Am 16. November 1976 ist Wolf Biermann nach einem Konzert in Köln aus der DDR ausgebürgert worden. Am nächsten Tag protestieren 13 Schriftsteller. Ja, da steht tatsächlich: "Wir protestieren." Die Presse der DDR veröffentlicht den Text nicht, er wird nur über westliche Medien bekannt. Am übernächsten Tag unterschreibt auch Manfred Krug. Ganz schnell sind es über 100 Unterschriften. Die Herrschenden werden nervös. Man wolle reden, heißt es. Auf Bitte von Kollegen stellt Krug sein Wohnzimmer zur Verfügung, er hat den größten Tisch und die meisten Stühle.

Am Nachmittag des 20. November 1976 treffen sich die 13 Unterzeichner mit der Regierung – vertreten durch das Politbüromitglied Werner Lamberz, durch Heinz Adameck, den Intendanten des Fernsehens der DDR und einen Mitarbeiter im ZK. Sie reden vier Stunden. Krug lässt heimlich ein Tonband laufen, daher seine flatternde Angst am Morgen. Damals war das wirklich ein ganz großes und mutiges Ding.

"Im November '76 verstummte der Apparat"

Die Unterzeichner versprechen, keine neuen Unterschriften zu sammeln. Die Funktionäre versprechen, dass die Unterzeichner keine Nachteile haben werden. Sie werden sich nicht daran halten. Auch nicht bei Krug.

Die Angebote bleiben aus. "Über 60 Filme und Fernsehfilme, ein Dutzend Langspielplatten, alles in 20 Jahren. Im November '76 verstummte der Apparat. Ein halbes Jahr ist viel Zeit. Vielleicht nicht für einen Profi wie den Grafen von Monte Christo. Für mich war es zu viel."

Abgehauen heißt sein Buch zum Abschied. Krug wird aus vielen Gründen bis 1996 mit der Veröffentlichung warten. Er schreibt seine Zeitgeschichte auf. Das Buch beginnt mit dem mitgeschnittenen Gespräch, dann folgt ein Tagebuch, das Krug vom Tag der Antragstellung auf Ausreise am 19. April bis zur Ausreise am 20. Juni 1977 führte, und es endet mit dem Bericht des Nachbarn, eines IM, über das Abschiedsfest bis zur Abfahrt der Familie. Jeder Teil zeigt eine Facette der DDR-Wirklichkeit und kann einem das Herz umdrehen.

An der Grenze wird der Ausreisende von einem ZDF-Korrespondenten erwartet, Krug bricht das Interview ab, weil ihm die Tränen kommen.

Der Ruf des Drehbuchverbesserers

Ab jetzt lebt er im Westen. Er ist 40. In der Branche kennt man seinen Namen, seinen Nimbus kennt man nicht. Aber Krug ist ein guter Typ, und er hat einen Lkw-Führerschein – ideal für einen Fernfahrer in der Vorabendserie Auf Achse, er dreht 48 Folgen von 1977 bis 1992: "Aber die meisten Drehbücher waren unter aller Sau." In der Zeit entsteht sein Ruf als legendärer Drehbuchverbesserer. "Ich lag stets auf der Lauer nach falschen Tönen." Krug kommt mit dieser Serie um die Welt und kann eine Lebenslücke füllen: "In der DDR sollte man eine Weltanschauung haben. Aber man konnte sich die Welt nicht anschauen." 

Krug spielt Theater, Film, Fernsehen, er tritt im Traumschiff und bei der Sesamstraße auf. Er singt wieder. Aber es sind wohl Fernsehserien, in denen er sich, so sieht es aus, am wohlsten fühlt. In Fernsehserien kann er, mal abgesehen von regelmäßigen Einkünften, die er gut verhandelt, die Balance zwischen dem Wiederholen und dem Ausreizen einer Figur immer besser justieren.

1986 bis 1987: 34 Folgen Detektivbüro Roth. 1984 bis 2001: 41 Folgen als Tatort-Kommissar, Charles Brauer und er werden die berühmten "Swinging Cops". Einige Folgen sahen bis heute unerreichte 15 Millionen Zuschauer. Nach Detektiv und Kommissar ist er von 1986 bis 1998 auch Anwalt, der Liebling, 58 Folgen. Die ersten schreibt sein Freund Jurek Becker, der 1997 stirbt. Für Krug wird er "der fehlendste aller Menschen mir". An Beckers Büchern änderte Krug nichts, gar nichts.

Nie dumme Antworten

Als Schauspieler ist er bei der Anwendung seiner Mittel instinktiv sicher. "Hinter ihm steht diese schauspielerische Redlichkeit, der auch die loseste Spielfreude nichts anhaben kann, sie trägt alles, sie macht alles aus", schrieb der Regisseur Egon Günther, der dreimal mit Krug arbeitete. Krug macht nicht mehr, als er kann. Die Unverführbarkeit ist sein Geheimnis.

Privat läuft das anders: 1995 bekommt er eine kleine Tochter, außerhalb seiner Ehe. Die Presse fragt nach. Krug bestätigt die Eckdaten und fügt, irgendwie entwaffnend, hinzu, dass er seine Ehefrau Ottilie kennengelernt hat, als sie 15 Jahre alt war, und mit ihr zusammenwohnt, seit sie 17 Jahre alt war. Er blieb 50 Jahre mit ihr verheiratet.

Krugs Interviews liest man mit größtem Vergnügen. Er gibt nie dumme Antworten. Er kann Behauptungen parieren. Journalist: "Die Leute mögen Krug, weil er sagt, was er denkt." Krug: "Die Leute wissen doch gar nicht, was ich denke." Manchmal wird er sehr wütend – wenn er meint, dass die Interviewer schlecht vorbereitet und sowieso ahnungslos sind. Danach erscheinen lange Texte über das Nichtzustandekommen eines Interviews mit Manfred Krug. Auch das liest sich großartig.

Im Februar 2008 wird Manfred Krug Rentner, er sei nichts lieber als das, erzählt er. Er macht jetzt alle Sachen, die sich die Menschen bei einem Rentner vorstellen. Langsam laufen, fernsehen, ausschlafen, lange frühstücken.

2014 musste er wegen einer Herzoperation pausieren, da war er 77. Aber er verschwand nicht, immer wieder ging er auf Tour mit seiner bevorzugten Sängerin Uschi Brüning. Seit Jahren schrieb er Tagebuch, aus einem ganz bestimmten Grund: "Wegen des Alibis. Wenn ein Mord passiert, kann ich nachschlagen."

Er war wohl auf alles vorbereitet.