Kalte Rache – Seite 1

Fettwülste. Das ist das Erste, was man sieht. Brüste, die bis zu den Knien herunterhängen. Wabernde Oberschenkel, die sich langsam im Takt der Musik bewegen. Etwa zwei Minuten kreist die Kamera in Nahaufnahme über die Frauenkörper. Dann zieht sie auf, wir sind inmitten eines riesigen Raums und begreifen, dass wir in einer Kunstinstallation gelandet sind.

Um die dicken, tanzenden Frauen herum steht die Kunst-Schickeria von Los Angeles, Champagnergläser in den Händen. Susan Morrow (Amy Adams) ist mittendrin. Sie ist Kuratorin, Museumsdirektorin, Kunstmäzenin. Irgendwas. Berufsbezeichnungen spielen keine Rolle in diesem Film. Es reicht, die Zugehörigkeit zu bestimmten Milieus zu markieren.

Das Schöne und das vermeintlich Abstoßende stehen in Nocturnal Animals permanent sehr nah beieinander. Es ist nach A Single Man die zweite Regiearbeit des Modedesigners und ehemaligen Gucci-Kreativdirektors Tom Ford, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Ford bleibt dabei recht dicht an der Originalvorlage, dem Roman Tony und Susan des 2003 verstorbenen Schriftstellers Austin Wright. Der Roman war verstörend, der Film ist es ebenfalls.

Susan also lebt gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann Hutton (Arnie Hammer) in einem eiskalten Luxusbau über den Dächern der Stadt. Ein rundum verglastes Mausoleum mit viel Kunst und viel Leere darin. Eines Tages bekommt Susan von ihrem Ex-Mann Edward Sheffield, den sie 19 Jahre lang nicht gesehen hat, ein Päckchen zugeschickt. Edward ist Schriftsteller; in dem Päckchen befindet sich ein Romanmanuskript, das nicht nur Susan gewidmet ist, sondern eben auch jene Bezeichnung als Titel trägt, die Edward einst der notorisch schlaflosen Susan verpasst hat: Ein nocturnal animal, ein nachtaktives Tier, sei sie. Susan beginnt das Manuskript zu lesen und taucht ein in einen Alptraum, der sehr viel mit ihr selbst und ihrem eigenen Leben zu tun hat. Edward hat nicht ihre, aber eine mögliche gemeinsame Geschichte aufgeschrieben. Eine Geschichte, die so nicht hätte passieren dürfen.

Von jenem Moment an, an dem Susan das Manuskript aufschlägt, läuft Nocturnal Animals auf drei Handlungsebenen: Die eine ist die der Susan der Gegenwart, die in ihrem einsamen nächtlichen Haus sitzt, liest und zunehmend affiziert und abgestoßen zugleich ist. Auf der zweiten erinnert sie sich, immer dann, wenn sie die Lektüre unterbricht, an ihre Vergangenheit mit Edward, dem Verfasser des Romans. Die dritte, wirkungsmächtigste und imposanteste schließlich ist der Roman selbst, der als Film vor Susans innerem Auge abläuft.

Alle Bewusstseinsspuren sind miteinander verzahnt

Die Geschichte ist brutal, gemein, nervenaufreibend. Tony Hastings ist mit seiner Frau und der Tochter im Auto unterwegs nach Marfa in Texas. Auf der endlosen und einsamen nächtlichen Landstraße wird die Familie von einer Horde komplett durchgeknallter Typen gestellt. Sie verprügeln Tony und nehmen seine Frau und seine Tochter mit. Zu verraten, was danach geschieht, wäre höchst unfair. Darum nur so viel: Aaron Taylor-Johnson als sadistischer und sardonisch grinsender Bösewicht Ray Marcus und Michael Shannon als texanischer Bulle, der am Ende rein gar nichts mehr zu verlieren hat, sind das Beste, was dem Film passieren konnte.

Allein die Tatsache, dass sowohl der Autor Edward als auch sein Protagonist Tony Hastings von Jake Gyllenhaal dargestellt werden, demonstriert, auf welch komplex-irritierende und höchst geschickte Art und Weise Tom Ford die unterschiedlichen Bewusstseinsspuren, die da ablaufen, miteinander verzahnt hat. Es ist selbstverständlich auch genau durchdacht, dass Tonys Frau Laura (Isla Fisher) wiederum der rothaarigen Susan recht ähnlich sieht. Und auch die Tochter (Ellie Bamber, rothaarig, versteht sich) könnte das gemeinsame Kind von Edward und Susan sein, hätte sie sich damals nicht zu einer Abtreibung entschieden.

Ein Spiegelkabinett zwischen Kunst und Wirklichkeit

Jake Gyllenhaal (hinten li.) als Tony Hastings und Michael Shannon als Polizist Bobby Andes © Universal Pictures

Nocturnal Animals ist unglaublich spannend. Tom Ford inszeniert in einer grell überzeichneten Ästhetik und in zum Teil pompösen Bildern (diese weite texanische Landschaft!) ein Spiegelkabinett aus Motiven und Verweisen, zwischen Kunst und Wirklichkeit, zwischen Traum, Erinnerung und Realität. 

Das Paradoxe daran: Trotz seiner Bildmacht ist Nocturnal Animals im Grunde genommen ein Film für Leser; für Menschen, die in der Lage und Willens sind, Leerstellen auszuhalten und assoziativ zu füllen. Die visuelle Perfektion hat kalkulierte Lücken; darum ist sie zu ertragen. Es geht um die Produktion von Kunst und darum, was Kunst in und mit einem Menschen anrichten kann. Die grundsätzliche Frage, wie mit der Verschränkung von Kunst und Leben umzugehen sei, führte letztendlich seinerzeit zum Zerwürfnis zwischen Edward und Susan. Nun muss Susan ihr sich gezwungenermaßen noch einmal stellen.

Wenn eine Biografie plötzlich umschlägt

Und auch wenn Nocturnal Animals auf einer Einsicht basiert, die durchaus banal ist – auf der Erkenntnis nämlich, dass eine nach rationalen Gesichtspunkten geplante Biografie irgendwann umschlägt und zwangsläufig in dunkle psychische Bezirke führt –; hat es schon etwas Erschreckendes, wie verloren und hoffnungslos ein permanent in etwas zu viel Tränenflüssigkeit schwimmendes Augenpaar wie das von Susan in die Welt und auf sich selbst schauen kann, wenn sie erst einmal begriffen hat, was mit ihr geschehen ist.

Die ganze Perfidie von Edwards ausgeklügeltem Konstrukt erschließt sich erst in der Schlussszene. Es ist exakt der Moment, in dem wir gemeinsam mit Susan begreifen, dass es noch etwas Grausameres, Schmerzhafteres gibt als heiße Rache: kalte Rache.