ZEIT ONLINE: Herr Littell, dem deutschen Publikum sind Sie vor allem wegen Ihres kontrovers diskutierten Romans Die Wohlgesinnten ein Begriff, der eine fiktive Biographie mit historischen Tatsachen und realen Personen aus der Zeit des Nationalsozialismus verband. Sie arbeiten aber auch seit Jahren in Krisenregionen, in Tschetschenien, Afghanistan und Syrien. Ihr erster Dokumentarfilm Wrong Elements spielt nun in Uganda, wo während des Krieges zwischen der Regierung und Joseph Konys Rebellenarmee LRA mehr als hunderttausend Menschen getötet und zwei Millionen vertrieben wurden. Was zieht Sie immer wieder zu dem Thema politische Gewalt?

Jonathan Littell: Man muss das auseinanderhalten: In Tschetschenien und Afghanistan habe ich für Hilfsorganisationen gearbeitet, in Syrien war ich als Journalist. In Uganda habe ich jetzt einen Film gemacht, der aber kein journalistischer Film ist. Es ist ein Film über bestimmte moralische Fragen, die sich ergeben, wenn die Täter gleichzeitig die Opfer sind.

ZEIT ONLINE: Bei der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen befragt man meistens die Opfer, weil die Täter aus Angst vor Bestrafung oft schweigen. Wieso ist das in Uganda anders?

Jonathan Littell: Die Kämpfer der LRA wurden im Kindesalter entführt und dann gezwungen, unbeschreibliche Verbrechen zu begehen. Sie wurden geradezu abgerichtet. Nach Ende des Konflikts wurden diese Kämpfer begnadigt, weil man sie auch als Opfer sah. Das vielleicht faszinierendste Beispiel ist Dominic Ongwen. Er wurde nach eigenen Angaben als 14-Jähriger entführt; vielleicht war er auch erst neun oder zehn Jahre alt. Er stieg dann in den Reihen der LRA auf, bis er zum Führungsstab gehörte. Ongwen ist die ultimative Fallstudie.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Littell: Er ist ein schwerer Kriegsverbrecher, er hat Tausende Morde angeordnet und selbst etliche Menschen umgebracht. Für seine Brutalität war er weit über die Landesgrenzen hinweg berüchtigt. Aber auch er ist als Kind entführt worden. Als ich mit ihm gesprochen habe, trat er mir als wirklich netter Typ gegenüber, sehr eloquent, sehr ausgeglichen. Das war schon merkwürdig.

ZEIT ONLINE: Dominic Ongwen hat sich nach Jahren in der LRA der ugandischen Regierung ergeben. In Ihrem Film ist zu sehen, wie er an die Afrikanische Union übergeben wird, ein sehr bürokratischer Prozess, dem er selbst beiwohnt wie der Protagonist aus Kafkas Der Prozess. Glauben Sie, er hat verstanden, was da mit ihm passierte?

Littell: Ja und nein. Die ugandische Regierung hat ihn angelogen in Bezug darauf, was mit ihm geschehen würde, wenn er sich ergibt. Aber er ist nicht dumm. Ihm war bewusst, was vor sich geht. Den normalen Kämpfern der LRA wurde Amnestie gewährt, selbst wenn sie an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen waren, und natürlich hat Ongwen ebenfalls darauf gehofft, selbst wenn ihm bewusst war, dass er sich als Kommandant nicht darauf verlassen konnte. Er hatte allerdings auch keine Wahl, weil Joseph Kony, der Anführer der LRA, schon plante, ihn umzubringen.

ZEIT ONLINE: Diese Szene ist die einzige in Ihrem Film, in der die internationale Gemeinschaft auftritt, und sie wirkt in ihrer bürokratischen Getragenheit und Formelhaftigkeit vollkommen fehl am Platz.

Littell: Nun, so ist die Realität. Für die Übergabe wurden Amtsträger aus aller Herren Länder eingeflogen: ein Colonel aus dem Sudan, ein paar Amerikaner, selbst der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat Leute geschickt, die aber wieder zurückfliegen mussten, weil sie aus diplomatischen Gründen nicht vor Ort sein durften. Es war ein ziemlich interessantes Chaos.