Schwarze Leinwand, die Namen der Mitwirkenden erscheinen, sonst nichts, dazu zwei Stimmen aus dem Off. Die eine stellt Fragen, in betont sachlichem Tonfall: "Können Sie die Arme heben, als ob Sie einen Hut aufsetzen wollten?", "Können Sie auf Tasten drücken, als wollten Sie telefonieren?", "Können Sie 50 Meter laufen ohne die Hilfe eines anderen?"

Der Antwortende weiß nicht recht, ob er hier einem Spaß höherer Ordnung beiwohnt, er stellt Gegenfragen, zunehmend amüsiert, zunehmend erbittert. Um Himmels willen, er habe einen Herzinfarkt gehabt, keinen Hirnschlag ... Die Fragende unterbricht, er möge mit ja und nein antworten, sonst nichts. Und Erkundigungen hole hier prinzipiell nur sie ein. Aber wer ist sie denn, so mit ihm zu reden, wie kein freier Bürger eines freien Landes mit einem anderen freien Bürger eines freien Landes reden darf? Nein, ganz so formuliert es der rekonvaleszente Tischler Daniel Blake aus Newcastle nicht, aber genau so meint er es.

Das ist der Beginn des Films, der im vergangenen Mai in Cannes die Goldene Palme gewann. Und Ken Loach, der letzte Nachfahre von Ettore Scola und Roberto Rossellini, ist sein Regisseur. Britischer Neorealismus also. Oder wie Loachs Kameramann es sagt: der Ken-Stil. Der Ken-Stil ist ein Intensitätsphänomen bei größter Sparsamkeit der Mittel. Mit Ich, Daniel Blake hat der nun Achtzigjährige es wieder geschafft, 50 Jahre nach Cathy Come Home.

Daniel Blake hätte für den Brexit gestimmt

Und einen Verdacht hat der Filmemacher auch: Daniel Blake hätte für den Brexit gestimmt! Fügen wir noch einen Verdacht an: Daniel Blake hätte wohl auch Trump gewählt. Vielleicht nicht aus Sympathie. Aber besitzt dieser Mann im Unterschied zu den modernen Wirklichkeiten nicht noch etwas Fassliches, etwas Greifbares? Würde Trump solche Gesundheitsdienstleister-Interviews gutheißen? He is a body, sagen die Angelsachsen. Hillary Clinton ist gewiss keiner.

Alles, was kommt, ist in der Eröffnungsszene bereits enthalten. Eine Filmkritik darf immerhin noch mehr Worte machen als nur "ja" oder "nein" zu sagen, also ist dies, aus gegebenem Anlass, eine undisziplinierte Filmkritik mit Ausflugscharakter ins Grundsätzliche. Jürgen Habermas wollte einst mit seiner "Theorie des kommunikativen Handelns" die Utopie einer gerechten Gesellschaft unter den Bedingungen moderner Industriegesellschaften neu begründen: Durch Sprechaktdisziplin und die Teilhabe aller nähern wir uns unaufhörlich dem Ideal einer herrschaftsfreien Kommunikation.

Mit den typischen "Sprechaktsituationen" in modernen Sozialämtern ist dieser Entwurf allerdings definitiv widerlegt. Und Ich, Daniel Blake ist eigentlich nichts als ein Sprechaktfilm. Natürlich entgleist das Gespräch zwischen Blake und seiner Gesundheitsdienstleisterin. Amüsiert und zornig zu sein, ist keine angemessene Gemütsverfassung für einen Hilfebedürftigen. Über sein Ausscheidungsverhalten befragt, antwortet Blake, mit seinem Arsch sei alles in Ordnung – im Unterschied zu seinem Herzen. Aber wenn das hier so weitergehe, könne er für nichts mehr garantieren.

Nicht gut. Gar nicht gut. Und der Tischler mit dem ramponierten Herzen bekommt einen Bescheid, der sein tiefstes Erstaunen hervorruft: Er ist als arbeitsfähig eingestuft. Er versucht anzurufen, er landet in einer Telefonwarteschleife, die die Verzweifelten mit festlicher Musik von Georg Friedrich Händel empfängt. Barock, das ist Weltordnung, auch in Tönen. Gegenwart, das ist Weltunordnung. Händel ist Hohn auf alle, die sich in diesen Warteschleifen aufhalten. Und leben sie denn überhaupt noch woanders? Leben sie denn überhaupt?