Wenn Woody Allen eine Serie für Amazon dreht, dann kann das zweierlei heißen. Entweder: Der Serienmarkt ist so mächtig geworden, dass sich sogar die A-Liga der Regisseure um einen Auftrag reißt. Oder aber: Der Serienmarkt ist so übersättigt, dass er A-Regisseure braucht, um das Publikum zu erreichen. 

Glaubt man den Gerüchten, die sich um die Produktion von Crisis in six scenes ranken, trifft eher die zweite Variante zu. Amazon habe ihm ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte, hatte Allen 2015 in Cannes gesagt. Er wisse im übrigen weder, was ein Streamingdienst sei, noch habe er je irgendwelche Serien gesehen.  

Das kann auch zweierlei bedeuten: Dass es für alle Beteiligten wirklich schreckliche Dreharbeiten waren. Oder dass Allen findige PR-Strategen hatte. Wie auch immer – sollte es tatsächlich zum Streit über die optische oder inhaltliche Ausrichtung der Serie gekommen sein, so hat der Regisseur ihn gewonnen. 

Crisis in six scenes ist ein typischer Woody Allen. Es beginnt mit dem schlichten Schwarz-Weiß-Schriftzug, es kommen Jazz-Lines vor und eine junge Blondine (Miley Cyrus) und endet mit den üblichen Neurosen. 

Die Geschichte hat Allen ins New York Ende der 1960er Jahre verlegt; die Proteste gegen den Vietnamkrieg, die Black-Panther-Bewegung, der Kampf um die Gleichberechtigung erreichen gerade ihren Höhepunkt. Weit davon entfernt, in einem gemütlichen New Yorker Vorort leben Sidney J. Munsinger, erfolgreicher Werbetexter, semi-erfolgreicher Buchautor, Neurotiker, Hypochonder, Narzisst und Feigling (Woody Allen) und seine Frau Kay (Elaine May), die als Eheberaterin arbeitet. Da platzt eines Nachts plötzlich die junge Lennie (Cyrus) herein, eine militante Anti-Vietnam-Aktivistin, die auf der Flucht einen Polizisten erschossen hat und nun landesweit gesucht wird. Kay, die mit Lennies Mutter befreundet war, fühlt sich der jungen Frau verpflichtet und nimmt sie gegen den Willen ihres panischen Gatten in der Villa auf. Nach und nach begeistert die junge Frau Kay mit ihrem revolutionären Gedankengut. Wie die Verstrickungen mit dem zweiten Mitbewohner der Munslingers, dem braven Bankersohn Alan (John Magaro) ausgehen, kann man sich vorstellen.

Die Gags sind den älteren Herrschaften vorbehalten

Allen erzählt also eine weitere Variation seines Lieblingsthemas: Die junge Frau, die eine saturierte Familie und deren Weltbild ins Wanken bringt. Cyrus fügt sich ein in die Reihe der "jungen Heldinnen" vor ihr wie Scarlett Johansson oder Mira Sorvino. Ein bisschen naiv, ein bisschen lasziv, ein bisschen smart. Die Gags sind allerdings den älteren Herrschaften vorbehalten.

Dazu gehören ein paar Seitenhiebe auf die Serienbranche. Gleich in der ersten Szene – die zu den wenig wirklich lustigen zählt – erzählt Munsinger seinem Friseur, er werde nun ins TV-Geschäft einsteigen. Es sei eben lukrativer als sein Auskommen als mittelmäßig bekannter Autor. In einer weiteren Szene versucht Munsinger erfolglos, seine Serien-Idee – das Leben einer ganz normalen Steinzeitfamilie – zu pitchen. Die Verantwortlichen sind gelangweilt und schauen demonstrativ auf die Uhr.

Ich mache das so, wie ich will

Allen selbst hat überhaupt nicht versucht, die Kunst des horizontalen Erzählens um eine weitere Nuance zu bereichern. Er hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, Crisis als Serie zu verkleiden. Zwischen dem Ende der ersten und dem Anfang der zweiten Folge gibt es keinen wirklichen Break, sogar die Musik läuft durch. Fast scheint es, als habe Allen mit diesem Stilmittel den Senderverantwortlichen einen Tritt gegen das Schienbein verpassen wollen: Scheiß' auf eure Cliffhanger. Ich mache das so, wie ich will.

"Ich dachte, ich drehe es einfach wie einen Film … einen Film in sechs Teilen", hatte Allen vorher treuherzig gesagt. Dass er das wirklich tun würde, hat bei Amazon wohl keiner geglaubt. Aber genau das ist passiert. Und so ist Crisis in six scenes nichts anderes geworden als ein sehr langer Woody-Allen-Film, aufgeteilt in sechs gleich große Häppchen à 25 Minuten. Im Hype um den nächsten großen Serienaufschlag hat Allen einfach das gemacht, was er immer macht. Eine Komödie. Nicht mal eine, die ihm besonders gut gelungen ist. Aber das kommt schon mal vor, wenn einer jedes Jahr ein neues Drehbuch schreibt und verfilmt.