Freitag, 4. November 2016: Täglich wird auf der Website von Buckingham Palace angekündigt, wo die Windsors auftreten. Doch heute ist der Terminkalender blank. Elizabeth II. wird kein Denkmal einweihen, Prinz Philip kein Seniorenheim besuchen, kein einziger verdienter Untertan wird zum Ritter geschlagen.

Was ist da los? Well, womöglich Absicht, dass dieser Tag freibleibt. So haben die beiden Gelegenheit, abends die Füße hochzulegen und eine brandneue Serie anzuschauen, auf die sie ziemlich gespannt sein dürften: The Crown lässt die 90-jährige Queen und den 95-jährigen Prinz von Edinburgh zuschauen, wie es in ihrem Leben zugegangen ist. Es ist die Geschichte des Paares vom Tag seiner Hochzeit 1947 bis – ja, wenn alles gut geht – heute. 

Die erste Staffel umfasst zehn Folgen, und wie es sich für die House of Cards-Produktionsfirma gehört, steigt Netflix ganz oben ein. Der Produktionsetat liegt bei angeblich 112 Millionen Euro, die Crew besteht aus Starschauspielern und Topregisseuren, der Stoff ist nicht bloß die Chronik der Familie, nein, es geht um die Nachkriegsepoche in Großbritannien generell, mit allen politischen Figuren, die damals Macht und Einfluss hatten. Kritiker spekulieren, The Crown könnte schaffen, was Netflix bislang nicht gelungen ist: Die mittlere und ältere Generation von ihren Puschenfernsehsendern wegzuholen und zum Streamingdienst zu locken.

War es so?

Wie es damals in Buckingham Palace und in Downing Street 10 zugegangen ist, werden sich die Windsors nicht entgehen lassen. Freilich kann passieren, dass sie in ihrer stocknüchternen Art ab und zu ausrufen: "Quatsch! So war es doch nicht."
War es so?

Im Trailer sehen wir Elizabeths Vater, König George VI. (Jared Harris), von hinten. Hustend hält er sich ein Taschentuch vor den Mund. Der Mann, so die erste Botschaft, ist krank. Die Kamera blickt in eine Kloschüssel voller Blut. Immerhin reicht der Lebensmut des Monarchen noch, um beim Ankleiden mit dem Kammerdiener Limericks voller foul words auszutauschen. Nicht nur das baldige Ende des Regenten wird angedeutet, sondern gleich auch ein Epochenwechsel. Vor allem aber soll diese Szene den Verdacht widerlegen, es gehe um eine Story aus Palästen, um Hoheiten in raschelnden Taftroben und um Diners im Kerzenschein, eine Art Bunte in Endlosschleife.

Netflix hat erkannt, dass eine amerikanische Produktion gut beraten ist, britische Experten wie den Drehbuchautor Peter Morgan (The Queen) oder den Regisseur Stephen Daldry (Billy Elliot, Der Vorleser) zu verpflichten. Die beiden wissen, wie Monarchie hinter den Kulissen funktioniert, ohne ständig in den Bückling zu verfallen. Garantiert wird der royale Pomp immer wieder mal gebrochen. Wenn Prinz Philip (Matt Smith) mit bloßem Oberkörper beim Rudern zu sehen ist oder ein paar Sekunden mit blankem Hintern im Bett auftaucht, interessiert betrachtet von seiner jungen Frau Elizabeth. Oder wenn Premierminister Winston Churchill (John Lithgow) in der Badewanne liegend seiner Sekretärin Venetia diktiert, die vor der – verschlossenen – Tür des Badezimmers hockt. Als der korpulente Alte sich in der randvollen Wanne umdreht, durchnässt die Flutwelle die arme Venetia durch die Tür hindurch.

Wird das Kronenepos in Großbritannien und Amerika Erfolg haben? Gut möglich. Wird es Fans in Deutschland erobern? Schon schwieriger. 

Was Bürgerliche so Liebe nennen

Ein Pluspunkt ist auf jeden Fall das Drehbuch von Peter Morgan. Dass die Windsors dem Projekt skeptisch gegenüberstehen, ist kein Geheimnis. Morgan hat sich sämtlichen subtilen Versuchen des Hofes widersetzt, Einfluss zu nehmen. Seine Dialoge klingen nach Upper-class-Tonfall, ohne steif zu wirken, die emotionalen Verknotungen dieser altmodischen Familie zwischen Tradition, Verantwortung und dem, was Bürgerliche so Liebe nennen, werden sorgfältig orchestriert, die Cliffhanger überzeugen (meist geht es dabei um die tragische Liebe von Prinzessin Margaret zu Leutnant Peter Townsend).

Der Grundkonflikt trägt locker durch die erste Staffel: Hinter allem Ritual und Zeremoniell stehen komplexe individuelle Interessen und Beziehungen. Hier die 25 Jahre alte Königin, sehr blauäugig, sehr unerfahren und sehr zerrissen zwischen royaler Pflicht und privater Neigung. Dort der durchs Feuer des Weltkriegs gestählte Premierminister Churchill, der sich als father of the nation fühlt. Er sieht die Monarchie gefährdet, wenn sich dieses junge Ding auf dem Thron Fehler leistet oder ihr Ehemann übergriffig wird, dessen deutsche Familie auch noch Verbindungen mit führenden Nazis hatte. Churchill ist nicht der Einzige, der die Stirn in Falten legt, als er die dramatische Nachricht erfährt. 

Der König ist tot – und die neue Königin auf Safari

6. Februar 1952, ein Dudelsackspieler, draußen im Morgengrauen vor Schloss Sandringham. Ein Diener zieht die Vorhänge beiseite. "Es ist 7.30 Uhr, königliche Hoheit." Nichts rührt sich im Bett. Der Kammerdiener fühlt den Puls. Die nächsten fünf Szenen sind meisterlich in der Inszenierung einer verfassungsmäßigen Ungeheuerlichkeit: Das Staatsoberhaupt, der König ist tot – aber wo ist die neue Königin? Sie sitzt 6.000 Kilometer entfernt in einem kenianischen Wildtierreservat und schreibt ihrem "Papa", wie großartig der Empfang auf der ersten Station ihrer Commonwealthtour war. Bis die Nachricht die Ahnungslose im Prä-Internet-Zeitalter erreicht, vergeht ein halber Tag.