Ein infernalischer Herbst

Treppchen hoch und dann immer dem gleißenden Licht entgegen? Das ist nur unsere postmoderne Vision von Tod und Auferstehung, so etwas wie das Snapchat-Bildchen eines Vorgangs, der in anderen Zeiten als weitaus komplexer eingestuft wurde. Zum Beispiel von der christlichen Kirche. Seit ihrer Erfindung hat sie sich intensiv mit der Beschaffenheit des Jenseits auseinandergesetzt und verbreitete über Jahrhunderte die Auffassung: Wir kommen erstens alle in die Hölle, und zweitens wird sich das Maß unserer Qualen strikt nach unserem Tun und Lassen im Diesseits richten. Einer, der sich dieser theologischen Version mit besonderer künstlerischen Inbrunst widmete, war Sandro Botticelli.

Bekannt ist der Renaissance-Künstler heute vor allem für seine Darstellungen von Schönheit: für seine blonde Allegorie des Frühlings und für die Geburt der Venus, den ersten lebensgroßen Frauenakt seit der Antike. Tausende pilgern in Ausstellungen und Museen, um diese Gemälde zu sehen. Der Florentiner, Sohn eines Lohgerbers, hatte es geschafft, die Medici als Förderer seiner Kunst zu gewinnen. 20 Jahre lang malte er in ihrem Auftrag und wurde schließlich 1481 vom amtierenden Papst nach Rom berufen, um dort die neu gebaute Sixtinische Kapelle auszuschmücken. Ein Star seiner Zeit.

Doch Botticelli war nicht nur für das Erhabene zuständig. Er malte mit ebensolcher Leidenschaft menschliche Abgründe. 1480 beauftrage ihn Lorenzo di Pierfrancesco de' Medici in Florenz mit einem Bilderzyklus zu Dante Alighieris Commedia. Das momumentale Werk des Dichters war da gerade erstmals in Druckform erschienen und entfaltete eine durchschlagende Wirkung: Mit seiner Reise durch Hölle und Fegefeuer zum Paradies hatte Dante eine Summa der christlichen Welt verfasst, deren historisches, physikalisches, astronomisches, theologisches und philosophisches Wissen so umfangreich ist, dass sie die Exegeten bis heute beschäftigt und ganz Italien den Mann noch immer als Nationalhelden verehrt. 

Professor Langdon rettet die Welt

Botticelli malte nun also Dantes Commedia, die wir inzwischen gemeinhin Die göttliche Komödie nennen. Ein Mega-Event der Frührenaissance, wenn man so will, und damit genau das Richtige für einen modernen Schriftsteller wie Dan Brown. Der hat die Hintergründe jener Zeit als kulturelles Zwischenfutter in seinen Roman Inferno eingearbeitet, der zum Bestseller wurde (wie davor schon Illuminati, Sakrileg und Das verlorene Symbol) und jetzt von Ron Howard mit viel Pest und Schwefelqualm verfilmt wurde: Tom Hanks als Harvard-Professor Robert Langdon wacht in einem florentinischen Krankenhaus mit einer schweren Amnesie auf, dafür plagen ihn Visionen wie aus Dantes Hölle. Gemeinsam mit der attraktiven Ärztin Sienna Brooks (Felicity Jones) macht er sich auf, seine Gedächtnislücken zu schließen und die Menschheit vor dem Anschlag eines größenwahnsinnigen Milliardärs zu retten. Der hat eine tödliche Virus-Bombe versteckt. Die Frage ist, wo? Einen ersten entscheidenden Hinweis gibt den beiden Protagonisten Botticellis Bild von Dantes Inferno.

1480 begann Botticelli mit dieser Arbeit, die unsere christliche Vorstellung von Tod und Auferstehung bis heute intensiv prägen sollte. Wobei die bekannteste Darstellung, die Mappa dell'Inferno, der Höllentrichter, lediglich ein Werk ist in einem Konvolut von 102 meisterhaften und nur zum Teil farbigen Visionen von Hölle, Fegefeuer und Paradies. Der Höllentrichter ragt aus dem Zyklus heraus, weil er als einzige Arbeit vollständig koloriert ist und als eine Art visuelle Inhaltsangabe dessen betrachtet werden kann, was den Menschen laut Dante in den neun Kreisen der Hölle erwartet: Wer sich jemals der Wollust hingegeben hat, wird vom Höllensturm gejagt; wer seinem Nächsten Gewalt angetan hat, kocht im Blutstrom; wer Verrat begangen hat, wird in ewiges Eis gefroren.

