Das hat geklappt: The Get Down ist die bisher kostspieligste Netflix-Serie. Luhrmann selbst stieg im Laufe der Produktion zum Showrunner und Defacto-Alleinherrscher auf. Das neunstellige Budget überzog er großzügig. Nach schleppendem Drehverlauf musste Netflix von seiner bisher gängigen Firmenpraxis abweichen: Statt alle Folgen der ersten Staffel gleichzeitig zu veröffentlichen, erscheinen zunächst lediglich sechs (drei davon wurden vorab der Presse gezeigt). Sechs weitere sind für Anfang 2017 geplant. Sie müssen noch gedreht werden.

Ein heilloses Chaos also – in dessen Angesicht The Get Down eine reizvolle Eigendynamik entwickelt. Luhrmann porträtiert nicht nur den Hedonismus eines Stadtteils, der sich keine Illusionen mehr über seinen nahenden Untergang macht. Er lebt ihn durch seine Entscheidungen als Regisseur und Showrunner regelrecht vor. Im Wissen um die Geburtswehen der Serie fühlt sich jeder Hochseilakt ihrer Protagonisten wie der potenziell letzte Hochseilakt des ganzen Projekts an. Die Haltung, die Luhrmann zu diesem Umstand demonstriert, lässt sich mit "drauf geschissen" beschreiben.

Ständig rappt sich jemand in Ekstase

Der Regisseur, der immer Glam sein wollte, musste also erst eine HipHop-Serie drehen, um Punk zu werden. Dieses Rumpeln muss man verkraften können. Einmal wirkt The Get Down leicht wie das Musical Grease, dann wieder schwül und aufgekratzt wie Spike Lees Do The Right Thing. Die ständige Gegenüberstellung von fiktionalen Szenen und Archivmaterial aus den Ruinen der Bronx weicht die Grenzen zwischen Drama und Doku auf. Charaktere erscheinen. Charaktere verschwinden. Beinahe jede Szene endet damit, dass sich jemand in Ekstase singt, tanzt oder rappt.

In den USA haben erste Kritiken The Get Down bereits für "unwatchable" erklärt, für praktisch nicht zu ertragen. Bei allen handwerklichen Unzulänglichkeiten und Logiklöchern im Fundament der Serie erinnert dieses Quasi-Todesurteil an die reaktionäre Haltung, die der heute größten Jugendkultur der Welt noch bis vor wenigen Jahren häufig entgegengebracht wurde. Wenn Hip-Hop keine Daseinsberechtigung als "richtige Musik" hat, wieso sollte The Get Down dann eine "richtige Fernsehserie" sein? Doch gerade im Kaputten und Überdrehten zeichnen sich der Sound ihrer Zeit und ihres Milieus ab.

Hip-Hop ist nicht zuletzt entstanden, weil ein paar DJs die fixe Idee hatten, ihre Plattenspieler auf unsachgemäße, vielleicht sogar zerstörerische Weise zu verwenden. The Get Down illustriert diesen Umstand mit einer Sample- und Scratch-Orgie aus Musical, Coming-of-Age-Bombast, Trümmerfilm und Superheldengeschichte. Dass sich ausgerechnet Luhrmann mit seinem flamboyanten Stil als geeigneter Regisseur dafür erweist, ist nur einer der vielen kleinen Coups dieser Serie. Dem Gründungsmythos des Hip-Hop kommt The Get Down damit näher, als es die meisten Lehrbücher jemals könnten.

"The Get Down" ist ab 12. August auf Netflix zu sehen.