das ganze Drumherum. Der Film ist nicht der Versuch eines differenzierten Bildes, sondern ein weichgezeichnetes Selfie ohne Hintergrund.

Zwischen die wackeligen Amateuraufnahmen wurden von Wortmann und seinem Cutter Ueli Christen Hochglanzbeiträge geschnitten. Professionell geführte Interviews, mit professionellen Kameras gedreht. In polierter Optik begleiten wir einen Justizvollzugsbeamten im Rollstuhl, der seinen Job liebt und froh ist, diesen auch im Rollstuhl ausüben zu können. Hier kommt der erste komponierte Betroffenheitsmoment: Man sieht ihn bei seiner Fahrt zur Arbeit im Auto, er erzählt von seinem Job, freut sich, klingt sehr engagiert. Erst als er sein Auto abschließt, bemerkt der Zuschauer den Rollstuhl. Im Kinopublikum entfährt einer Frau ein "Oh!" Das hätte Wortmann vermutlich gefreut, diesen Moment hat er sich ausgerechnet.  

Ebenso unverwackelt zu sehen ist der Segelflieger, der über den Wolken seinen Frieden gefunden hat, und das Ehepaar, das sich gern etwas Gutes kocht und gemeinsam die Termine der kommenden Woche bespricht. Man kennt das aus Loriot-Filmen. Da lacht das Publikum, wieder ein Punkt für Herrn Wortmann. Man folgt diesen professionell produzierten Beiträgen gern, weil sie Geschichten erzählen. Sie geben dem Film eine Struktur, während die selbst gedrehten Videos drumherum einander keinen Raum lassen, sie sind meistens nicht mehr als ein beleuchtetes Wohnzimmer, in das man kurz schaut, wenn man mit dem Auto vorbeifährt. Reichen diese Sekunden schon für ein Selbstporträt?

Die vier jungen Frauen, die nach dem Film im Foyer des Kinos aufgeregt kichern, weil ihr Name im Abspann stand, wollen nicht verraten, welche Szene von ihnen stammt. Über Facebook hätten sie von der Aktion gehört, "wir hatten eh gerade ein YouTube-Video gedreht, das haben wir dann hingeschickt, man wusste ja nicht, welchen Teil die auswählen". 100 Euro gab es als Aufwandsentschädigung, irgendwann während des Abspanns hatte eine von ihnen gerufen: "Da bin ja ich!" Und hat ihnen der Film gefallen? "Joah, witzige Aktion jedenfalls. Man kann sich ja an das, was vor einem Jahr war, kaum noch erinnern."

Ein puscheliges Mittelstandsdeutschland

Im Film sieht es so aus, als wäre beinahe alles gut gewesen am 20. Juni 2015. Die Menschen, die Wortmann ausgewählt hat, werden nicht müde zu sagen, dass sie sich um den Frieden im Land sorgen, dass sie froh sind, dass es hier sicher ist, dass sie zu schätzen wissen, wie gut sie es hier haben. Wortmann hatte seinem Publikum, seinen Protagonisten drei Fragen mit auf den Weg gegeben: "Was macht dich glücklich? Wovor hast du Angst? Was bedeutet Deutschland für dich?"

Diese Fragen sollten provozieren, was ein Filmemacher sehen will: Emotionen aus allen Richtungen. Und Wortmann scheint wie jene, die mitmachten, auf der Suche nach einem Wirgefühl zu sein. Einem Wir, das größer ist als die Familie oder der Freundeskreis. Aus irgendeinem Grund scheinen viele Menschen es schlecht auszuhalten, wenn dort, wo sie ein Nationalgefühl erwarten, etwas ruckelt. Schon in Wortmanns Deutschland. Ein Sommermärchen spielte das Wir eine besondere Rolle, das mit der Gänsehaut gefällt dem Regisseur. Das mit dem Punkt hinter dem Wort Deutschland auch. Das Wir in seinem neuen Film bleibt in der eigenen Komfortzone. Ein bisschen Krankheit, ein bisschen Lebenslaufdrama, ein bisschen rechts, ein bisschen links. Betroffenheit wird angestupst, aber sofort eingefangen, weil dann schon wieder der nächste Lacher kommt. Oder ein neuer Stups.

Die Ausgestoßenen und Abgehängten tauchen kaum auf, die Eliten und Entscheider sieht man nicht. Das, was man sieht, ist ein puscheliges Mittelstandsdeutschland mit seinen Vorgärten, Sorgen und einer Faszination für Der kleine Prinz. Im Kleinen das Schöne sehen, im Guten das Besondere, mit dem Herzen gut und so weiter und so fort. Dieser Film könnte ein Werbespot für eine Versicherung oder einen Bausparvertrag sein, für Tchibo oder den Otto-Katalog, die Protagonisten sind meistens sehr weiß und sehr nett und wenn sie nicht ins Bild des Mittelstandsdeutschlands passen, dann haben sie zumindest die angestupste Betroffenheit auf ihrer Seite und bemühen sich redlich, wie der Mann, der drogenabhängig und an HIV erkrankt ist, aber jeden Tag arbeiten geht und mitmacht.

Zu seinem Glück braucht der Deutsche vor allem einen Vorgarten. © Warner Bros

Wir sehen keine Ärztinnen und Professoren, keine Politiker und Polizistinnen, wir sehen keine CEOs und Führungskräfte, keine Alleinerziehenden, keine Obdachlosen, wir sehen keine Radikalen, keine Wut, kein Elend, keinen Sex, keine häusliche Gewalt. Wir sehen friedlebende Selbstversorger, eine integrative Justizvollzugsanstalt, einen jungen Mann mit Autismus, jüngere und ältere AfD-Wähler, einen Iraner, der auf eine Aufenthaltsgenehmigung wartet, aber natürlich brav arbeitet. Die Klaviermusik von Hauschka liegt wie ein Instagram-Filter über allen Aufnahmen.

Wortmann hat einen Film gemacht für all die Leute, die sich sorgen und Angst haben. Ihnen sagt er mit diesem Film: Wir schaffen das. Oder besser: Ihr schafft das. Er lässt sie ihr eigenes Deutschlandmärchen erzählen. Der Film ist eine wackelige Motivations-DVD: "Lass dich nicht unterkriegen, kleiner Mann!", ruft er und macht dabei die Geste, die das kleine Baby im roten Strampelanzug am Ende auch macht. 

Das Baby nämlich stolpert durch ein Wohnzimmer, und imitiert offensichtlich einen schimpfenden Erwachsenen. Einmal zwischendurch, da wirft es beide Zeigefinger nach vorn, die Daumen nach oben gestreckt, wie es viele Erwachsene auf Fotos in Urlauben tun, diese Geste sagt: "Yeah, du bist gemeint!" Und dann schimpft das Baby unverständlich weiter. Es ist der erste Moment, an dem das kleine Publikum im Kino kollektiv lacht. Und man hofft ein bisschen, dass es sich obendrein ertappt fühlt. Danach ist der Selfie-Film vorbei. Die Namen im Abspann bleiben so lange stehen, dass man noch ein Handyfoto davon machen kann. Ready to post. Beim Abendessen wird man sagen können: "Schau, kein Grund zur Sorge, ist doch alles in Ordnung".