Gefasst und in sich ruhend, fast gleitend schreitet diese junge, sehr aufrecht wirkende Frau durchs historische Quedlinburg. Über Kopfsteinpflaster hinweg, an Fachwerkhäusern vorbei, zum Friedhof, auf dem das Grab ihres Liebsten liegt, der in Frankreich gefallen ist, am Ende des ersten Weltkriegs, noch vor seinem 23. Geburtstag. Vom Friedhof geht sie zum Wirtshaus, in dem die Generation der Väter gegen die Schmach der Niederlage und die Wunden des Krieges pöbelt und singt. Weiter von dort nach Hause, zu den Eltern von Frantz, die ihr eine neue Heimat gegeben haben, weil sie in der gemeinsamen Trauer Trost finden. Ernst und Melancholie umhüllen Anna wie ein Kokon. Völlig ohne Anspruch und Erwartungen gleitet sie durch ein Leben, dem alle Farben ausgetrieben wurden, allem Weltlichen entrückt, ein bisschen wie ein Geist.

Paula Beer spielt sie mit einer Anmut und für ihr noch immer junges Alter erstaunlichen Reife, gleichermaßen unschuldig und abgeklärt. Genau diese Mischung hat den französischen Regisseur François Ozon überzeugt, der schon immer besonders feine Antennen für das Geheimnis schöner, unnahbarer Frauen hatte. Jedenfalls hat er Paula Beer nun die erste internationale Rolle ermöglicht und damit gleich auch noch den Marcello Mastroianni-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin auf den Filmfestival von Venedig.

Dieses französische Debüt befeuert Vergleiche mit Romy Schneider, doch Paula Beer kultiviert einen sehr viel verhalteneren Sex Appeal mit ihren Rollen in hochgeschlossenen Kleidern vergangener Epochen. Und selbst wenn sie nicht vor der Kamera steht, sondern auf Pressekonferenzen oder auf dem roten Teppich vor den Mikrofonen und Kameras der Journaille spielt sie ihre Reize eher runter als hoch. "Die Sexualisierung des Lebens durch die Medien finde ich erschreckend", sagt Paula Beer, die auch im Gespräch, kurz vor der deutschen Premiere des Films eine nachdenkliche Reife ausstrahlt, die kein bisschen altklug wirkt und von einer charmanten Mädchenhaftigkeit unterspielt wird. "Als ich Abitur gemacht habe, fielen mir die neuen Achtklässler mit ihren tiefen Dekolletés und knappen Höschen auf. Sie strahlen damit Signale aus, die gar nicht zu ihrem kindlichen Alter passen. Als Schauspielerin bin ich auch Person des öffentlichen Lebens und Vorbild und möchte solches Verhalten auf keinen Fall provozieren." Auf dem Foto der Website ihrer PR-Agentur wirkt sie dann freilich doch so glamourös wie eine französische Kinogöttin, im raffinierten Spiel von Licht und Schatten, die eine Gesichtshälfte von weich fallenden Locken verdeckt mit leicht geöffneten Lippen, gesenkten Augen und tiefem Rückenausschnitt.

Der ganz große Vergleich: Romy Schneider

Obwohl Beer selbst keine sonderliche Ähnlichkeit erkennt, empfindet sie den Vergleich mit Romy Schneider als großes Kompliment, auch weil sie natürlich weiß, wie sehr die Franzosen Romy Schneider geliebt haben. "Das war besonders bedeutungsvoll bei so einem wichtigen Projekt, einer so großen Rolle, bei der ich ja auch zum ersten Mal auf Französisch spielen musste", sagt sie. "Je länger man den Beruf ausübt, desto mehr Druck macht man sich, weil einem immer bewusster wird, was Filme bedeuten können und wie viele Menschen sie sehen.  Bei diesem Projekt herrschte vor dem Dreh schon eine größere Aufregung als sonst. Da beruhigt so ein großer Vergleich als Feedback sehr."

Eine beachtliche innere Reife zeigte die 1995 in Mainz geborene Paula Beer bereits in ihrer allerersten Rolle als vierzehnjähriges Mädchen in Poll, unter der Regie von Chris Kraus, der sein besonderes Gespür für jugendliche Urgewalten zuvor mit der Besetzung von Hannah Herzsprung in 4 Minuten bewiesen hatte. Seine Casting-Agentin pflückte den Teenager damals direkt vom Schulhof, auf der Suche nach einer Darstellerin für die Halbwaise Oda, die nach dem Tod der Mutter aus Berlin an die baltische Ostseeküste verpflanzt wird. Und so wie Beer da die versammelte Gesellschaft in den Bann einer Erzählung vom schwarzen Hühnchen und dem Wassertropfen zieht, verführte sie auch die Zuschauer mit ihrer Mischung aus unschuldigem Charme, wachsamer Neugier und reflektiertem Widerstand.

Schon Poll spielte Anfang des 20. Jahrhunderts, kurz vor dem ersten Weltkrieg. Es scheint, als habe Paula Beer diese ruhige und klassische Aura, die sie für Geschichten aus vergangenen Zeiten prädestiniert: als junge Verlobte Sophie Herzogin in Bayern, die im Biopic Ludwig II mit dem Märchenkönig nicht froh wird; als Bauernmädchen der Tiroler Hochalpen in  Andreas Prochaskas Das finstere Tal, einer fulminanten Kreuzung aus amerikanischem Rache- und Schneewestern mit österreichischem Heimatfilm. Der ganze Film ist aus der Perspektive des Mädchens erzählt. Beers neugierige und konzentrierte Aufmerksamkeit ist der Kompass durch die düstere Geschichte um ein Dorf, das durch die Brenner Brüder terrorisiert wird, die jede junge Braut ihren Hochzeitstag fürchten lassen.