Amour statt Amok

Der Arzt ist krank. In seinem linken Schläfenlappen wächst ein Tumor. Dr. Jean-Pierre Werner (François Cluzet), seit 30 Jahren Landarzt im normannischen Chaussy, nimmt die Diagnose mit stoischer, man könnte auch sagen dörflicher Gelassenheit entgegen und spaziert schon kurze Zeit später unbeirrt in seine Praxis, um sich wieder Blutergüssen, Fettleibigkeit und Schnupfen zu widmen.

Der Landarzt von Chaussy von Regisseur Thomas Lilti hatte in Frankreich seit seinem Start im März mehr als 1,5 Millionen Kinobesucher. Das sind viele, wenn auch nicht so viele wie die 19 Millionen, die vor vier Jahren in Ziemlich beste Freunde strömten, ebenfalls mit François Cluzet in der Hauptrolle. Diese Woche läuft darüberhinaus in Deutschland  Mein ziemlich kleiner Freund an, eine Liebesgeschichte zwischen einer groß gewachsenen Frau und einem 1,36 Meter messenden Mann. In den französischen Filmstudios purzeln Komödien neuerdings wie Brötchen vom Band und landen oft auch in Deutschland in den Kinos. Man denke nur an Frühstück bei Monsieur Henri, Verstehen Sie die Béliers? oder Monsieur Claude und seine Töchter. Was ist los mit der Grande Nation, dass sie fast wöchentlich solche petit Filmchen produziert?

Sicher, man könnte sagen, dass sich Der Landarzt nur einreiht in eine lange Liste französischer Filmkomödien, die bereits mit den berühmten Monsieur Hulot-Filmen aus den fünfziger Jahren ihren Anfang und über die Louis de Funés-Filme ihren Fortgang nahm. Sie mündet in Produktionen wie Delicatessen, Die fabelhafte Welt der Amelie oder Willkommenbei den Sch'tis, der mit 20 Millionen Kinobesuchern der bis heute erfolgreichste Film in Frankreich ist. Nun sind die Zeiten des trötenden Klamauks, der düsteren Satire oder schillernden Alltagsfluchten vorbei. Und selbst wenn Der Landarzt natürlich noch mit den Mitteln der Komödie spielt, aber das Schräge, Ulkige, Schrullige, Surreale, Querköpfige und Tölpelhafte wird ausgedünnt und ist allenfalls Kulisse für das Hochleben einer heilen Welt, die, bevölkert von beschädigten Menschen, den Gemeinschaftssinn und das Happy End feiert.

Man schaut diesen Film und kommt sich selbst vor wie in einem Warteraum, immer darauf hoffend, dass gegen diese Überdosis Harmonie und Sich-lieb-Haben endlich der Verstand aufgerufen wird. Woran erinnern bloß all diese Filme mit Lavendelsträußchen im Knopfloch? Richtig: Sie erinnern an den deutschen Heimatfilm. Das französische Kino hat ihn adaptiert, ihn von der Bergwelt und Heidelandschaft in bretonische und normannische Dörfer verfrachtet mit allen örtlichen Autoritäten, die ein Heimatfilm so braucht: dem schroffen, aber gütigen Arzt, dem dubiosen Bürgermeister, der couragierten Krankenschwester oder jungen, unerfahrenen  Ärztin.

Die kommt in diesem Fall in Gestalt von Marianne Denicourt als Dr. Nathalie Delizia daher und gewinnt unter den prüfenden Blicken Jean-Pierres, dem sie fortan zur Hand gehen soll, natürlich ganz schnell die Herzen aller Dorfbewohner, während der Tumor des Kollegen in Schulterblatt und Lunge streut. Nathalie Delizia ist so etwas wie die französische Marianne Koch: klug, eigensinnig und vor allem sehr gutaussehend. Obwohl ihr altmodischer Kollege, dem es im Traum nicht einfällt, die Karteikarten gegen einen Computer einzutauschen, ihren Kenntnissen misstraut, es ihr schwer macht und sie vorführt, verliert sie immer lächelnd nie die Geduld.

Geduld und Güte, die einen schier wahnsinnig machen

Diese Geduld und Güte 90 Minuten anzusehen, macht einen schier wahnsinnig. Man wünscht sich einen schönen französischen Wutausbruch und bekommt nicht einmal einen Seufzer. Ein Kaliber wie Oberschwester Hildegard aus der Schwarzwaldklinik hätte dem Ganzen gewiss mehr Vitalität verliehen. Überhaupt ist jede Folge der Schwarzwaldklinik spannender als dieser Film, der wie eine dünne Fusion altbekannter Dorfgeschichten in den Zuschauer hineinsickert. Nicht einmal interessante Fälle landen in der Praxis von Werner und Delezia. Als sich dann endlich ein junger Mann mit Genitalwarzen auf Nathalies Pritsche legt, möchte man fast aufschreien ob dieser Kühnheit. Es versteht sich von selbst, dass Nathalie beim Anblick der peinlichen Gebilde lächelt. Zu diesem Zeitpunkt hat sich, denn eine kleine Dosis amour darf nicht fehlen, der Doktor natürlich schon längst in seine jüngere Kollegin verliebt; es gibt sogar eine Annäherungsszene im Röntgenzimmer. Leider ist sie so unglaubwürdig wie misslungen, da hilft auch die lange Einstellung auf Denicourts bezaubernden Nacken nicht.

Nein, man kann an diesem Film unmöglich etwas Gutes finden. Und doch: Die Franzosen lieben ihn. Sie lieben ihn, wie sie alle diese Filme lieben, weil das ganze Land ein großes, Linderung verschaffendes Wundpflaster braucht. Der Terror hat das Land traumatisiert. Immer mehr wählen den Front National und wollen den "Frexit" sowie eine eigene Währung. Vom Ende der fünften Republik ist die Rede. Derlei Filmkomödien sind Zufluchtsinseln. Die Deutschen fanden sie in der Nachkriegszeit in Alpen- und Heidelandschaften, die Franzosen finden sie jetzt in abgelegenen, lavendelduftigen Dörfern, wo jeder jeden kennt, man sich verstanden und aufgehoben fühlt, wo alles übersichtlich ist und man sich blind vertrauen kann. Hier gibt es weder verdächtige Menschen, noch verdächtige  Koffer. Amour statt Amok eben. Paris und Nizza scheinen weit weg.

Und so steht der Tumor im stolzen Kopf von Dr. Jean-Pierre Werner sinnbildlich für das Geschwür namens Terror, der wie beim Doktor in Lunge und Schulter ebenfalls seine Metastasen streut: nach Nice, Toulouse oder Magnanville. Es ist nur logisch, dass der Film etwas verspricht, wonach sich das ganze Land sehnt: nämlich Heilung. Eines Tages ist der Tumor im Kopf von Jean-Pierre, der sowieso nie krank aussah, mitsamt seinen Metastasen dank Bestrahlung dann auch plötzlich verschwunden. Die hilft leider nicht gegen menschenverachtende Gesinnungen, und so haben Filme wie dieser nur einen cineastischen Placeboeffekt.