Der Unlenkbare

Der doch nicht. Manfred Krug ist gestorben? Der war doch groß und stark, wortmächtig und gut bei Stimme. Ein richtiger Kerl, ein vom Publikum geliebter Schauspieler. 1977 ging er in Berlin vom Osten in den Westen – Entfernung nur zehn Kilometer Luftlinie – und hörte nie auf, ein erkennbarer, unverrückbarer, unlenkbarer Mensch zu sein. Wo Manfred Krug gestanden hatte, wuchs so schnell nichts nach.

Diesem Mann etwas nachzurufen fällt schwer. Er hat in Interviews und Büchern über sein Leben nachgedacht. Wer vieles kennt, kommt zu dem Schluss: Besser geht's nicht. Ein Fremder kann nicht witziger, präziser, unverklärter formulieren als Manfred Krug.

Mit 15 Jahren schreibt er einen Satz auf: "Ich muss lernen, nicht immer alles besser zu wissen." Das ist eine schwere Aufgabe – für einen hellen Jungen wie später für einen gebildeten Mann. Wer seinen Kopf anstrengt, weiß ja wirklich manches besser, und es müssen nicht immer die noch schlaueren Leute sein, die so jemanden einen Klugscheißer nennen.

Am 8. Februar 1937 wird der Junge mit dem Hintern voraus in die Welt gezogen, Steißlage. "Das kann meiner Mutter nicht angenehm gewesen sein", so steht es in den Kindheitserinnerungen. "Und mein Vater schlief am hellichten Tag mit Emmy, der besten Freundin meiner soeben werdenden Mutter."

Die Familie wohnt in Duisburg. Rudolf Krug ist Fachschul-Ingenieur, aber bei Thyssen kann er nur als Schmelzer arbeiten. In einem kleinen Stahlwerk in Osnabrück bekommt er eine Stelle als Ingenieur. 1939 wird der zweite Sohn geboren – Roger, Normallage –, "während mein Vater mit der Kindergärtnerin Tante Hedwig schlief". Manfreds Vater wird immer seinem Schicksal als erfolgreicher Frauenflachleger folgen. Manfreds Mutter wird sich nicht immer damit abfinden.

Kinderbanden, schwarzer Markt und Handgranaten

Ein Jahr später zieht die Familie nach Hennigsdorf bei Berlin, wo ein größeres Stahlwerk steht. Das wird 1944 bombardiert. Manfred lernt: "Lieber Tommy, fliege weiter, wir sind arme Landarbeiter./ Fliege weiter bis Berlin, die haben so laut Ja! geschrien." Der Vater wird spät eingezogen und kommt noch kurz in englische Gefangenschaft. Der kleine Manfred fährt nach Duisburg, zu Oma Lisa. "Meine Oma kümmert sich um alles, was gut für mich ist."

Seine Kindheit: Heil Hitler. Luftschutzkeller. Trümmerstädte. Kinderbanden, schwarzer Markt und Handgranaten. Noch Prügelstrafe in der Sexta in Duisburg, in der Klasse sitzen 52 Kinder. Umzüge, elf Schulwechsel. Manfreds Auffälligkeiten: auf Eins in Deutsch und eine engelhafte Sopranstimme. Weihnachten singt er von der Kirchenempore, unten glänzen Tränen im Gesicht der Großmutter, die diesen Enkel vergöttert. Es kann als seelische Aussteuer für das ganze Leben reichen, wenn ein Kind wenigstens bei einem Menschen spürt, dass es von Herzen geliebt wird. Manfred zieht 1950 zum Vater in die russische Besatzungszone, der Bruder bleibt zunächst bei der Mutter in der englischen.

Mein schönes Leben heißt das Buch, das Manfred Krug 2003 geschrieben hat: "Alles aus der Zeit habe ich mir gemerkt, und was ich mir nicht genau gemerkt habe, das habe ich mir ungenau gemerkt." Das Buch beginnt mit seiner Geburt und endet 1954 mit der Aufnahme an der Schauspielschule in Berlin. Da ist er 17.

