Diva der Dissonanz – Seite 1

New York um 1940. Eine ältere Dame steht am Flügel und probt eine Arie. "Das Gaumensegel heben!", ermuntert ihr sichtlich begeisterter Gesangslehrer. Ein schiefes Heulen erfüllt den Salon. "Nutzen Sie die Luft!", stachelt der Lehrer weiter an, während sich der schmale Pianist, der die beiden begleitet, angesichts der immer grässlicheren Dissonanzen um Contenance bemüht. "Und jetzt dehnen Sie das Zwerchfell!", übertönt eine letzte Anfeuerung das neben jedem Ton liegende Gejaule. Dann verliert es sich endlich in einem Röcheln.

Willkommen in der Welt der Florence Foster Jenkins. Einer Welt, in der unsere Wahrnehmung Kopf zu stehen scheint, denn dort ist die Dame die größte Opernsängerin aller Zeiten. Obwohl ihre gesanglichen Darbietungen Ohrenschmerzen hervorrufen. Oder hilfloses Lachen. Florence ist eines ganz sicher: die untalentierteste Sängerin aller Zeiten. Amateure eingeschlossen. Nur sagt ihr das niemand. Einige Menschen leben nämlich ganz gut von Florences Wahn. Sie ist eine reiche Erbin. Nur so kann es kommen, dass Florence Foster Jenkins ihre "Kunst" irgendwann sogar in der renommierten New Yorker Carnegie Hall aufführen darf.

Die Story klingt wie die Erfindung eines übereifrigen Drehbuchautors? Mitnichten, Florence Foster Jenkins hat wirklich gelebt. Fans kaufen ihre Platten sogar bis heute. Und posthum wird sie jetzt sogar zum Filmstar. Dabei ist das Bild, das man sich heute von ihr macht, keineswegs einheitlich. Das zeigen gleich zwei Filme, die ihrem Mythos auf den Grund gehen wollen.

In der Dokumentation The Florence Foster Jenkins Story des deutschen Filmemachers Ralf Pleger wird Jenkins die Ehre zuteil, von Joyce DiDonato, der zu Recht gefeierten Mezzosopranistin, dargestellt zu werden. Der Film läuft seit Kurzem in den Kinos. Eine Spielfilmversion startet am kommenden Donnerstag, dort schlüpft die grandiose Meryl Streep in die Rolle der Diva, die keinen Ton traf.

Idealer Kinostoff

Die zeitliche Überschneidung der beiden Produktionen mag überraschen, aber natürlich nicht, dass Jenkins’ Leben ein idealer Stoff fürs Kino ist. Das wird schließlich bevölkert von schrägen Typen. Und es ist süchtig nach true stories. Keine moderne Filmbiografie kommt ohne den Hinweis aus, dass es sich um eine wahre Geschichte handle. Ganz so, als verleihe dieser Stempel ihr mehr Wertigkeit, mehr dramatisches Gewicht. Ganz so, als schreibe doch das Leben selbst die besten Geschichten.

Plegers Film erfüllt formal und inhaltlich streng die Erwartungen, die man an eine Dokumentation stellt. Er beschreibt den Mythos mit der Hilfe von Experten und Historikern, ordnet ein, klopft ab. Aber ein Film über Florence Foster Jenkins ohne Florence Foster Jenkins? Das erschien Pleger dann offensichtlich doch zu trocken. Auftritt also Joyce DiDonato, die ihre "Kollegin" in länglichen, absichtlich überinszenierten Bühnensequenzen nachspielt.

Ein hübscher Einfall ist es schon, sie einige Arien zuerst in fosterscher Dissonanz (in schwarzweiß) und dann im schönsten Mezzosopran (in Farbe) singen zu lassen. Aber abgesehen davon, dass die echte Florence viel schöner schief sang, als DiDonato das jemals nachstellen könnte, ist die überdeutliche Nachinszenierung auch überflüssig. Weil die Experten, die der Regisseur zu Wort kommen lässt – darunter ein Musikhistoriker, ein Performancekünstler, der Archivar der Carnegie Hall –, viel eindrücklicher von ihr erzählen und ein in seiner Widersprüchlichkeit faszinierendes Bild entstehen lassen. War Florence nun eine freundliche Exzentrikerin? Eine Feministin? Eine Camp-Vorreiterin? Ein egozentrisches Monster?

Kartoffelsalat badewannenweise

Bei Meryl Streep ist die Antwort ganz klar: Ihre Florence Foster Jenkins ist nett. Wahnhaft und selbstverliebt zwar, aber großherzig und herzlich. Und weil sie auch leidet, an Syphilis und ihrer Kinderlosigkeit, an Einsamkeit und Melancholie, muss der Zuschauer sie einfach mögen. Das ist der dramaturgische Stolperstein, den die Komödie von Stephen Frears überwinden muss: Das Publikum soll über Florence lachen, aber sie darf nicht lächerlich wirken. Meryl Streep hat mit exzentrischen Frauenfiguren Erfahrung, sie spielte schon in Der Teufel trägt Prada eine Verlegerin nach realem Vorbild und in Julie & Julia eine Fernsehköchin. Und als Florence Foster Jenkins schafft sie einmal mehr den Spagat, dem Zuschauer eine eigentlich unmögliche Figur ans Herz zu bringen, ohne ihr dabei die Vielschichtigkeit zu nehmen.

Stephen Frears ist mit Florence Foster Jenkins eine gleichermaßen schrille wie warme Komödie gelungen. Er gruppiert um seine Hauptfigur ein Ensemble aus weiteren schrägen Charakteren wie den pomadisierten britischen Shakespeare-Rezitator St. Clair Bayfield (Hugh Grant), der ihr Impresario wird, sie vor schlechten Kritiken beschützt und heimlich mit einer anderen Frau verheiratet ist. Oder den Pianisten Cosmé McMoon (Simon Helberg), der vor jedem öffentlichen Auftritt Todesängste aussteht und für den Florence mütterliche Gefühle entwickelt.

Am Klamauk vorbei

Bis zum Höhepunkt, eben jenem Auftritt in der Carnegie Hall, schrammt der Film immer mal wieder am Klamauk vorbei. Etwa dann, wenn Florence noch exzentrischer gemacht wird, als sie es wohl tatsächlich war. In der Fiktion etwa liebt sie Kartoffelsalat und lässt ihn für abendliche Zusammenkünfte gleich badewannenweise zubereiten. Doch meistens können das Timing der Gags und Slapstick-Einlagen mithalten mit den umwerfend komischen Sequenzen, in denen Florence singt – oder das tut, was sie dafür hält.

Große Unterhaltung also. Mit der echten Florence Foster Jenkins hat das Ganze indes wenig zu tun. Über die, so erfährt man in Ralf Plegers Doku, wissen wir nämlich erstaunlich wenig. Weder ob sie wirklich an Syphilis gelitten hat, noch wie sie sich selbst sah. Das Bild, das wir von ihr haben, entsteht allein aus unseren Projektionen auf diese Figur. Ihre Stimme allerdings hat in historischen Tonaufnahmen überlebt. Und auf ihnen hören wir zweifelsfrei: Gesungen hat sie wirklich sehr, sehr schlecht.