Mamas Liebling. Ein kleiner Engel, ein echter Teufel. Patti Smiths erster Boyfriend. Verwegen, ein Charmeur erster Sorte, "niemand", heißt es in dem Dokumentarfilm Mapplethorpe: Look at the Pictures über den Künstler, "wirklich niemand, der Robert sah und sich nicht sofort in ihn verliebte. Hunde eingeschlossen".

Looks: wie Amor. Wenn auch im Zustand der Dekadenz. Der Fotograf Robert Mapplethorpe, der am 4. November 1946 in Floral Park, New York geboren wurde und in diesen Tagen 70 werden würde, wäre er nicht 1989 an Aids gestorben, erhob Pornografie zu Kunst, Sadomaso zum galeriefähigen Event, Polaroids zu einer neuen Ästhetik. Wenn sich jetzt einer vorwirft, das ein wenig verpasst zu haben: Tränen abwischen. Es liegt vermutlich nur daran, dass wir alle zu oft Just Kids von Patti Smith gelesen haben, die herzzerreißende Geschichte der Freundschaft zwischen Patti und Robert. Die sich 1967 ineinander verliebten und wie Bonnie und Clyde Downtown New York eroberten, das Glamourpaar Nummer 1 wurden.

Es waren diese 68er Jahre, die natürlich von Leuten, die schon bei Geburt zu spät aufschlugen, hemmungslos gehasst werden. Verpasst: die LSD-getränkten Zigaretten, der CBGB Club, die Schreiereien zwischen Sid Vicious und Nancy Spurgen im Chelsea Hotel. Überhaupt: Chelsea! Wo Janice Joplin Hof hielt, Jimi Hendrix mit schönen Blondinen und Patti auf ihrem Sofa in der Lobby gesehen wurde. Verpasst: die ganzen wilden Jahre, in denen Downtown noch keine Location für den Prada Flagship-Store war, sondern eine versiffte Gegend, wo das Abwasser über die Straße flutete. Verpasst: die Geburt von Punk und Rock als globaler ästhetischer Aufbruch. Tja.

Wer Robert Mapplethorpe unterschätzt hat, hat vielleicht auch zu viele seiner schönen Orchideenfotos gesehen, die jetzt als Poster und Postkarten weggehen, die Krinkelpoppies, die kleine Anemone, die riesigen Callablüten mit ihren familienverträglich erigierten Stempeln. Aber es gibt eben auch die anderen Bilder Mapplethorpes, ein geölter Körper in Latexarrangements etwa oder jenes, auf dem ein Schwanz aus einem Anzug hängt, die Fotos von schwarzen Studs als Körperlandschaften oder das Bild von der amerikanischen Flagge über Wolken. Originale von Mapplethorpe bringen auf dem Kunstmarkt schon mal eine halbe Million Dollar. Und wie es zu all dem kam, erzählt jetzt dieser wunderbare Film von Fenton Bailey and Randy Barbato: Schaut die Bilder an!

Antworten auf die wichtigsten Fragen vorweg: Na klar, Patti kommt vor. ("Er war meine erste Liebe. Er hat mein Selbstvertrauen aufgebaut, in mich als Künstlerin.") Auch seine Schwester kommt vor, und Blondie, die zu Vor-Blondie-Zeiten als Kellnerin jobbte und – wenn auch schlecht bezahlt – das Glück hatte, Robert jeden einzelnen Tag zu sehen, an der Bar. Die Künstlerin Sandy Daley, die eine Nachbarin aus dem Chelsea war, im Zimmer 1019 nämlich, und den Film Robert having his nipple pierced (1971) machte, ein Klassiker des Undergroundfilms, in dem Mapplethorpe seinen süßen Kopf unter Schmerzen in den Schoß von David Croland bettet, der sein neuer Lover war (Soundtrack Patti Smith). Daley sagt von Mapplethorpe, er sei eine Mischung aus Oscar Wilde und Jackson Pollock gewesen. Croland sagt: "Wir waren Boyfriends und man hat uns erwischt."

Ein Mann, der sich selbst umkreiste

Was der Film in vielen Interviews, mit Freunden, Familie, Liebhabern und Lieblingsmodels, was oft dasselbe war, brillant zusammensetzt, ist die Geschichte des unaufhaltsamen Aufstiegs von Robert Mapplethorpe vom Kid, das nicht wagte, Papa sein Schwulsein zu gestehen, zum Superstar, der er war, als er starb. Es ist auch ein Stück Kunstgeschichte. Als turning point erscheint ein Artikel in der New York Times, von dem der Kunstkritiker Bob Colacello im Film erzählt, der damals der Warhol Factory zuzurechnen war, ein Artikel mit der Überschrift "Some might call it degeneracy" (Einige würden es degeneriert nennen). Zitat: "Es existiert heute in New York ein Life Style, oder, wie Susan Sontag vermutlich formuliert hätte, eine Sensibilität, die, in Ermanglung eines treffenderen Wortes, 'Highclass Underground' genannt werden könnte…" The New York Times! Susan Sontag! Der Sammler Sam Wagstaff adoptierte irgendwann Mapplethorpe, er kaufte dem Geliebten eine Hasselblad, und auf ging es in die Welt der Reichen und Schönen. Empfang im Dakota! Supper auf der Upper East Side! Mapplethorpes erste Soloshow oben an der Madison Avenue (!), die Einladungen ließ er bei Tiffany (!) drucken. Mapplethorpe wurde eben keineswegs zufällig berühmt. Der Film umkreist einen Mann, der sich selbst umkreiste und alle benutzte, um sein hochgestecktes Ziel zu erreichen: eine Legende zu werden.

Falls das nun abfällig klang – der Film schafft es jedenfalls, einen gelassenen Blick auf dunkle Schattierungen des Helden mit einer Bewunderung für seinen Ehrgeiz und sein kluges Selbstmanagement zu verbinden. Das schließt Mapplethorpes Obsession für das, was "der perfekte schwarze Schwanz" genannt wird, ein. Mapplethorpe wollte das angeblich Schmutzige mit dem Glamour verbinden, und genau das gelang. Wie ein Freund im Film sagt, Mapplethorpe habe Sadomaso die Aura eines Louis-Quinze-Sessels verliehen – "and it just took your breath away": Fotos, in denen ein Finger tief in einem Penis steckt, oder ein Arm in einem Arsch.

Der Blick der Kamera wandert aber auch über die vielen Porträts, die Mapplethorpe machte. Natürlich Aufnahmen von Patti, der Berühmten, auf denen sie sich nackt und fötal zusammengekrümmt an einen Heizkörper klammert. Oder das Bild, auf dem Patti wie ein Junge eine schmale schwarze Hose mit schwarzen Hosenträgern über einem weißen Herrenhemd trägt und cool ein schwarzes Jackett über die Schulter geworfen hat. Camille Paglia nannte es "das großartigste Porträt einer Frau, das je gemacht wurde". Eine Ikone, das Cover von Horses. Eindringlich auch das Porträt von Gloria von Thurn und Taxis aus der Zeit, als sie noch nicht Kostümchen trug. Die Porträts von Bianca Jagger, von Robert Wilson, von Laurie Anderson und Louise Bourgeois. Erstaunliche Bilder. Sie zeigen, so sehr Robert Mapplethorpe auch auf Sex fokussiert gewesen sein mag, seine Sensibilität, nicht nur für sich und das eigene Begehren, sondern auch für sein Gegenüber. Allein dafür lohnt es sich, diesen schönen Film zu sehen.