Andere Regisseure drehen Filme mit Superhelden. Baz Luhrmann fragt sich: Warum so bescheiden? Der australische Regisseur inszeniert seine Filme, als wären sie selbst Superhelden. Fantasie, Bildgewalt und ein kaum zu fassendes Überangebot an Kleidern, Kulissen und Kleinstdetails sind ihre Spezialkräfte. Mit dem abendfüllenden Karaokevideo Moulin Rouge und einer Adaption des Großen Gatsby gewann Luhrmann insgesamt vier Ausstattungs-Oscars. Seinen Gatsby ließ er im pinkfarbenen Anzug durch einen endlosen Kostümball mit Rap und R'n'B-Soundtrack stolzieren. 

Nun hat der Regisseur seine erste TV-Serie gedreht: The Get Down erzählt von ein paar Emporkömmlingen im heißesten New Yorker Sommer seit Beginn aller Wetteraufzeichnungen. Tagsüber versuchen sie, nicht erschossen oder drogenabhängig zu werden. Nachts erfinden sie Hip-Hop. Luhrmann debütiert mit diesem Stoff auf Netflix, inszeniert ihn aber wie gewohnt, als wäre die größte Kinoleinwand der Welt noch zu klein für ihn.

Superhelden in der Selbstfindungsphase

Theoretisch geht es in The Get Down darum, dass sich der Kinderzimmerpoet Ezekiel (Justice Smith) mit dem Graffitikünstler, Gelegenheitsdealer und DJ-Azubi Shaolin Fantastic (Shameik Moore) einlässt, um erstens Eindruck zu machen auf die singende Pastorentochter Mylene (Herizen F. Guardiola) und zweitens nicht zu verblöden während seiner Sommerferien. Tatsächlich geht es darum, dass Luhrmann in der gebeutelten Bronx des Jahres 1977 einen neuen Schauplatz für seine superheroischen Bilderstrudel gefunden hat. Lustvoll lässt er Rapper, DJs, Sprayer, B-Boys und ihre natürlichen Feinde durch die teuerste Trümmerstadt der Fernsehgeschichte – nun ja – bouncen.

Und das sogar im wörtlichen Sinne. Wenn das Personal in The Get Down vor Eltern, Geldeintreibern, Cadillacs und puertoricanischen Banden flüchtet, erinnern die halsbrecherisch gefilmten Verfolgungsjagden an Superhelden in der Selbstfindungsphase. So wie Spiderman zu Beginn jedes Reboots erst einmal hilflos zwischen Hochhauszügen abstürzt oder gegen Bürokomplexglaswände klatscht, so landen auch Shaolin Fantastic und Co. immer wieder auf amüsante Weise im Dreck. Warum das so ist? Weil Luhrmann es kann.

Der Regisseur wurde vor 54 Jahren in Sydney geboren, beinahe buchstäblich so weit von Hip-Hop entfernt, wie es überhaupt möglich ist. Um der Kritik an seiner Besetzung in Zeiten von #OscarsSoWhite zuvorzukommen, stellte ihm Netflix ein Beraterteam an die Seite, das unter anderem aus dem DJ-Zeitzeugen Grandmaster Flash, dem Hip-Hop-Journalisten Nelson George und dem Rapper Nas bestand. Etwas gönnerhaft sagt Luhrmann nun, sein Job sei vor allem gewesen, diesen Experten das Geld zu besorgen.

Teuerste Netflix-Produktion bisher

Das hat geklappt: The Get Down ist die bisher kostspieligste Netflix-Serie. Luhrmann selbst stieg im Laufe der Produktion zum Showrunner und Defacto-Alleinherrscher auf. Das neunstellige Budget überzog er großzügig. Nach schleppendem Drehverlauf musste Netflix von seiner bisher gängigen Firmenpraxis abweichen: Statt alle Folgen der ersten Staffel gleichzeitig zu veröffentlichen, erscheinen zunächst lediglich sechs (drei davon wurden vorab der Presse gezeigt). Sechs weitere sind für Anfang 2017 geplant. Sie müssen noch gedreht werden.

Ein heilloses Chaos also – in dessen Angesicht The Get Down eine reizvolle Eigendynamik entwickelt. Luhrmann porträtiert nicht nur den Hedonismus eines Stadtteils, der sich keine Illusionen mehr über seinen nahenden Untergang macht. Er lebt ihn durch seine Entscheidungen als Regisseur und Showrunner regelrecht vor. Im Wissen um die Geburtswehen der Serie fühlt sich jeder Hochseilakt ihrer Protagonisten wie der potenziell letzte Hochseilakt des ganzen Projekts an. Die Haltung, die Luhrmann zu diesem Umstand demonstriert, lässt sich mit "drauf geschissen" beschreiben.

Ständig rappt sich jemand in Ekstase

Der Regisseur, der immer Glam sein wollte, musste also erst eine HipHop-Serie drehen, um Punk zu werden. Dieses Rumpeln muss man verkraften können. Einmal wirkt The Get Down leicht wie das Musical Grease, dann wieder schwül und aufgekratzt wie Spike Lees Do The Right Thing. Die ständige Gegenüberstellung von fiktionalen Szenen und Archivmaterial aus den Ruinen der Bronx weicht die Grenzen zwischen Drama und Doku auf. Charaktere erscheinen. Charaktere verschwinden. Beinahe jede Szene endet damit, dass sich jemand in Ekstase singt, tanzt oder rappt.

In den USA haben erste Kritiken The Get Down bereits für "unwatchable" erklärt, für praktisch nicht zu ertragen. Bei allen handwerklichen Unzulänglichkeiten und Logiklöchern im Fundament der Serie erinnert dieses Quasi-Todesurteil an die reaktionäre Haltung, die der heute größten Jugendkultur der Welt noch bis vor wenigen Jahren häufig entgegengebracht wurde. Wenn Hip-Hop keine Daseinsberechtigung als "richtige Musik" hat, wieso sollte The Get Down dann eine "richtige Fernsehserie" sein? Doch gerade im Kaputten und Überdrehten zeichnen sich der Sound ihrer Zeit und ihres Milieus ab.

Hip-Hop ist nicht zuletzt entstanden, weil ein paar DJs die fixe Idee hatten, ihre Plattenspieler auf unsachgemäße, vielleicht sogar zerstörerische Weise zu verwenden. The Get Down illustriert diesen Umstand mit einer Sample- und Scratch-Orgie aus Musical, Coming-of-Age-Bombast, Trümmerfilm und Superheldengeschichte. Dass sich ausgerechnet Luhrmann mit seinem flamboyanten Stil als geeigneter Regisseur dafür erweist, ist nur einer der vielen kleinen Coups dieser Serie. Dem Gründungsmythos des Hip-Hop kommt The Get Down damit näher, als es die meisten Lehrbücher jemals könnten.

"The Get Down" ist ab 12. August auf Netflix zu sehen.