Die Ritter der Ehrenrunde – Seite 1

Wie viele Generationen sind wohl mit den Büchern um die Jungen von Burg Schreckenstein aufgewachsen? Der erste Roman der Serie erschien 1959. Ihr Autor Oliver Hassencamp, Jahrgang 1921, war Absolvent der von Kurt Hahn gegründeten Internatsschule Schloss Salem am Bodensee. Hahn war ein wichtiger Vertreter der Erlebnispädagogik und dieses Erziehungskonzept, das unter anderem auf Natursportarten und Gruppendynamik basiert, liegt auch den Schreckenstein-Romanen zugrunde. Was gesellschaftliche Normen und Rollenbilder betrifft, transportieren die Geschichten (der letzte Band erschien 1988; im selben Jahr verunglückte Hassencamp bei einem Autounfall tödlich), aber noch unerschütterlich den Geist der späten fünfziger und sechziger Jahre.

Liest man die Bücher heute noch einmal, machen sie dennoch unglaublichen Spaß. Weil das Internatsleben auf der Burg einen Charme und eine ganz bestimmte atmosphärische Intimität entfaltet. Und weil trotz der restriktiven Gesetze, die sich die Jungenschule selbst gegeben hat, ein Hauch von Gedankenfreiheit durch die Burg Schreckenstein weht, von der jeder junge Mensch träumt.

Es ist Wagnis und Herausforderung zugleich, sich an die Verfilmung einer derart kanonisierten Serie zu machen, zu der jeder bereits seine fertigen Bilder im Kopf hat. Und die vor allem nicht darum herumkommen kann, die Schreckenstein-Geschichten in die Gegenwart zu transportieren. Regisseur Ralf Huettner (Vincent will meer) und Drehbuchautor Christian Limmer haben sich, mit ausdrücklicher Billigung von Oliver Hassencamps Witwe, an eine Kinoverfilmung herangetraut. Das Ergebnis ist überraschend unpeinlich und gelungen. Wenn das Nervigste an einem Kinder- und Jugendfilm der Umstand ist, dass die unverwüstlichen Sportfreunde Stiller ihren infantilen musikalischen Beitrag leisten, kann nicht allzu viel schiefgelaufen sein.

Der Schreckenstein-Film nimmt, gezwungenermaßen, eine Reduktion des Personals vor. Die Internatsschüler in den Buchvorlagen bestehen aus Typen, die fast ausschließlich auf ihre hervorstechenden Eigenschaften (stark, strategisch planend, handwerklich geschickt, neugierig) beschränkt sind und zum passenden Handlungszeitpunkt hervorgezogen werden. Der knapp 100 Minuten lange Film ist nicht nur eine Komposition aus verschiedenen Schreckenstein-Episoden, sondern konzentriert sich in seiner Erzählung auf die wichtigsten Ritter, wie die Schüler sich selbst nennen.

Da ist also Stephan (Maurizio Magno), elf Jahre alt, ein Stadtkind, dessen Eltern sich getrennt haben und dessen Mutter Melanie (Jana Pallaske) sich dazu entschließt, ihn auf ein Internat zu geben. Weil Schreckenstein-Direktor Meyer, genannt Rex, ein alter Schulfreund von ihr ist, fällt die Wahl auf seine Institution. Rex ist eine zentrale Figur im Schreckenstein-Kosmos. In der Vorlage ein eher distanzierter, aber progressiver Verbündeter, wird er in der Film-Darstellung von Henning Baum zu einem robusten, vollbärtigen Kumpeltyp mit Manufactum-Attitüde. Das passt ziemlich gut, zumal die blendend in Szene gesetzte Filmkulisse (gedreht wurde in insgesamt fünf Burgen und Schlössern in Südtirol und Bayern) einen urwüchsig-hippen Strickpullipauker besser verträgt als einen verständnisvoll problematisierenden Dr. Specht-Verschnitt.

Mit Drohnen ins Mädcheninternat

Harald Schmidt in der Rolle des Burgbesitzers Graf Schreckenstein © 2016 Concorde Filmverleih/​Oliver Oppitz

Was Stephan auf Schreckenstein passiert, ist das, was jedem passiert, der in eine geschlossene und funktionierende Gemeinschaft mit ihren Regeln und Ritualen hineinkommt: Er wird misstrauisch beäugt. Und er muss sich bewähren. Die Chefritter auf Schreckenstein, das sind Schulkapitän Ottokar (Benedict Glöckle), Musterschüler Strehlau (Eloi Christ), der wortgewandte Mücke (Caspar Kzysch) und vor allem das Alphatier Dampfwalze (Chieloka Nwokolo). Dass man ausgerechnet Dampfwalze, den stärksten und in seinem ganzen Wesen auch deutschesten Ritter (in den Büchern nur "Muskelprotz mit Spatzenhirn" genannt), im Film in eine juvenile Boateng-Version (irgendwo zwischen Jérôme und Kevin-Prince) verwandelt hat, ist schon feinste Ironie. Aber auch das funktioniert.

Um auf Schreckenstein etwas zu gelten, muss man Mutproben bestehen. Eine Mutprobe, und da unterscheidet sich Schreckenstein wiederum von keiner anderen Schule, besteht darin, sich sich möglichst lustige Streiche auszudenken. Das Ziel dieser Streiche heißt Schloss Rosenfels, ist ein Mädcheninternat und liegt auf der anderen Seite des Sees. Rosenfels ist der dunkle pädagogische Spiegel von Schreckenstein, denn dort herrscht die Leiterin Frau Dr. Horn (Sophie Rois) mit unerbittlicher Strenge.

Vor allem Eltern werden diesen Film sehen wollen

Streiche und Gegenstreiche also. Die fünf Jungs gegen die gleichaltrigen Mädchen Bea (ziemlich toll: Nina Goceva), Inga (Mina Rueffer) und Alina (Paula Donath). Und während Schreckenstein und Rosenfels ihre guten alten Mädels-Jungs-Scharmützel (hinter denen, versteht sich, frühpubertäre Anziehung steckt) führen, bastelt Schlossherr Graf Schreckenstein (Harald Schmidt in einer Nebenrolle als zauseliger Sonderling), sekundiert von seinem Diener Jean (Alexander Beyer mit gekonnt unbewegtem Mienenspiel) an seinem Lebenstraum und Familientrauma zugleich – dem perfekten Heißluftballon.

All das ist ziemlich konventionell und auf der Plotebene möglicherweise auch vorhersehbar. Doch Schreckenstein konserviert einen Reiz, der nichts Muffiges hat. Das Frappierende an der Neuverfilmung: Die Streichmethoden sind durchaus aus der Jetztzeit. Gebastelt werden eben Drohnen. Das Ergebnis ist das Gleiche wie 1959: Man setzt sich gegenseitig unter Wasser, sperrt Hühner in den (selbstverständlich mit Computern ausgestatteten) Klassenraum oder schmiert sich die gute alte Zahnpasta unter die Türklinken. Das ist harmlos, mag sein. Aber es ist auch irgendwie rührend und vor allem behutsam gemacht. Nicht jede heile Vorstellungswelt muss brachial entzaubert werden. Es steht zu erwarten, dass vor allem Eltern diesen Film sehen wollen. Aber sie dürfen ihre Kinder gerne mitnehmen.