Ruhm macht auch Stress. Weil er so irre populär und langlebig ist, muss der Tatort so viele Feiern organisieren wie kinderreiche Eltern im Jahr Geburtstage. Neulich erst das 1.000. Jubiläum, nun der Abschied vom Konschtanzer Revier nach 14 Jahren und 31 Folgen mit einer Episode, deren Name vom S. Fischer Verlag genehmigt werden musste: Wofür es sich zu leben lohnt  (SWR-Redaktion: Katharina Dufner, SRF-Redaktion: Maya Fahrni).

Es verbirgt sich hinter dem in seiner anpathetisierten Direktheit doch ziemlich schlichten Titel nämlich ein Buch des beliebten Wiener Kulturphilosophen Robert Pfaller. Der hat die bahnbrechende Beobachtung gemacht, dass die Fettlebe unserer Tage nicht mehr so hemmungslos ausagiert wird wie auf den Bildern, die etwa aus dem Barock überliefert sind, und zieht als Marlboro-Man bürgerlicher Selbstermannung nun tapfer gegen die Light-Zigarette ins Feld. Das klingt dann etwa so: "Ohne diese Unvernunft, die uns glücklich macht, wär' das Leben doch nichts als eine abgeschmackte Abfolge von Bedürfnissen."

Ein Pfaller-Zitat, das die große Hanna Schygulla in diesem Tatort über die Lippen bringen muss – eine Anstrengung, die ihr durchaus anzumerken ist. Wenn es dann geschafft ist, hat man nicht viel mehr gewonnen als das beruhigende Gefühl, dass der Herr Philosoph so schön über Sachen schwurbeln kann, die einem auch schon mal aufgefallen sind.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Kann man alles machen, denn wie heißt es schon beim singenden Humanisten Fred Bertelmann: "Meine Welt ist bunt". Zum Glück übertreibt es der letzte Bodensee-Fall mit seiner Pfaller-Begeisterung aber nicht (Drehbuch: Aelrun Goette, Sathyan Ramesh), sondern lötet sich zum Abschied von Eva Mattes als Klara Blum einen doch ziemlich erstaunlichen Film zusammen. Ob man Krimi dazu sagen soll, wäre eine Frage, aber aus der großherzigen Fred-Bertelmann-Perspektive sorgt dieser Tatort hübsch für Abwechslung bei der Sonntagabendroutine.

Da wäre die Wiedervereinigung der Fassbinder-Ladys aus dem Film Die bitteren Tränen der Petra von Kant (1972). Neben Hanna Schygulla erweisen die große Irm Hermann und die nicht minder große Margit Carstensen der scheidenden Kollegin die Ehre. Und man weiß die ganze Zeit nicht, ob die Rollen, die die drei spielen sollen, nicht nur ein Vorwand sind, damit Eva Mattes, nachdem die Kleinblütige Bergminze sie einmal auf die Spur geführt hat, aus der Filmhandlung ab und zu ins Kaffeekränzchen mit der eigenen Vergangenheit abbiegen kann.

Denn es ist schon erhebend genug, die tollen alten Gesichter versammelt zu sehen. Dass die drei Damen sich am Ende in einem Feuerwerk auf dem See als Täterinnen aus dem Film verabschieden, wirkt fast ein wenig pflichtschuldig: Irgendjemand muss es im Tatort ja doch immer gewesen sein.