Portman, Tochter eines israelischen Vaters und einer amerikanischen Jüdin, hat sich für ihr Regiedebüt einen äußerst schwierigen Stoff gewählt. Nicht nur, weil die literarische Vorlage so umfangreich, so fein verästelt, so sprachmächtig ist, sondern auch, weil sie mit der Geschichte eines persönlichen Verlusts das Drama eines ganzen Landes erzählt.

Vielleicht aus Ehrfurcht vor der literarischen Leistung des Autors, vielleicht aus Rücksicht auf das private Unglück hängt sich Portman zu sehr an ihre Vorlage. Statt eine eigene Bildsprache zu entwickeln, reiht die Regisseurin in der ersten Hälfte des Films lediglich Szenen mit Familie und Freunden aneinander. Später montiert sie dokumentarisches Material in den Film, ohne jedoch die Zeitgeschichte atmosphärisch verdichten zu können. Die Regisseurin Portman erliegt der Versuchung, Literatur nachzuerzählen, statt sie mit den Mitteln des Films neu zu denken. Sie will zu viel und wagt zu wenig.

Als Schauspielerin jedoch beweist Portman eine beeindruckende Sensibilität. So nuanciert ist ihre Gestik in der Rolle der Mutter, so fein das Mienenspiel, dass sie mit minimalen Mitteln starke Effekte erzielt. Die Figur des Vaters dagegen, gespielt von Gilad Kahana, bleibt enttäuschend flach. Sein Charakter ist zu eindimensional angelegt, die Ausdrucksmöglichkeiten des Schauspielers erscheinen begrenzt.

Vom Ereignis zur Erinnerung

Am besten ist dieser Film über die Kraft des Erzählens ausgerechnet dort, wo er keine Worte mehr braucht. In einer der stärksten Szenen, die nach etwa einer Stunde wie ein Scheidepunkt wirkt, hat Amos gerade seinen Vater in der Stadt mit einer fremden Frau entdeckt. Nun rennt er aufgeregt nach Hause und erblickt die Mutter. Mit tropfenden Haaren und leerem Blick sitzt sie im strömenden Regen auf einem Stuhl.

Von diesem Moment an verliert die Mutter rapide an Kraft. Zugleich gewinnt der Film etwas an künstlerischer Freiheit. Im letzten Drittel schafft es Portman, sich stärker vom Buch zu lösen, und greift zu genuin filmischen Mitteln wie Unschärfe. Sie beschwört mit Musik und Gesängen unterlegte Traumbilder herauf und man erkennt die Bedeutung ihrer leitmotivisch wiederkehrenden Vorstellung vom Tod als Geliebten. Deshalb lohnt es sich doch, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis anzusehen.  

"Wenn ich mir die Geschichte ausgedacht hätte, hätte sie ein anderes Ende genommen", sagt der alte, schreibende Amos gegen Ende und Portman zeigt noch einmal Szenen aus den Geschichten der Mutter: die Frau im brennenden Haus, den Offizier mit der Pistole, die Ertrinkende und den Mönch. Doch dieses Mal haben die Figuren andere, dem Zuschauer vertraute Gesichter. So schlägt Portmans Film einen Bogen vom Ereignis zur Erinnerung, von Amos, dem Zuhörer, zu Amos, dem Autor. Und vermittelt dabei eine auch für Oz’ Werk wichtige Wahrheit: Der Sohn konnte das Leben seiner Mutter nicht retten, aber in der Literatur kann der Schriftsteller es vor dem Vergessen bewahren.