Viele gute Menschen und eine Tote

Vielleicht braucht es den Blick von außen, um zu erkennen, was typisch deutsch ist. Fußgängerüberführungen etwa, diese Betonbrücken über mehrspurige Straßen. Schrankwände. Porzellantöpfe. Gummibäume. All dies sehen wir täglich, aber die ästhetische Beleidigung trifft uns nicht mehr. Sie fällt uns nicht mal mehr auf. 

Die erste Besonderheit von Aslı Özges Film Auf einmal ist, dass einem diese Details plötzlich wieder auffallen. Gleich in der ersten Szene sehen wir einen jungen Mann eine schier endlose Fußgängerunterführung entlang rennen. Er hetzt zur Notaufnahme, doch die ist geschlossen. Er rennt zurück in seine Wohnung. Dort liegt eine tote Frau auf dem Teppich. Er ruft die Polizei.

Von Anfang an lebt dieser Film von seiner Umgebung. Schauplatz ist die Kleinstadt Altena im Sauerland, ein idyllischer Ort in pittoresker Hanglage, umgeben von Wald.  Özge inszeniert die Stadt als klaustrophobisches Versuchslabor. Der Blick der Menschen prallt an den Bergwänden, an den Betonwänden ab. Die Topografie steht für Kleingeistigkeit und Feigheit.

All das wird aber erst viel später offenbar. Zunächst beginnt Auf einmal wie ein klassischer Thriller, es wird nicht verraten, ob Karsten, der junge Mann (Sebastian Hülk), etwas mit dem Tod von Anna (Natalia Belitski) zu tun hat. Der Zuschauer weiß, dass es eine Party gab, dass die junge Frau noch blieb, als der letzte Gast gegangen war, und dass die beiden sich küssten. Die Minuten oder Stunden bis zu ihrem Tod bleiben jedoch im Unklaren. 

Langsam rollt Özge die Handlung auf, stellt Karsten erst nach und nach weitere Figuren an die Seite. Der Vater (Hanns Zischler), ein großmütiger Patriarch alter Schule, organisiert gleich einen Anwalt für seinen Sohn. Die Freundin (Julia Jentsch), erst nach der Party von einer Dienstreise zurückgekehrt, leert in der gemeinsamen Wohnung noch pragmatisch die Aschenbecher der Nacht aus. Die Kollegen in der Bank begrüßen Karsten zunächst anteilsvoll, aber mit einer kaum verhohlenen Mischung aus Neugier und Grusel. Wann hat man das schon mal im Kleinstadtalltag? Eine tote Unbekannte. Als der Ehemann der Toten Karsten wegen unterlassener Hilfeleistung und fahrlässiger Tötung anklagt, zerbricht die Normalität endgültig.

Feine Irritationen

Auf der Berlinale lief Auf einmal in diesem Februar in der Sektion Panorama und erhielt berechtigstes Lob. Man kann Özge, 1975 in Istanbul geboren und seit 15 Jahren Wahlberlinerin, durchaus in einem Zug mit Maren Ade nennen, die mit Alle Anderen und zuletzt Toni Erdmann als neue Stimme des deutschen Films gefeiert wird. Beide Frauen stehen für eine Regie, die sich weniger an plot points orientiert als an den ganz feinen Irritationen zwischen Menschen.

In ihrem dritten Spielfilm zeichnet Özge meisterlich das Sittenbild einer Generation von Wohlstandskindern. Von den Eltern mit allem überversorgt, stehen sie nun als Dreißigjährige völlig hilflos mit dem Leben und seinen Problemen da. 

Die Alten an Biederkeit sogar noch übertroffen

Auf fast gespenstische Weise haben Karsten und seine Freunde die Rituale ihrer Eltern übernommen, ja, sie übertreffen diese noch an Biederheit. Das Büffet mit Gemüsestreifen, die uniformierten Anzüge der Bankkollegen, die Dialog-Choreografie auf den Pärchenabenden. Interessanterweise passen diese alt gewordenen Jungen in die Geschichte der realen Stadt Altena: Sie ist – Zufall oder nicht – eine der Gemeinden mit dem stärksten Bevölkerungsrückgang in Deutschland.

Karsten und seine Mitmenschen, das wird klar, haben noch nie daran gedacht, den dumpfen Kessel ihrer Heimatstadt zu verlassen. Umso dramatischer ist für den jungen Mann das Stigma, das als Angeklagter in einem Tötungsdelikt-Prozess an ihm haftet. Der Bankdirektor verbannt ihn "zu seinem eigenen Schutz" in ein Kellerbüro ohne Kundenkontakt. Seine Freundin zieht aus, die Clique meidet ihn, selbst Karstens Mutter versteht nicht, warum er "wie ein Verrückter" zur Notaufnahme gerannt ist, statt einfach die 112 anzurufen.

Ein deutscher film noir

Das Misstrauen seiner Umwelt belastet Karsten immer mehr und dennoch mag man ihm auch als Zuschauer nicht recht vertrauen. Warum hat er die Strumpfhose der Toten in seiner Wohnung versteckt? Und warum hat er nicht gemerkt, dass keiner seiner Partygäste die Frau kannte? Doch der Film verlässt den Kurs eines gewöhnlichen Thrillers, und Karsten wird eine ganz andere Seite seines Wesens offenbaren.

Auf einmal ist ein deutscher film noir im besten Sinne. Özge spielt aus, wie dehnbar die Begriffe Loyalität, Ehrlichkeit und Vertrauen sind. Und wie sehr Macht und Ansehen in Deutschland vererbt werden. Es jagt einem Schauer über den Rücken. Vor allem, wenn man sich selbst in diesem Spiegelbild des deutschen Mittelmaßes erkennt.