"Da kann ich einen Mörder und eine Leiche spielen"

Mit 14 Jahren beginnt er eine Lehre im Stahlwerk Brandenburg, sein Vater ist Betriebsleiter. Die Arbeit geht auf die Knochen. Das ausgeschwitzte Salz legt sich wie ein Muster auf die Arbeitsjacken. Manfred ist groß und ungewöhnlich robust. Er macht die Arbeit gut, aber sie macht ihn müde. Vor einer Silvesternacht legt er sich nachmittags ins Bett, um vorzuschlafen. Neujahr, morgens um sieben wird er wach. Das Fest vorbei, vorbei. Er sieht ein Leben aus Hitze und Dreck zwischen Stahlkochöfen vor sich. Für das stolze DDR-Wort Arbeitermacht findet er eine schlichte Interpretation: "Was der Arbeiter so alles macht." Er ist aber auch stolz auf seinen harten, männlichen Beruf.

Vor dem Flurspiegel spielt er ohne genauen Grund Szenen aus einem sowjetischen Film nach, den er im Kino gesehen hat. Manfred wundert sich, dass er das besser kann als die Männer im Original. Er beschließt, Schauspieler zu werden. "Da kann ich einen Mathematikprofessor spielen und einen Stahlwerkchef, einen Mörder und eine Leiche. Und von nichts muss ich eine Ahnung haben."

Er fliegt von der Schauspielschule: was mit Disziplin

Für 500 Bewerber gibt es 30 Studienplätze. Zur Aufnahmeprüfung an der Staatlichen Schauspielschule Berlin tritt Krug mit einem Bühnentext an, drei waren verlangt. Er entschuldigt sich, dass er die Anforderungen nicht erfüllen kann, die Zeit sei knapp gewesen. Aber er habe sich Mühe beim Einstudieren gegeben, er arbeite nämlich im Dreischichtbetrieb. "Allein?", fragt die Schulleiterin. "Nein", sagt Krug, "mit viertausend Mann." "Ob Sie das Stück allein einstudiert haben?", fragt die Frau lächelnd nach. "Ja, allein."

Anderthalb Jahre später fliegt er von der Schauspielschule: was mit Disziplin. Sein Abitur macht er an der Abendschule und erreicht 1957 als Eleve im Berliner Ensemble die Bühnenreife. Nun wird er tatsächlich Schauspieler und Sänger. Rollen im Kino und Fernsehen, Tourneen mit den Jazz Optimisten, der Klaus Lenz Big Band, dem Günther Fischer Quintett.

Der Regisseur Frank Beyer will 1959 den Film Fünf Patronenhülsen nicht nur mit dunkelhaarigen Schauspielern besetzen. Krug wird deshalb ein blonder Interbrigadist, aber die Blondierung wirkt zu stark nach. Aus Haaren wird ein Haarkranz. Mit jedem Film liebt ihn das Publikum ein bisschen mehr.

Ende Juni 1966 steht auf dem Berliner Alexanderplatz ein großes Gerüst – eine Werbung mit Krugs Gesicht als Zimmermann Balla: Die Premiere von Beyers Spur der Steine steht bevor, eine konfliktreiche, wahrhaftige Geschichte auf einer Großbaustelle. Die Defa setzt große Hoffnungen auf den Film.

Ein halbes Jahr zuvor hatte das 11. Plenum des Zentralkomitees (ZK) der SED einen spektakulären Eingriff in die Filmproduktion der DDR vorgenommen: Zwei Filme wurden verboten, die Produktion von zehn weiteren gestoppt. Dass der Arbeiterfilm Spur der Steine auch betroffen sein könnte, damit rechnet niemand. Doch zwei Tage vor der Premiere sieht Walter Ulbricht den Film im ZK. Er gefällt ihm nicht. Hinter den Kulissen läuft eine Abwehrmaschine an.

