ZEIT ONLINE: In Ihrem neuen Film Die letzte Sau zeigen Sie unter anderem recht explizit das Schlachten von Schweinen und das Töten "überschüssiger" Ferkel. 

Aron Lehmann: Manche Szenen sind eine bewusste Zumutung, denn sie sind alltäglich. Essen und Trinken werden wir immer brauchen – nur haben wir keinen blassen Schimmer mehr, wo das Existenziellste eigentlich herkommt. In der süddeutschen Region, in der ich aufgewachsen bin und in der der Film spielt, verbinden die Bauern- und Handwerkerfamilien ihre Arbeit noch mit Stolz und Identität. Anderswo erlebe ich das kaum noch. Es ist eine beglückende Erfahrung, mit den eigenen Händen etwas zu erschaffen, was jeder täglich braucht. Auch wenn Kartoffelnsortieren ein stupider Scheißjob ist, weißt du, wofür du es machst.

ZEIT ONLINE: Wie sah die Recherche für den Film aus?

Lehmann: Ich habe als Knecht in einem traditionellen Familienbetrieb gearbeitet. Morgens um halb sechs wurden die Kühe gemolken, am Abend bin ich völlig fertig ins Bett gefallen. Zwar bin ich in Kuhställen irgendwie auch groß geworden, als Gast, aber erst jetzt habe ich gemerkt: Zugucken ist das eine, Machen ist was ganz anderes.

ZEIT ONLINE: Die letzte Sau hat eine klare Haltung. Ist Ihnen wichtig, dass ein Film eine Botschaft vermittelt?

Lehmann: Ich bin kein großer Freund vom Missionieren. Auch diese Vegetarierbegriffe finde ich schwierig, weil es sofort dogmatisch wird. Nach dem Motto: Bist du einer von denen oder einer von uns? Außerdem ist es relativ sinnfrei, wenn du sagst "Ich bin Vegetarier" und dann die 40-Cent-Milch bei Aldi kaufst. Die Kuh leidet so viel länger, weil sie nicht wie ihre männlichen Artgenossen nach ein paar Monaten geschlachtet wird. Es geht darum, wieder ein Bewusstsein für Leben zu entwickeln. Für unseres und das anderer Wesen.

ZEIT ONLINE: Trotz Ihrer Wut und des ernsten Themas haben Sie aus dem Stoff eine Komödie gemacht. Weshalb?

Lehmann: Gute Komödien haben immer einen ernsten Ansatz. Ich glaube, dass Humor eine Waffe ist. Wenn du das Thema "Klein gegen Groß" als Sozialdrama erzählst, werden nur die Leute reingehen, die sich ohnehin schon mit dem Thema beschäftigen. Die fühlen sich dann bestätigt und klopfen dir auf die Schulter: "Das hast du toll erzählt, wir sehen das genauso." Wenn du so ein Thema aber über Bande spielst, als Mundart-Komödie zum Beispiel, kriegst du auch Leute ins Kino, die sich damit eigentlich gar nicht beschäftigen wollten. Du unterhältst sie und gibst ihnen durch die Hintertür noch etwas mit auf den Weg. Ein paar Leute werden zwar sagen: "Der nimmt das Thema nicht ernst genug." Aber das Gegenteil ist der Fall: Ich nehme es besonders ernst.

ZEIT ONLINE: Den Vorgängerfilm Highway to Hellas hatten Sie für Warner gedreht und waren damit vom Indie-Fach in den Mainstream gewechselt. Fiel Ihnen diese Entscheidung schwer?

Lehmann: Gar nicht. Ich mag Highway to Hellas wahnsinnig gern und glaube auch, dass man meinen Einfluss auf diesen Film spüren kann. Aber man muss auch unterscheiden zwischen dem Regisseur als Künstler und dem Regisseur als Handwerker. Es ist einfach ein Beruf, den ich ausübe. Ich habe keine Lust, Cappuccinos zu servieren, um über die Runden zu kommen. Dann arbeite ich lieber als Handwerker und bespreche vorher mit dem Produzenten, welches Produkt herauskommen soll. Für mich muss ein Film nicht immer ein Spiegelbild meiner Seele sein, aber ich muss mich für das Projekt begeistern können.

ZEIT ONLINE: Wofür hat Ihnen Ihre Arbeit mit Warner genützt?

Lehmann: Ich wusste: Wenn ich mit Warner arbeite, gehen viele Türen auf, dann sind die Förderer das nächste Mal auch bei spezielleren Stoffen bei mir. Wenn man hingegen Arthouse macht, geht keine Warner-Tür auf. Man muss den Mut haben, das große Ganze zu sehen und auch mal ein bisschen Kritik auszuhalten.