Dabei hat die Mappa dell'Inferno selbst eine Geschichte wie ein Thrillerplot. Davon erzählt ein zweiter Film, der beinahe zeitgleich mit dem Blockbuster, am 3. November, in den deutschen Kinos anläuft: Botticelli – Inferno. Der deutsche Regisseur Ralph Loop war von Botticelli nach den großen Ausstellungen vor einem Jahr in Berlin und London so fasziniert, dass er der Geschichte der Mappa dell'Inferno einen ganzen Dokumentarfilm widmete. Es lohnt sich, ihn als Hintergrund für den Blockbuster zu sehen – oder stattdessen. Denn während in Ron Howards Inferno Botticellis Werk nur kurz als Lichtprojektion an einer Zimmerwand aufleuchtet, kann man in Loops Dokumentation das Wunder ausführlich bestaunen.

Ein ganzer Film über eine dunkel kolorierte Zeichnung von gerade mal 30 auf 40 Zentimetern, jahrhundertealt – ist das nicht furchtbar trocken? Wir sehen die Klimakammern des Vatikans, wo das Blatt aufbewahrt wird; eine deutsche Kunsthistorikerin, die mit Baumwollhandschuhen auf altes Papier deutet; einen Brief von Friedrich Lippmann, dem Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts, der 1882 das nahezu vollständige Konvolut Botticellis, 85 Zeichnungen, nach Deutschland holte.

Bis zum blutigen Zehnagel

Tatsächlich ist der kleine Film nicht dazu gedacht, Kunstwissenschaftlern neue Erkenntnisse zu verschaffen. Aber er unterhält uns Nicht-Fachleute aufs Beste mit dem wenigen Material, das man bei diesem Sujet so filmen kann: Wir sehen Aufnahmen von Florenz und Rom, einen Stadtführer, der von Pest, Dreck und Armut im 13. und 14. Jahrhundert erzählt, von einer Bevölkerung, die geistig weitgehend noch im Mittelalter verhaftet war, während die Ideen der Renaissance und des Humanismus heranwuchsen und zunächst einer elitären Schicht vorbehalten blieben. Es treten etliche Kunstexperten auf, die vor einem Hochleistungsscanner oder mit der Lupe in der Hand von Botticelli und dessen Arbeit schwärmen, aber auch erzählen, warum der heute als Kunstgenie verehrte Mann über Jahrhunderte vergessen war. Es ist ein ernstes, aber durch seine schiere Historie spektakuläres Sujet.

Am Ende schafft man es, Botticellis Hölle tatsächlich ein wenig durch die Augen eines Menschen zu betrachten, der noch nie Ströme aus Blut gesehen hat oder in die Erde gerammte Schmerzensleiber – wie sie uns natürlich die digitale Technik bei Ron Howard nahebringt bis hin zum blutverkrusteten Zehnagel. Wer sich frei machen kann von solch perfekt überzeichneten Höllenvisionen, erkennt Botticellis Gemälde als das, was es noch immer ist: infernalisch gut.