Die reinste Horrorvorstellung

Es herrscht Totenstille in dem kargen Wohnzimmer. In dieses dunkle Nichts aus Atemlosigkeit hinein knarzt der alte Holzfußboden. Dann fällt ein Schuss. Liegen bleibt ein lebloser Körper und daneben die tödliche Erkenntnis in Form einer roten Pfütze, dass man bei Superhelden nicht einbricht.

Don't breathe, der Film, aus dem diese Szene stammt, ist wahrscheinlich die spannendste Superheldengeschichte des Kinosommers. Dabei ist der Mann, der hier den Finger am Abzug hat, gar kein Superheld, sondern ein blinder Kriegsveteran, der einsam in einem gottverlassenen Viertel der ziemlich heruntergeschwirtschafteten Metropole Detroit haust. Als drei Jugendliche, die von einem besseren Leben in Kalifornien träumen, mit einem Stemmeisen in sein Haus einbrechen, müssen sie schnell feststellen, dass die Blindheit den Mann zu einer schier übernatürlichen Killermaschine gemacht hat. Er hört besser, er riecht feiner, er fühlt sensibler, und er reagiert schneller. Eingeschlossen in dem stockfinsteren Haus entscheiden ausgerechnet seine toten Augen über das Leben der drei Eindringlinge.

Don’t Breathe ist ein Horrorfilm, der diese Woche auch in Deutschland anläuft. In den USA führt er bereits seit zwei Wochen die Kinocharts an, noch vor der Blockbusterproduktion Suicide Squad, dem eigentlichen Superheldenepos 2016. Der Film aus dem DC-Comic-Universum ist ein Erfolg, keine Frage. Gemessen an seinen Entstehungskosten bleibt er aber zumindest in den USA deutlich hinter den Erwartungen seiner Produzenten zurück.

Wie auch eine Reihe anderer Superhelden-Fortsetzungen und -Neuverfilmungen. Batman versus Superman: Dawn of Justice, X-Men: Apocalypse, Star Trek Beyond, Ben Hur, Independence Day: Wiederkehr, War Craft waren alle keine Kritikerdarlings und – mit Ausnahme von Captain America: Civil War – an den amerikanischen Kinokassen nur mäßige Erfolge.

Überrascht haben im amerikanischen Kinosommer hingegen ein paar andere Filme. Don’t Breathe, Lights Out und The Shallows sind auf unterschiedliche Art und Weise alles Horrorfilme. Ihre Budgets waren relativ klein, dafür haben sie umso mehr an der Kinokasse verdient.

Selten waren sich Publikum und Kritik so einig

Lights Out vom schwedischen Regisseur David F. Sandberg hat fünf Millionen Dollar gekostet und seit Juli etwa 66 Millionen Dollar eingespielt. The Shallows, mit Blake Lively als gestrandete Surferin in der Hauptrolle, hatte ein Budget von rund 20 Millionen Dollar und brachte seit seinem Start im Juni etwa 93 Millionen Dollar ein. Am bemerkenswertesten ist jedoch der Erfolg von Don't Breathe.

Der Film behauptet sich seit zwei Wochen gegen Suicide Squad. Innerhalb dieser wenigen Tage hat er das Fünffache seiner Kosten eingespielt, was bei Horrorfilmen selbstverständlich nicht unmöglich ist. Nur: In den vergangenen Jahren erreichten Horrorfilme meist entweder trotz Nichtbeachtung durch die Kritiker ihr Publikum, oftmals mit einer Nummer im Titel wie Paranormal Activity 4 (2012) und Insidious: Chapter 2  (2013), oder es waren kleine Independent-Filme, die der Kritik gefielen, aber nur ein Nischenpublikum fanden, wie Ich seh Ich seh (2014) und Green Room (2015). Selten waren sich beide, Publikum und Kritik, in solcher Breite einig wie jetzt bei Don't Breathe.

Die Box-Office-Zahlen sind großartig und die Besprechungen fallen größtenteils positiv aus. Das Branchenblatt Variety nennt den Film eine "handfeste Übung in brutalen, umbarmherzigen Schockmomenten, die Fans des Genres gefallen wird", und der kritische Guardian spricht gar von "einem Triumph".

Da drängt sich die Frage auf: Warum gucken die Menschen sich ausgerechnet diesen Sommer so gerne Horror an? Und warum gerät der neuerdings so gut?

