Die Serie, die Trump voraussah – Seite 1

In den Tagen nach der US-Wahl, als Ursachenforschung betrieben und verpasste Warnungen gesucht wurden, fiel öfter der Name einer britischen Serie: Black Mirror. In einer Episode geht es um einen Außenseiterkandidaten, der für ein politisches Amt kandidiert. Nur dass es sich dabei nicht um einen Menschen handelt, sondern um eine Comicfigur. Waldo ist ein kugelköpfiger blauer Bär, Star einer Satiresendung und Liebling der Briten. Weil er sagt, was er denkt. Weil er  Zoten reißt, gegen das Establishment pöbelt und mit Sexismus nicht hinter dem Berg hält. Aus Spaß stellt ihn sein Sender für die Kommunalwahl auf. Es geschieht das Unvorstellbare: Die randalierende Comicfigur erobert die Weltherrschaft.

Tatsächlich kann man die Episode Die Waldo-Kandidatur (The Waldo Moment) als Exempel für die Wahl Donald Trumps lesen. Bei der Figur habe er allerdings eher an den damaligen Londoner Bürgermeister und heutigen britischen Außenminister Boris Johnson gedacht, sagt Charlie Brooker, Autor und Produzent von Black Mirror. Als Visionär kann man ihn trotzdem bezeichnen. 2011, als die erste Staffel der Serie im britischen Fernsehen anlief, war Johnson schon eine schillernde Medienfigur. Dass er eine der führenden Figuren auf dem Weg zum Brexit sein würde, war damals so unvorstellbar wie es einige der Zukunftsvisionen aus Black Mirror für uns heute sind.

Science-Fiction, Horror und Thriller zugleich, ohne eklig zu werden – Black Mirror entwickelt einen unheimlichen Sog, indem gezeigt wird, wie unser digitales Alltagsverhalten zu völlig unüberschaubaren gesellschaftlichen Dimensionen führen kann.

Ein Terrorregime des Likens

Lacie zum Beispiel. Ihr Leben spielt in einer Welt, die aussieht wie eine Werbung für Barbie. Alles ist pastellfarben, die Menschen sehen perfekt aus, alle wischen permanent mit mildem Lächeln über ihre Smartphones. Bestellt Lacie einen Milkshake, kann sie den Verkäufer des Getränks per Smartphone bewerten. War er nett? Sah er gut aus? Wie war die Begegnung? Der Wert eines Menschen bemisst sich in dieser Gesellschaft nach seinem Beliebtheitsgrad. Der errechnet sich anhand eines 5-Sterne-Systems, wie wir es täglich bei Portalen wie Amazon oder Uber verwenden. Wer über 4 Sterne erreicht, zählt zur Elite, hat bessere Chancen auf dem Wohnungsmarkt, bekommt die modernsten Mietwagen, wird beruflich gefördert.

Lacie möchte auch zu den Prime Influencers gehören und richtet ihr ganzes Streben darauf aus, positive Bewertungen zu verteilen, in der Hoffnung, zurückgeliket zu werden und in der Gesellschaft aufzusteigen. Die Folge heißt natürlich nicht umsonst Abgestürzt, denn das Aufrechterhalten des permanenten Dauer-Likens kann bei einem gesunden Menschen nur im totalen Zusammenbruch münden.

Eine neue Klassengesellschaft der Beliebtheit könnte man – optimistisch gesehen – auch als Abkehr vom Kapitalismus verstehen: nicht das Geld zählt, sondern der Charakter. Black Mirror zeigt uns jedoch die Dystopie, ein Terrorregime des Likens. Erfolgreich ist, wer das verkörpert, was in Castingshows gemeinhin als personality bezeichnet wird. Das Vorspiegeln von Authentizität unter größtmöglicher Anpassung an den Mainstream. Die Welt der Likes ist ein Rückfall in feudale Zeiten. Denn die 4+-Menschen umgeben sich – aus Bequemlichkeit und aus Angst vor einer Rückstufung – nur noch mit ihresgleichen. Es entsteht ein Kastensystem, das nur den Weg nach oben kennt. Wer unter die 3 kommt, wird zum Unberührbaren.

Was ist Zukunft und was ist bereits Realität?

Die Episode Abgestürzt ist der Auftakt zur dritten Staffel von Black Mirror und steht exemplarisch für alle 13 Folgen der Serie, die nun auf Netflix abrufbar sind. Was ist Zukunft und was ist bereits Realität? Diese Frage stellt sich in jeder Geschichte dieser Anthologie. Und in diesem Fall wird der Zeigefinger bei der nächsten eBay-Bewertung vielleicht kurz stocken, bevor er über die Sterne streicht.

Der Titel Black Mirror steht laut dem Autor Brooker für "den kalten, glänzenden Bildschirm eines Fernsehers, eines Computerbildschirms, eines Smartphones". Wie sich das moderne Individuum in diesem Display spiegelt, selbstverliebt, narzisstisch und so unfassbar naiv, manipulierbar und meinungsfrei, das erzählt jede der in sich abgeschlossenen Episoden ganz unterschiedlich.