Das Werbegerüst wird abgebaut. In die Premiere im Berliner Kino International am 30. Juni 1966 werden Provokateure geschickt. FDJ, Kampfgruppen, Parteischule spielen "Stimme des Volkes" und stören die Vorstellung. Auch im Leipziger Kino Capitol sitzen Provokateure. Als Ballas Brigade auf der Leinwand in einer Reihe wie Westernhelden auftritt, empfängt sie Gebrüll: "Das sind nicht unsere Arbeiter! Pfui!" Bei Manfred Krug rufen sie: "Geh endlich arbeiten, du Schwein!" Als die Bauarbeiter einen Polizisten in einen Teich werfen: "Den Regisseur einsperren!" Handgemenge zwischen echten und gesteuerten Zuschauern folgen. Spur der Steine wird abgesetzt und bis zum Herbst 1989 nicht mehr aufgeführt. Frank Beyer muss die Defa verlassen.

Am 20. November 1976 geht es ihm nicht mehr gut

Schauspieler stehen seltener als Regisseure und Autoren in der direkten Schusslinie. Manfred Krug dreht weiter Filme. Sieben Jahre singt er den Sportin' Life in Porgy and Bess an der Komischen Oper, ein großes Publikum hat den Sound seiner Konzerte und LPs im Ohr. Krug ist ein Mann mit Handwerkerhänden und technischem Verstand, er baut an seinem Haus herum, sammelt Antiquitäten. Er lebt gut in der DDR.

Am Morgen des 20. November 1976 geht es ihm nicht mehr gut: "Ich gehe auf meinen Marmorlokus und weiß nicht, was ich zuerst machen soll. Zuerst muss ich mich erbrechen, dann Zähneputzen, dann die anderen Sachen, dann einen Schluck Korn aus dem Flachmann, und dann habe ich immer noch Angst."

Krug hat Angst, weil er etwas Verbotenes machen wird.

Nach der Biermann-Petition als Künstler kaltgestellt

Am 16. November 1976 ist Wolf Biermann nach einem Konzert in Köln aus der DDR ausgebürgert worden. Am nächsten Tag protestieren 13 Schriftsteller. Ja, da steht tatsächlich: "Wir protestieren." Die Presse der DDR veröffentlicht den Text nicht, er wird nur über westliche Medien bekannt. Am übernächsten Tag unterschreibt auch Manfred Krug. Ganz schnell sind es über 100 Unterschriften. Die Herrschenden werden nervös. Man wolle reden, heißt es. Auf Bitte von Kollegen stellt Krug sein Wohnzimmer zur Verfügung, er hat den größten Tisch und die meisten Stühle.

Am Nachmittag des 20. November 1976 treffen sich die 13 Unterzeichner mit der Regierung – vertreten durch das Politbüromitglied Werner Lamberz, durch Heinz Adameck, den Intendanten des Fernsehens der DDR und einen Mitarbeiter im ZK. Sie reden vier Stunden. Krug lässt heimlich ein Tonband laufen, daher seine flatternde Angst am Morgen. Damals war das wirklich ein ganz großes und mutiges Ding.

"Im November '76 verstummte der Apparat"

Die Unterzeichner versprechen, keine neuen Unterschriften zu sammeln. Die Funktionäre versprechen, dass die Unterzeichner keine Nachteile haben werden. Sie werden sich nicht daran halten. Auch nicht bei Krug.

Die Angebote bleiben aus. "Über 60 Filme und Fernsehfilme, ein Dutzend Langspielplatten, alles in 20 Jahren. Im November '76 verstummte der Apparat. Ein halbes Jahr ist viel Zeit. Vielleicht nicht für einen Profi wie den Grafen von Monte Christo. Für mich war es zu viel."

Abgehauen heißt sein Buch zum Abschied. Krug wird aus vielen Gründen bis 1996 mit der Veröffentlichung warten. Er schreibt seine Zeitgeschichte auf. Das Buch beginnt mit dem mitgeschnittenen Gespräch, dann folgt ein Tagebuch, das Krug vom Tag der Antragstellung auf Ausreise am 19. April bis zur Ausreise am 20. Juni 1977 führte, und es endet mit dem Bericht des Nachbarn, eines IM, über das Abschiedsfest bis zur Abfahrt der Familie. Jeder Teil zeigt eine Facette der DDR-Wirklichkeit und kann einem das Herz umdrehen.

An der Grenze wird der Ausreisende von einem ZDF-Korrespondenten erwartet, Krug bricht das Interview ab, weil ihm die Tränen kommen.

