Steile These: Wäre Jane Austen 150 Jahre später geboren worden, hätte sie sich wahrscheinlich mit scharfsinnigen Romantic Comedys einen Namen gemacht. Und das oft zu Recht geschmähte Genre würde heute vermutlich hohes literarisches Ansehen genießen. Dummerweise ist das Ideal der romantischen Liebe eine Erfindung der, eben, Romantik. Das Konzept der bürgerlichen Liebesheirat wurde sogar erst im 20. Jahrhundert gesellschaftsfähig. Austen blieb zu Lebzeiten also nichts anderes übrig, als sich in ihren Romanen auf die Mechanismen von Paarbildungsritualen zu konzentrieren. Die funktionierten zu Beginn des 19. Jahrhunderts rein pragmatisch; die soziale Dynamik beruhte im Wesentlichen auf Klassendünkel und strengen gesellschaftlichen Verhaltensnormen. Comedy of Manners heißt das literarische Genre, das Austen gewissermaßen mitbegründete, auf Deutsch Gesellschafts- oder Sittenkomödie. Romantik besaß hier allenfalls eine performative Funktion im Zeremoniell der courtship. Das Liebeswerben versprach in erster Linie soziales und ökonomisches Prestige.

Knapp 200 Jahre nach Jane Austens Tod hat Whit Stillman mit seiner erstaunlich werkgetreuen Austen-Adaption Love & Friendship die Romantic Comedy und die klassenbewusste Sittenkomödie auf kongeniale Weise miteinander versöhnt. Basierend auf dem frühen, postum veröffentlichten Briefroman Lady Susan, konturiert Stillman den Stil Austens, insbesondere ihre elegant-schnörkellose Ironie, die in dem Frühwerk bereits zarte Keime treibt, mit einem sicheren Gespür für den Sound der Zeit: beiläufige, lässig dahingeworfene soziale Beobachtungen, die wie scharfkantige Stechformen genüsslich-maliziöse Aperçus aus den gepflegten gesellschaftlichen Konversationen stanzen. Seine charakteristischen "Stillmanierismen" sind Austen absolut ebenbürtig. Kein geringes Kompliment. Für Fans des sträflich unterbeschäftigten Independent-Regisseurs (Love & Friendship ist sein sechster Spielfilm in 22 Jahren) kommt diese Erkenntnis wenig überraschend. Stillman & Austen ist eine Traumpaarung und die logische Konsequenz eines im US-Independent-Kino singulären Komödien-Œu­v­res.

Die Romanvorlage wartet mit einem kuriosen Ensemble mehr oder weniger sozial verträglicher Typen auf, deren Charaktereigenschaften Stillman mit pointierten Strichen herausarbeitet. Schon ihre Einführung anhand kurzer Titelkarten im unverwechselbaren faux Austen-Tonfall setzt sarkastische Nadelstiche. Im Mittelpunkt steht die verarmte Lady Susan, von Kate Beckinsale mit grenzwertig soziopathischer Eisigkeit gespielt, die sich nach dem Tod ihres Mannes mit lädiertem gesellschaftlichen Ansehen (ihr eilt der Ruf als "schlimmste Verführerin ganz Englands" voraus) vorübergehend bei der Familie ihres Schwagers einquartiert. Das Anwesen Churchill erscheint der Kosmopolitin unerträglich hinterwäldlerisch, aber der Landadel hat wenigstens noch ein paar "gute Partien" im Angebot, um die eigene Tochter Frederica profitabel unter die Haube zu bringen. Etwa den einfältigen Sir James Martin, ein – wie seine Titelkarte verrät – "ziemlicher Hohlkopf", der seine Mitmenschen mit stupend nichtigen Allerweltsbetrachtungen verblüfft. Die schlaue Witwe selbst hat den "göttlich attraktiven" Lord Manwaring ins Visier genommen, dessen hysterische Ehefrau im Intrigenspiel Lady Susans lediglich einen Kollateralschaden darstellt, ist aber auch dem jungen Bruder des Hausherren, Reginald DeCourcy, nicht abgeneigt.

Die Figurenkonstellation ähnelt den früheren Indie-Komödien Stillmans, er besaß schon immer ein geschärftes Bewusstsein für soziale Codes und milieugesteuerte Verhaltensmuster. Seinen Figuren fehlen jegliche soziale Filter, die in Alltagskonversationen ihrem Narzissmus und ihrer blasierten Ignoranz vorgeschaltet wären. Sie reden sich in fein geschliffenen, unverhohlen selbstbezüglichen Dialogen um Kopf und Kragen, meist ohne Anzeichen einer äußeren Regung. Lady Susan ist insofern eine typische Stillman-Figur, auch wenn ihr Milieu nichts mit der Prä-Yuppie-Angestelltenwelt in The Last Days of Disco oder der stilisierten College-Wirklichkeit in Damsels in Distress gemein hat. Beckinsale ist in ihrer Rolle umwerfend, sie verkörpert Lady Susans obsessives Statusbewusstsein und ihren unreflektierten Snobismus mit verschlagener Ahnungslosigkeit, hinter der immer wieder blanke Niedertracht zum Vorschein kommt.

Stillmans satirischer Witz besteht in der entlarvenden Diskrepanz von Sprache und Mimik. Selbst die größten Ungeheuerlichkeiten gehen Lady Susan ohne den Anflug eines Selbstzweifels über die Lippen. "Zu alt zum Manipulieren, zu jung zum Sterben", urteilt sie nonchalant über den betagten Ehemann ihrer Freundin und Mitverschwörerin Alice (Chloë Sevigny). Die Lady betrachtet es als Naturgesetz, dass ihr selbst nur das Beste zusteht; Lügen und Intrigen sind ein probates Mittel. Und wehe, der beflissenen Strippenzieherin kommt dabei die unpässliche Wahrheit in die Quere. "Fakten sind ein gar schröcklich Ding", seufzt die postfaktische Ex-Gräfin einmal angesichts ihrer drohenden Demission vom Hofe.

Sprache als Analyseinstrument

Stillman beweist mit solchen spitzzüngigen Details seine helle Freude an dem 200 Jahre alten Stoff, den er sich bravourös angeeignet hat. Mit Love & Friendship bleibt er der Ästhetik und dem Ton des Kostümfilms treu, injiziert aber auch eigene Spitzen in die gelöste Screwball-Comedy-Dynamik. Kurzweilige 92 Minuten dauert der Spaß. Stillmans Sinn für Gehässigkeiten und kultivierten Hohn fügen sich bruchlos in Austens bissige Beobachtungen der adeligen Umgangsformen, seine Handschrift bleibt dennoch unverkennbar. Da wird selbst das Vorlesen eines Briefs zu einer Miniatur-Studie in zwischenmenschlicher Kommunikation – mit all ihren Missverständnissen und Übersetzungsschwierigkeiten. Sprache ist für Stillman ein analytisches Werkzeug. Auch Lady Susan kann rhetorisch niemand das Wasser reichen, ihre Argumente folgen einer undurchdringlichen, hermetischen Logik, der sich selbst Gefühle zu beugen haben. "Eine Ehe ist doch ein Bund fürs Leben", beschwert sich Frederica über die Pläne ihrer Mutter. "Nicht nach meiner Erfahrung", entgegnet diese ungerührt. Eine andere These könnte also lauten, dass Stillman auch das Zeug zum scharfsinnigen Romantic-Comedy-Regisseur hätte. Wären die menschlichen Verhaltenszwänge nicht unendlich faszinierender.