Eine One-Man-Show für Hillary

Der Schriftzug "Trump Voters Welcome" prangte groß über dem Eingang des Murphy Theatre in Wilmington, Ohio, als Michael Moore dort seine Ein-Mann-Show Michael Moore in TrumpLand filmte. Das Theater selber bringt die Absurdität der US-Wahl schön auf den Punkt: Gesponsert wird das Kino von Glenn Beck, einem erzkonservativen Fundamentalisten, der Barack Obama lange als den Antichrist beschimpfte, aber heute zu den prominentesten rechten Kritikern Donald Trumps gehört.

Ob Moore das wusste? Das Theater zeigt auf jeden Fall, dass alte Strukturen in Bewegung sind in diesem Jahr. Klar, Clinton County, in dem Wilmington liegt, wird auch diesmal zu zwei Dritteln die Republikaner wählen. Aber die Jahre von Fahrenheit 9/11, in denen Michael Moore die Nation ziemlich genau mittig spaltete, scheinen vorbei zu sein. Moore beginnt seine Show damit, ein paar nette Sachen über George W. Bush zu sagen, und er verteidigt eine Frau, der die amerikanische Linke seit Jahren zürnt. 

Michael Moore in TrumpLand weicht auch von Filmessays wie Bowling for Columbine ab. Der Film wirkt improvisiert, ihm fehlt der argumentative Schliff, aber auch das Manipulative, das Moores filmische Streitschriften sonst eignet. Optisch handelt es sich um einen Stand-up-Film: ein bisschen mehr als 70 Minuten humorvoller Monolog, mit ein paar miserablen Einspielfilmchen. Moore sucht den Dialog mit den Trump-Fans, indem er sie anmonologisiert.

Man muss ihn dafür bewundern, wie dezidiert er sich zwischen die Stühle setzt. Michael Moore in TrumpLand ist ein Film für alle und keinen. Ob der Film auch nur einen potenziellen Trump-Wähler umstimmt, ist zu bezweifeln. Ebenso unwahrscheinlich, dass Demokraten sich ob Moores mittelmäßiger Zoten so biegen wie das Publikum in Ohio. Als Zielgruppe kämen vor allem die Wähler der Kleinparteien infrage, aber die sind wahrscheinlich zu beschäftigt, anhand der WikiLeaks-Dokumente neue Verschwörungstheorien zu schneidern, um Moore zuzuhören.

Moores Rolle als Ikone der Linken ist vorbei

Den Regisseur ficht das nicht an. Obwohl sein Agitprop eindeutig aus dem demokratischen Lager kommt, gibt er sehr früh zu, dass er nie für Hillary (oder auch nur für Bill gestimmt hat). Er war ein prominenter Unterstützer von Bernie Sanders. Er weiß, dass sich die Welt um ihn verändert hat, seitdem er zur Ikone der US-Linken avancierte. Damals war er eine wichtige, elektrisierende, erfrischende Figur. Als nach dem 11. September 2001 Medien, Politik und Gesellschaft den Hurrapatriotismus der Regierung Bush nachbeteten und die Mitte, inklusive Hillary Clinton, der Kriegstreiberei nichts entgegenzusetzen wussten, war Moore mit Fahrenheit 9/11 ein Rufer in der Wüste.

Seine Position bescherte ihm viele Feinde unter den amerikanischen Konservativen und viele Bewunderer unter den Linken. Allein, die Linken haben ihn schneller vergessen als die Rechten: wenn er heute zitiert wird, dann vor allem als Schreckgespenst auf Fox News oder Breitbart. Die Linken haben neue Helden. In einem Amerika, in dem Beyoncé beim Super Bowl gegen Polizeigewalt ansingt, wirkt Michael Moore seltsam überflüssig.

Zuletzt machte er auf sich aufmerksam, als er vorhersagte, Trump werde die Wahl haushoch gewinnen. Das kann natürlich noch kommen, wird aber mit jedem Tag unwahrscheinlicher. Moores überdüsterte Prognose hat Symptomcharakter: Seine Apokalyptik verträgt sich nur schlecht mit einem Amerika, das unter Barack Obama das Hoffen wiedererlernt hat. 

Deswegen macht er auch keinen Film über Trump. Vielmehr ist sein Monolog ein flammendes Plädoyer für Hillary Clinton. Und zwar nicht für eine noch unbekannte Hillary. Sondern für die, die alle kennen und von der sie sich seit nahezu 30 Jahren von den Medien sagen lassen müssen, dass sie sie nicht mögen. Die Emanze, die Taktiererin, die Streberin, die Realistin. Die, deren Name mit Skandalen in Verbindung steht, die jeder kennt, aber von denen keiner richtig weiß, ob sie nicht Hirngespinste der Rechten oder Linken waren. Moore will wissen: "Was ist unser Problem mit Hillary Clinton?"

