Für 500 Bewerber gibt es 30 Studienplätze. Zur Aufnahmeprüfung an der Staatlichen Schauspielschule Berlin tritt Krug mit einem Bühnentext an, drei waren verlangt. Er entschuldigt sich, dass er die Anforderungen nicht erfüllen kann, die Zeit sei knapp gewesen. Aber er habe sich Mühe beim Einstudieren gegeben, er arbeite nämlich im Dreischichtbetrieb. "Allein?", fragt die Schulleiterin. "Nein", sagt Krug, "mit viertausend Mann." "Ob Sie das Stück allein einstudiert haben?", fragt die Frau lächelnd nach. "Ja, allein."

Anderthalb Jahre später fliegt er von der Schauspielschule: was mit Disziplin. Sein Abitur macht er an der Abendschule und erreicht 1957 als Eleve im Berliner Ensemble die Bühnenreife. Nun wird er tatsächlich Schauspieler und Sänger. Rollen im Kino und Fernsehen, Tourneen mit den Jazz Optimisten, der Klaus Lenz Big Band, dem Günther Fischer Quintett.

Der Regisseur Frank Beyer will 1959 den Film Fünf Patronenhülsen nicht nur mit dunkelhaarigen Schauspielern besetzen. Krug wird deshalb ein blonder Interbrigadist, aber die Blondierung wirkt zu stark nach. Aus Haaren wird ein Haarkranz. Mit jedem Film liebt ihn das Publikum ein bisschen mehr.

Ende Juni 1966 steht auf dem Berliner Alexanderplatz ein großes Gerüst – eine Werbung mit Krugs Gesicht als Zimmermann Balla: Die Premiere von Beyers Spur der Steine steht bevor, eine konfliktreiche, wahrhaftige Geschichte auf einer Großbaustelle. Die Defa setzt große Hoffnungen auf den Film.

Ein halbes Jahr zuvor hatte das 11. Plenum des Zentralkomitees (ZK) der SED einen spektakulären Eingriff in die Filmproduktion der DDR vorgenommen: Zwei Filme wurden verboten, die Produktion von zehn weiteren gestoppt. Dass der Arbeiterfilm Spur der Steine auch betroffen sein könnte, damit rechnet niemand. Doch zwei Tage vor der Premiere sieht Walter Ulbricht den Film im ZK. Er gefällt ihm nicht. Hinter den Kulissen läuft eine Abwehrmaschine an.

Das Werbegerüst wird abgebaut. In die Premiere im Berliner Kino International am 30. Juni 1966 werden Provokateure geschickt. FDJ, Kampfgruppen, Parteischule spielen "Stimme des Volkes" und stören die Vorstellung. Auch im Leipziger Kino Capitol sitzen Provokateure. Als Ballas Brigade auf der Leinwand in einer Reihe wie Westernhelden auftritt, empfängt sie Gebrüll: "Das sind nicht unsere Arbeiter! Pfui!" Bei Manfred Krug rufen sie: "Geh endlich arbeiten, du Schwein!" Als die Bauarbeiter einen Polizisten in einen Teich werfen: "Den Regisseur einsperren!" Handgemenge zwischen echten und gesteuerten Zuschauern folgen. Spur der Steine wird abgesetzt und bis zum Herbst 1989 nicht mehr aufgeführt. Frank Beyer muss die Defa verlassen.

Am 20. November 1976 geht es ihm nicht mehr gut

Schauspieler stehen seltener als Regisseure und Autoren in der direkten Schusslinie. Manfred Krug dreht weiter Filme. Sieben Jahre singt er den Sportin' Life in Porgy and Bess an der Komischen Oper, ein großes Publikum hat den Sound seiner Konzerte und LPs im Ohr. Krug ist ein Mann mit Handwerkerhänden und technischem Verstand, er baut an seinem Haus herum, sammelt Antiquitäten. Er lebt gut in der DDR.

Am Morgen des 20. November 1976 geht es ihm nicht mehr gut: "Ich gehe auf meinen Marmorlokus und weiß nicht, was ich zuerst machen soll. Zuerst muss ich mich erbrechen, dann Zähneputzen, dann die anderen Sachen, dann einen Schluck Korn aus dem Flachmann, und dann habe ich immer noch Angst."

Krug hat Angst, weil er etwas Verbotenes machen wird.