Das Gras steckt natürlich nicht in ordinären Plastiktütchen, sondern in einem Designer-Holzkoffer. Einzeln abgepackt, mit bunten Etiketten. Auch als Dealer muss man mit der Zeit gehen, in Brooklyn und Manhattan möchte man seine Drogen gerne organic

Das Kiffen ist zurück im Fernsehserienbetrieb. Nach all dem harten Stoff in Breaking Bad, The Night Of und Narcos feiern in High Maintenance nun Joint, Pfeife und sogar die gute alte Bong ein Revival. Sechs Episoden lang folgt der Zuschauer dem namenlosen weed guy (Ben Sinclair) durch New York und teilt seine kurzen Einblicke ins Leben der unterschiedlichsten Großstadt-Existenzen.

Der Serientitel High Maintenance ist hier im technischen Wortsinn zu verstehen, nämlich als "pflegeaufwändig". Der Job, den der weed guy jeden Tag auf seinen Fahrradtouren durch New York verrichtet, geht weit über das Zustellen eines Päckchens Gras hinaus. Seine Kunden sind allesamt pflegeintensiv, egal aus welchem Milieu sie stammen. Die Schülerin, die sich nachts auf den Dachgarten schleicht und sich dem Erwartungsdruck ihrer pakistanischen Familie mit ein paar Lungenzügen entzieht. Die in die Jahre gekommene Gruppensex-Freundesgruppe, die ausgerechnet am 50. Geburtstag eines ihrer Mitglieder auseinanderbricht. Der Muttersohn mit Platzangst, der seine Wohnung mit Limonadendosen zutapeziert hat. Der weed guy füllt eine Leerstelle im Leben dieser Menschen aus. Ihrem Klammergriff muss er sich manchmal handfest erwehren.

Das Kiffen ist in dieser Serie weit entfernt vom lustig-verpeilten Dude-Charme eines Big Lebowski. Die Droge passt eigentlich nicht mehr in das New York der Jetztzeit, in das gehetzte Leben der Selbstoptimierer. Keiner der Kunden ist ein klassischer Hänger-Typ. Der Joint ist für sie vielmehr ein kleines Ventil in ihrem durchgetakteten Leben. Ein kleiner Moment des Sich-Verlierens in einer Stadt, in der man sich das Verlieren nicht leisten kann.

Schon viele Filmer haben versucht, die Einsamkeit der Großstadt einzufangen, mal mit mehr, mal mit weniger Pathos. Dieser kleinen, kunstvollen Serie gelingt das auf eine ganz außergewöhnliche Weise.

Als Webserie gestartet

High Maintenance war ursprünglich ein Nischenprodukt, geschrieben und gedreht von Katja Blichfeld und Ben Sinclair. Von 2012 bis 2015 veröffentlichte das Ehepaar 19 Folgen – keine länger als 12 Minuten – auf der Videoplattform vimeo. Dort avancierte die Serie zu einem der beliebtesten Formate, HBO wurde darauf aufmerksam und schlug vor, sie für den "großen TV-Screen" zu adaptieren. Sinclair und Blichfeld hatten zunächst Bedenken, ihre eigene Handschrift zu verlieren. Diese Befürchtungen haben sich nicht erfüllt. Die sechs neuen High Maintenance-Folgen haben noch immer den Charme einer Off-Produktion, auch wenn sie nun nicht mehr im Apartment des Produzenten gedreht werden.

Schöpfer von "High Maintenance": Ben Sinclair, der auch die Hauptrolle spielt, und seine Ehefrau Katja Blichfeld. © 2016 Home Box Office, Inc.

Jede Episode ist 30 Minuten lang, kommt einem aber viel länger vor. Sinclair und Blichfeld besitzen die bemerkenswerte Gabe, einen Charakter in weniger als drei Minuten so plastisch und vielschichtig zu präsentieren, wie es anderswo in einer ganzen Staffel nicht gelingt.

Das liegt interessanterweise nicht an den Dialogen. Gesprochen wird in der Serie nämlich fast nur im Small-Talk-Duktus: "Hey, wie geht’s dir?" – "Großartig. Und dir?" – "Alles bestens." Was wir über die Charaktere erfahren, erzählen die Regisseure über scheinbar nebensächliche Details. Die Wohnungseinrichtungen zum Beispiel. Die Wand des vereinsamten Muttersöhnchens ist vollgehängt mit Szenen aus Helen-Hunt-Filmen. Die Leselampe der Instagram-süchtigen Autorin thront auf einem perfekt drapierten Bücherstapel, ganz obenauf liegt der neue Franzen-Roman. Aus jeder dieser Kleinigkeiten spricht viel über das Sein und Wollen der Protagonisten: wer sie sind und vor allem, wer sie sein möchten.