Ist der Frankfurter Tatort das Werder Bremen der ARD-Sonntagabendkrimi-Liga? Ein kleiner Verein (hier: Spielfilmredaktion) mit begrenzten Mitteln in einem Umfeld, das sonst nicht viel zu bieten hat (hier: der HR), der nach dem Aufstieg aus der zweiten Liga (hier: dem Ende der "Fliege"-Brinkmann-Ära) mit engagierten Leistungen auf sich aufmerksam gemacht hat. Der – man kann es tatsächlich nicht oft genug sagen – die legendäre Schweighöfer-Folge Weil sie böse sind unter Dellwo/Sänger hervorgebracht hat, was, um bei den Fußballanalogien zu bleiben, einem Champions-League-Gewinn gleichkommt.

Und der mit jedem der fünf Conny-Mey-Auftritte von Nina Kunzendorf danach immer "ein Wörtchen mitzureden hatte", wie es in der Sprache der Sportreporter heißt, wenn es um die interessantesten Folgen der Saison ging.

Seither aber ist der Zauber futsch, kämpft der Frankfurter Tatort gegen den Abstieg. Mit Wendehammer (HR-Redaktion: Liane Jessen, Lili Kobbe) geht zum vierten Mal das immer noch neue Team, bestehend aus Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul "Brixi" Brix (Wolfram Koch), an den Start, und wie in Berlin letzte Woche weiß man nicht, was das bedeuten soll (hier: ohne unverständliche episodenübergreifende Handlung).

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht" © Daniel Seiffert

Die Langeweile setzt schon bei den Hauptfiguren ein, die gemeinsam keinen Reiz entfalten, obwohl man spielend eine Mehrheit zusammenkriegen dürfte, die Koch und Broich schätzt. Die beiden Ermittler wirken zwanghaft auf Originalität gebürstet, beschwert von redaktionellen Einfällen, die in der freien Wildbahn des fertigen Films der Zuschauerin nur auf die Nerven gehen.

Warum muss zum Beispiel Janneke eigene Fotos machen wie eine Touristin (Fun Fact: Margarita Broich fotografiert auch), wenn diese Aufnahmen nie etwas bedeuten für den Film – weder das lustige Foto, das sie vom kickenden Jungen schießt, noch die Bilder, die sie neben den Kollegen von der Spurensicherung an Tatorten macht?

Aus Verzweiflung instantflirten

Und warum wohnt Brixi bei dieser Fanny (Zazie de Paris)? Mit der Figur weiß auch die vierte Frankfurter Folge so wenig anzufangen, dass sie wieder nur als Herbergsmutter für verfolgte Seelen aus dem Fall herhalten muss, wobei man sich hier sogar fragt: Hätte die Engelsschwester nicht einfach in dem Kloster bleiben können, in dem die Kommissare sie mal eben aufgetan haben?

Damit nicht auffällt, wie sinnlos Fanny ist als Teil des Ensembles, bekommt sie eine total lahme Geburtstagsfeier spendiert. Bei der deutet ein Blickkontakt an, dass Brixi eifersüchtig auf den Eintänzer sein könnte, mit dem Janneke eine Sohle aufs Parkett legt. Das ist so deprimierend: Zwei Figuren, die kein Verhältnis zueinander haben, sollen aus Verzweiflung miteinander instantflirten. Noch deprimierender ist freilich, dass ein erwachsener Regisseur (Markus Imboden) auf die Idee kommt, bei dem Tanz die ikonischste Szene aus einem super ikonischen Film nachzustellen, als habe er einen unbekannten Moment aus einem übersehenen Meisterwerk würdigen wollen – und nicht die millionenfach geklickte John-Travolta-Uma-Thurman-Nummer aus Pulp Fiction. Wohl dem, der hier aufs Klo kann.