Filmfans sind der Fortsetzungen und Neuauflagen überdrüssig

Zunächst mag auffallen, dass alle drei Hollywoodproduktionen von ausländischen Regisseuren stammen. The Shallows hat der Spanier Jaume Collet-Serra verantwortet, Don't Breathe Fede Alvarez aus Uruguay. Die beiden sowie der Schwede Sandberg fielen in Hollywood mit originellen Ideen in ihren früheren Arbeiten auf. Sich ausländische Autorenfilmer zu sichern, ist in Hollywood jedoch kein neues Phänomen. Auch wenn es sicher eine smarte Idee ist, diesen Künstlern überschaubare Budgets für kleinere Genrefilme zu geben, damit sie diese mit neuen Ideen und anderen Blickwinkeln aufladen.

Möglicherweise sind Filmfans diesen Sommer auch der ganzen Fortsetzungen und Neuauflagen überdrüssig. Statt sich etwas wirklich Ausgefallenes einfallen zu lassen, kündigt beispielsweise Marvel lieber die nächsten 731 Comicverfilmungen an und nennt Starttermine für Filme im Sommer 2019, für die es weder Drehbücher noch Besetzungen gibt. Wer blickt da noch durch? Wen juckt das noch? Am Ende wird dort doch nur wieder eine Stadt in Schutt und Asche gelegt werden bei dem Versuch, einen Überbösewicht davon abzuhalten, die Welt untergehen zu lassen. Schocken können diese Szenarien kaum noch, das Muster ist zu bekannt.

Für die Lust am Horror gibt es handfeste wissenschaftliche Begründungen. Beim Gucken setzen wir uns etwas aus, das sich anfühlt sich eine lebensbedrohliche Situation. Selbst wenn wir im Kopf genau wissen, dass das Geschehen nur auf der Leinwand stattfindet, kann der Körper sich nicht gegen den Schock wehren. Das Adrenalin, das die Angst im Körper freisetzt, nutzt der Körper des Zuschauers, um sich stark zu fühlen, wenn er aus dieser Situation unbeschadet herausgeht.

Zombies und Viren

Vor allem sind Horrorfilme natürlich auch immer eine Reflexion ihrer Zeit. So gab es nach 9/11 einen starken Zuwachs an Filmen, die wie Hostel (2005) mit dem Motiv Folter spielten. Nach der Vogelgrippe in Asien wurden diverse Zombiefilme, zum Beispiel World War Z  (2013), gedreht, in denen sich Viren rasend schnell in der Bevölkerung verbreiteten.

Von Stephen King stammt der Satz, dass "wir uns Horrorgeschichten ausdenken, um mit dem realen Horror klarzukommen". Wenn die Beschaffenheit des Horrors also auch immer ein wenig die äußeren gesellschaftlichen Umstände widerspiegelt, könnte  man hier zu einem einfachen Schluss kommen: Diese Filme erklären das Unbekannte zur größten menschlichen Angstquelle und meinen damit die Furcht vor etwas, das in Zeiten des Terrors durchaus weiterverbreitet ist – nämlich das beklemmende Gefühl, aus dem Nichts attackiert zu werden.

Um das darzustellen, bedienen sich die drei jüngsten Horrorfilme sowie auch die erfolgreiche Netflix-Serie Stranger Things, in denen ein gesichtsloses Monster Kinder in eine Unterwelt zieht, bemerkenswerterweise alle desselben Kniffs: Sie belassen die Ursache des Grauens im Dunkeln. Der Hai, der die Surferin in The Shallows terrorisiert, wird lange nur angedeutet. Das Monster in Stranger Things ist über mehrere Episoden nur ein Schatten, eine Silhouette, und in Don't Breathe und Lights Out wird schlicht das Licht ausgeknipst, sodass das Böse kaum erkennbar ist.

Der Zuschauer weiß, dass und woher Gefahr droht. Er weiß aber nicht, wie sie aussieht.

Dabei spielen diese Streifen (und genau das macht sie so effektiv) mit einem einfachen Trick, den uns das Horrorgenre seit jeher weismachen will: dass wir Angst im Dunkeln haben sollen. Dabei haben wir natürlich keine Angst vor der Dunkelheit oder vor dem Meer. Wir fürchten uns nur vor dem, was sich darin verbirgt.