Eine so radikale Einschätzung macht Alverson auch im amerikanischen Independent-Film zum Außenseiter, schließlich arbeiten auch unabhängig produzierte Filme dort größtenteils mit klassischen Erzählmustern. In Zeiten, in denen die großen Studios sich auf ihre Tentpole- und Blockbuster-Maschinerie mit Superhelden und Fantasy-Welten konzentrieren, ist der Begriff des Independent-Films ohnehin stark aufgeweicht. Nach der klassischen Definition – nämlich der unabhängigen Finanzierung außerhalb des Studiosystems – sind die meisten Filme, die bei den Oscars eine Rolle spielen, Independent-Filme. Dann gehören auch die großen Sieger der Verleihung 2016, Spotlight und The Revenant, dazu.

Der einflussreiche amerikanische Filmkritiker Richard Brody definiert Independent-Filme anders: Nicht die Frage nach der Finanzierung interessiert ihn, sondern die nach der Haltung. In ihnen, meint Brody, stellen die Filmemacher sich selbst infrage, suchen ihren Platz in der Welt. Nach dieser Definition hat das junge amerikanische Independent-Kino mehr zu bieten als die immer gleichen Platzhirsche wie Wes Anderson oder Jim Jarmusch. In diesen Filmen scheint ein anderes Bild der USA auf – flackernd, unsicher, mehr Fragen stellend als Antworten gebend.

Mittlerweile reagieren auch deutsche Verleiher auf die jungen US-Filmemacher. Mit Queen of Earth war kürzlich endlich ein Film von Alex Perry Ross in den deutschen Kinos zu sehen, einem der Stars der Szene. Das intensive Psycho-Drama verschränkt auf fulminante Weise verschiedene Zeitebenen miteinander. Ross hatte schon mit dem Vorgänger Listen Up, Philip Erfolg bei Kritik und Publikum, in Deutschland erschien der Film auf DVD. Gut möglich, dass Ross bald kein klassischer Independent-Filmer mehr ist – eines seiner nächsten Projekte soll eine Winnie-Puuh-Verfilmung sein.

Große Vielfältigkeit des Independent-Films

Micah Magee lebt zwar inzwischen in Berlin und Dänemark, drehte ihr Debüt aber in ihrer texanischen Heimat. Mit Petting Zoo, einem so offenen wie schmerzhaften Blick auf einen schwangeren Teenager, verfilmte sie ihre eigene Geschichte. Ebenfalls aus der Position des Exilanten schaut Chad Hartigan auf seine Heimat. Nicht der Regisseur, sondern sein Protagonist hat in Morris aus Amerika die USA verlassen: Der schwarze Teen aus New York muss sich in Heidelberg zurechtfinden. Eine Komödie, die sehr genau beobachtet und am 3. November in den deutschen Kinos anläuft.

Innerhalb der großen Vielfältigkeit des neueren amerikanischen Independent-Films verweigert sich allerdings keiner mit derartiger Konsequenz Vermarktungs- und Rezeptionsansprüchen wie Rick Alverson. Seine Filme sind an nihilistischer Schwärze nicht zu überbieten. Dass Entertainment einen deutschen Kinostart bekommt, ist deshalb ein kleines Wunder und den rührigen Kleinstverleihen Drop-Out-Cinema und Bildstörung zu verdanken. Ambitionierte Kinobesitzer können ihn sogar mit The Comedy als Double-Feature buchen.

Das wäre für die Zuschauer natürlich eine noch größere Herausforderung, würde aber eine rauschhafte Erfahrung garantieren. Vor allem Entertainment entwickelt sich im Verlauf zu einer bildgewaltigen Reise ans Ende des Verstandes, in der Albtraum und Wirklichkeit ineinander fließen. Eine Party mit angedeuteter Gruppenvergewaltigung, eine gebärende Frau in einem Tankstellen-WC, eine immer wieder einmontierte mexikanische Sitcom – was hier real ist, was Vorstellung, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Zunehmend lösen sich in Entertainment die Erzählstrukturen auf, die expressiven Bilder in glorreichem Cinemascope wälzen sich in einem gewaltigen Mahlstrom Richtung Abgrund.

"Die Idee, es könne in Filmen so etwas wie eine Auflösung, ein Happy End geben, fand ich immer merkwürdig", sagt Rick Alverson. "Wenn ein Film einen gewissen Naturalismus für sich in Anspruch nimmt, dann muss er auch das zusammenhanglose und schwierige Wesen der Welt abbilden." In diesem Sinn bekommt Entertainment tatsächlich fast dokumentarischen Charakter: Wie in einem irrlichternden Schattenkabinett scheinen unterdrückte menschliche Ängste und Obsessionen auf. Und der Zuschauer erkennt sich darin wieder. Ob es ihm gefällt oder nicht.