Der Premier soll mit einem Schwein kopulieren – live im TV

Yorkie (Mackenzie Davis) entdeckt in einer Zwischenwelt von Leben und Tod die Liebe. © David Dettmann/​Netflix

Schon die allererste Folge Der Wille des Volkes ist eine Parabel auf den von Eilmeldungen getriebenen Medienbetrieb. Die fiktive Prinzessin von England wird gekidnappt. Der Entführer verlangt, dass der Premierminister live im Fernsehen mit einem Schwein kopuliert. Natürlich eine völlig wahnsinnige Forderung, betonen die Berater des Premiers, die Presse wird um Stillschweigen gebeten. Doch dann erscheint das Video des Entführers plötzlich auf YouTube. Und die Meldung ist in der Welt. Und auf CNN. Wie die Sensationsspirale ein ganzes Land in den Ausnahmezustand versetzt und alle bisher gültigen Regeln von Moral und Menschenwürde aushebelt, ist eine Medienkritik allererster Güte – und ein Dilemma im griechischen Wortsinn.

Fans der Serie streiten mit Verve darüber, welche der Episoden das Zeug zum Oscar hätten. Tatsächlich wird gerade die Folge Das transparente Ich (The Entire History of You) von Robert Downey Jr. und Warner Bros. als Hollywoodspielfilm adaptiert. Darin geht es um die Abrufbarkeit unserer Erinnerungen. In einem eingepflanzten Chip kann jeder Mensch in Zukunft wie in einem großen Fotoalbum seine schönsten – und natürlich auch schlimmsten Momente im Leben abspulen. Und anderen Leuten vorspielen. Aufhänger der Geschichte ist das Zusammentreffen eines jungen Paars mit dem ehemaligen Liebhaber der Frau. Ihren Mann lässt daraufhin der Gedanke nicht mehr los, welche Bilder der Ex-Freund wohl von seiner Liebsten gespeichert hat.

Das private Moment ist auch hier nur der Auslöser, der den Bogen zu viel weitreichenderen Folgen der digitalen Durchleuchtbarkeit spannt. Transparenz verpflichtet. Wer in ein Flugzeug steigt, muss in dieser Welt seine Festplatte der letzten Woche offenlegen. Bei einem Vorstellungsgespräch wollen die Arbeitgeber die letzten Jahre einsehen. Damit können Schatten der Vergangenheit aufgedeckt und vielleicht sogar Terroranschläge verhindert werden. Es gäbe keine Leichen im Keller mehr. Doch liegen sie nicht manchmal ganz gut dort, die Leichen?

Digitale Tote

Ja, auch vor dem Tod macht Black Mirror nicht Halt. San Junipero – laut Fans der Serie die beste Folge aller drei Staffeln – erzählt eine lesbische Liebesgeschichte in einer virtuellen Realität zwischen Leben und Tod. Sterbenskranke Menschen bekommen einen kleinen Urlaub in einer Dekade ihrer Wahl. So treffen sich die nerdige Yorkie und die lebenslustige Kelly in einem 1980er-Jahre-Club und beginnen eine schüchterne Romanze. Am Schluss müssen sich die beiden Frauen, die in der Realität bereits todkranke Seniorinnen sind, entscheiden: Wollen sie ganz normal sterben und in ein unbekanntes Jenseits entlassen werden? Oder ewig weiterleben in der happy Plastikwelt von San Junipero?

Realistischer und weitaus gruseliger ist die Folge Wiedergänger (Be right back). Marthas Freund Ash kommt bei einem Autounfall ums Leben. Eine Freundin empfiehlt ihr ein Programm für Trauernde, das aus den digitalen Hinterlassenschaften des Toten eine künstliche Intelligenz zusammenstellt, mit der man per Mail oder Telefon kommunizieren kann. Nach der ersten Ablehnung lässt sich Martha auf das Programm ein und begibt sich in eine verhängnisvolle Abhängigkeit von dem digitalen Toten.

Ein latentes Unwohlsein stellt sich bei Black Mirror ständig ein, selbst in den Episoden, die einen eher surrealen und sarkastischen Grundton haben. Mehr als eine Folge am Stück ist schwer zu ertragen. Auch wenn nicht jede Geschichte am Ende hält, was die Anfangsidee verspricht, so steckt dennoch in jeder ein Stück Wahrheit. Und eine Aufforderung, darüber nachzudenken, was unsere Gedankenlosigkeit für die Entwicklung einer künftigen digitalen Gesellschaft bedeuten könnte. Denn die wohl deprimierendste Botschaft der Serie lautet: Die Andersdenkenden, die Querdenker, die Sperrigen und Unbequemen, sie werden es schwer haben in dieser Zukunft.

Alle drei Staffeln von "Black Mirror" sind auf Netflix abrufbar.