Michael Moore kennt die "Brexit-Staaten" der USA

Warteschlangen vor dem IFC Center in New York vor der Premiere von Michael Moores "TrumpLand" © Kena Betancur/AFP/Getty Images

In TrumpLand gesteht Moore sich ein, dass er das neue Amerika der "Obama-Koalition" nicht mehr so genau versteht. Das Amerika Trumps versteht er dagegen äußerst gut: dieser Tage häufen sich die Prognosen, nach denen Texas, Arizona, Georgia möglicherweise für Hillary Clinton stimmen werden, getragen von jungen, nichtweißen Menschen, vor allem Frauen. Aber in Ohio liegen die beiden immer noch Kopf an Kopf. 

Mit diesem Amerika, dass sich seiner Außenseiterposition immer schmerzlicher bewusst wird, sucht Moore das Gespräch. Moore, der aus Michigan stammt, kennt die Gegend gut, die "Brexit-Staaten", wie er sie nennt: weiß, von sterbender Industrie abhängig und zunehmend nach rechts driftend. Moore spricht deren Sprache: eine Mischung aus Zorn, mittelwestlicher Höflichkeit, emotionaler Direktheit und – seien wir ehrlich – wirklich mieser Pointen. 

Den Zorn der Amerikaner nicht unter Generalverdacht stellen

Er dankt den Trump-Wählern, dass sie gekommen sind, er will sie ernst nehmen. Er nimmt ihnen ab, dass sie nicht rassistisch seien; er setzt als Stunt gleich zu Anfang Muslime und Mexikaner in separate Blöcke. Moore hat nichts über Trump-Wähler zu sagen, das andere nicht schon besser gesagt hätten. Er beschreibt die Psychologie alternder weißer Männer, die sich als Auslaufmodelle begreifen und die in Trumps Versprechen zumindest eine symbolische Rettung sehen. "Ich will euch auf halber Strecke begegnen", sagt Moore. 

Er unterstellt ihnen gar, Trump eigentlich gar nicht so sehr zu mögen, sondern vielmehr sich in ihren Sorgen eben ein Stück weit ernst genommen zu fühlen. Trumps Wähler klingen in Michael Moores Narrativ eher wie die Wähler von Bernie Sanders. Obwohl Moore sie dafür kritisiert, dass sie "die Wahlurne zur Aggressionsbewältigung" missbrauchen, will er den Zorn vieler Amerikaner auch nicht unter Generalverdacht gestellt wissen.

Nicht nur gegen Trump, sondern für Clinton

Es geht ihm nicht um eine scharfe Analyse des Phänomens Trump oder die schonungslose Diagnose von dessen Wählern. Moore will die Menschen dazu bringen, nicht nur gegen Trump, sondern für Clinton zu stimmen. Er will einen Populismus der Mitte: einen, der gesunden Menschenverstand, ein Minimum an Respekt und Kompetenz mit eben dem Ingrimm einklagt, mit dem Trumps Heerscharen genau dagegen anblöken. 

Mit dem Harnisch eines Predigers demoliert Moore den Klassiker unter den Anti-Clinton Argumenten – sie sei nicht vertrauenswürdig. Moore wendet dies in eine Anklage gegen das amerikanische Volk, das einer Frau bei jedem Schritt Zugeständnisse abverlangt, nur um ihr diese dann als "Inauthentizität" anzukreiden. "Es liegt nicht an ihr, es ist unsere Schuld", sagt Moore. Wen überrascht es, dass Clinton ihre Lungenentzündung geheim hielt? Sie weiß, wie die Medien, wie die Wähler mit jeder Schwäche ihrerseits umgehen. 

"Sie ist genau das, was wir uns für unsere Töchter wünschen"

"Wir haben die Chance, die Schuld zu tilgen", sagt Moore und verlangt von seinem Publikum, etwas Nettes über Clinton zu sagen. Zunächst kommen die Komplimente eher zögerlich, aber dann purzelt es aus einer Frau heraus: "Sie ist genau das, was wir uns für unsere Töchter wünschen." Es ist eine so einfache Wahrheit, aber sie ist so selten zu hören in dieser Wahlschlacht. In diesen Momenten findet Moores seltsames Unterfangen seine Rechtfertigung.

Moore will den Wählern nicht – und das ist ein durchaus neuer Zug an ihm – seine Überzeugung aufdrücken. Auch wenn sein Film ein einziger Monolog ist, so erkennt man doch darin den Wunsch nach Austausch. Es geht Moore darum, über die seit Langem schwärenden Wunden zu sprechen, die Trumps Kandidatur zum Vorschein gebracht hat. Amerika hat einen schwarzen Präsidenten gewählt und dann hat es jenen zum Präsidentschaftskandidaten befördert, der vor laufender Kamera dessen Geburtsurkunde zu sehen verlangte.

Und in der Tat: Die Art des Dialoges, die er sucht, wird wichtig sein, um die Wunden zu heilen, die sich die amerikanische Demokratie während dieser bizarren, fürchterlichen campaign season zugefügt hat. Die Gräben, die Trumps Populismus aufgerissen hat, sind älter als Donald Trump und werden leider auch fortdauern, wenn Trump längst in seinem 118-Zimmer-Schloss Mar-A-Lago schmollt. Aber die neue Mehrheit, die sich während der Obama-Jahre gebildet hat, wird den Dialog mit jenen finden müssen, die dem rechtspopulistischen Rattenfänger hinterherliefen. Und den Anfang wird wohl ein "Trump Voters Welcome" machen müssen.