Der Ruf des Drehbuchverbesserers

Ab jetzt lebt er im Westen. Er ist 40. In der Branche kennt man seinen Namen, seinen Nimbus kennt man nicht. Aber Krug ist ein guter Typ, und er hat einen Lkw-Führerschein – ideal für einen Fernfahrer in der Vorabendserie Auf Achse, er dreht 48 Folgen von 1977 bis 1992: "Aber die meisten Drehbücher waren unter aller Sau." In der Zeit entsteht sein Ruf als legendärer Drehbuchverbesserer. "Ich lag stets auf der Lauer nach falschen Tönen." Krug kommt mit dieser Serie um die Welt und kann eine Lebenslücke füllen: "In der DDR sollte man eine Weltanschauung haben. Aber man konnte sich die Welt nicht anschauen." 

Krug spielt Theater, Film, Fernsehen, er tritt im Traumschiff und bei der Sesamstraße auf. Er singt wieder. Aber es sind wohl Fernsehserien, in denen er sich, so sieht es aus, am wohlsten fühlt. In Fernsehserien kann er, mal abgesehen von regelmäßigen Einkünften, die er gut verhandelt, die Balance zwischen dem Wiederholen und dem Ausreizen einer Figur immer besser justieren.

1986 bis 1987: 34 Folgen Detektivbüro Roth. 1984 bis 2001: 41 Folgen als Tatort-Kommissar, Charles Brauer und er werden die berühmten "Swinging Cops". Einige Folgen sahen bis heute unerreichte 15 Millionen Zuschauer. Nach Detektiv und Kommissar ist er von 1986 bis 1998 auch Anwalt, der Liebling, 58 Folgen. Die ersten schreibt sein Freund Jurek Becker, der 1997 stirbt. Für Krug wird er "der fehlendste aller Menschen mir". An Beckers Büchern änderte Krug nichts, gar nichts.

Nie dumme Antworten

Als Schauspieler ist er bei der Anwendung seiner Mittel instinktiv sicher. "Hinter ihm steht diese schauspielerische Redlichkeit, der auch die loseste Spielfreude nichts anhaben kann, sie trägt alles, sie macht alles aus", schrieb der Regisseur Egon Günther, der dreimal mit Krug arbeitete. Krug macht nicht mehr, als er kann. Die Unverführbarkeit ist sein Geheimnis.

Privat läuft das anders: 1995 bekommt er eine kleine Tochter, außerhalb seiner Ehe. Die Presse fragt nach. Krug bestätigt die Eckdaten und fügt, irgendwie entwaffnend, hinzu, dass er seine Ehefrau Ottilie kennengelernt hat, als sie 15 Jahre alt war, und mit ihr zusammenwohnt, seit sie 17 Jahre alt war. Er blieb 50 Jahre mit ihr verheiratet.

Krugs Interviews liest man mit größtem Vergnügen. Er gibt nie dumme Antworten. Er kann Behauptungen parieren. Journalist: "Die Leute mögen Krug, weil er sagt, was er denkt." Krug: "Die Leute wissen doch gar nicht, was ich denke." Manchmal wird er sehr wütend – wenn er meint, dass die Interviewer schlecht vorbereitet und sowieso ahnungslos sind. Danach erscheinen lange Texte über das Nichtzustandekommen eines Interviews mit Manfred Krug. Auch das liest sich großartig.

Im Februar 2008 wird Manfred Krug Rentner, er sei nichts lieber als das, erzählt er. Er macht jetzt alle Sachen, die sich die Menschen bei einem Rentner vorstellen. Langsam laufen, fernsehen, ausschlafen, lange frühstücken.

2014 musste er wegen einer Herzoperation pausieren, da war er 77. Aber er verschwand nicht, immer wieder ging er auf Tour mit seiner bevorzugten Sängerin Uschi Brüning. Seit Jahren schrieb er Tagebuch, aus einem ganz bestimmten Grund: "Wegen des Alibis. Wenn ein Mord passiert, kann ich nachschlagen."

Er war wohl auf alles vorbereitet.