Für jede Missetat hält Botticelli streng nach Dantes aristotelischem Ethikprinzip das passende Strafmaß parat. Die Verführer werden von Teufeln gepeitscht; Schmeichler wälzen sich in ätzendem Kot. Wer mit Kirchenämtern gehandelt hat, steckt kopfüber und mit brennenden Fußsohlen in Löchern fest, aus denen nur noch die Beine herausragen. Es warten vergoldete Bleimäntel auf die Heuchler und den Wahrsagern werden solchermaßen die Glieder verrenkt, dass ihre Gesichter auf ewig nach hinten zeigen. "Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren", hatte Dante einst über die Hölle geschrieben, kein Spaß jedenfalls. Aber ein Fest für Freunde der digitalen Filmtechnik. Dantes Visionen sind über Botticellis Bild, Dan Browns Roman und nun auch Ron Howards Computeranimateure im Kino angekommen.

Botticellis spektakuläres Bild verstehen

Dabei hat die Mappa dell'Inferno selbst eine Geschichte wie ein Thrillerplot. Davon erzählt ein zweiter Film, der beinahe zeitgleich mit dem Blockbuster, am 3. November, in den deutschen Kinos anläuft: Botticelli – Inferno. Der deutsche Regisseur Ralph Loop war von Botticelli nach den großen Ausstellungen vor einem Jahr in Berlin und London so fasziniert, dass er der Geschichte der Mappa dell'Inferno einen ganzen Dokumentarfilm widmete. Es lohnt sich, ihn als Hintergrund für den Blockbuster zu sehen – oder stattdessen. Denn während in Ron Howards Inferno Botticellis Werk nur kurz als Lichtprojektion an einer Zimmerwand aufleuchtet, kann man in Loops Dokumentation das Wunder ausführlich bestaunen.

Ein ganzer Film über eine dunkel kolorierte Zeichnung von gerade mal 30 auf 40 Zentimetern, jahrhundertealt – ist das nicht furchtbar trocken? Wir sehen die Klimakammern des Vatikans, wo das Blatt aufbewahrt wird; eine deutsche Kunsthistorikerin, die mit Baumwollhandschuhen auf altes Papier deutet; einen Brief von Friedrich Lippmann, dem Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts, der 1882 das nahezu vollständige Konvolut Botticellis, 85 Zeichnungen, nach Deutschland holte.

Bis zum blutigen Zehnagel

Tatsächlich ist der kleine Film nicht dazu gedacht, Kunstwissenschaftlern neue Erkenntnisse zu verschaffen. Aber er unterhält uns Nicht-Fachleute aufs Beste mit dem wenigen Material, das man bei diesem Sujet so filmen kann: Wir sehen Aufnahmen von Florenz und Rom, einen Stadtführer, der von Pest, Dreck und Armut im 13. und 14. Jahrhundert erzählt, von einer Bevölkerung, die geistig weitgehend noch im Mittelalter verhaftet war, während die Ideen der Renaissance und des Humanismus heranwuchsen und zunächst einer elitären Schicht vorbehalten blieben. Es treten etliche Kunstexperten auf, die vor einem Hochleistungsscanner oder mit der Lupe in der Hand von Botticelli und dessen Arbeit schwärmen, aber auch erzählen, warum der heute als Kunstgenie verehrte Mann über Jahrhunderte vergessen war. Es ist ein ernstes, aber durch seine schiere Historie spektakuläres Sujet.

Am Ende schafft man es, Botticellis Hölle tatsächlich ein wenig durch die Augen eines Menschen zu betrachten, der noch nie Ströme aus Blut gesehen hat oder in die Erde gerammte Schmerzensleiber – wie sie uns natürlich die digitale Technik bei Ron Howard nahebringt bis hin zum blutverkrusteten Zehnagel. Wer sich frei machen kann von solch perfekt überzeichneten Höllenvisionen, erkennt Botticellis Gemälde als das, was es noch immer ist: infernalisch gut.