Haben Sie es auch bemerkt? Captain America, Iron Man und andere "Marvel"-Superhelden haben neue Handys. Seit ihrem Auftritt in Captain America: Civil War telefonieren sie nicht mehr mit Geräten der Marke LG, sondern sind zu Vivo übergelaufen. Kennen Sie gar nicht? Dann haben Sie wohl auch noch nie "Moon Milk" getrunken, die Milchshake-Marke, die die Helden von Independence Day: Resurgence ständig in die Kamera halten? Nun ja, wenn Sie dies lesen, sind Sie wahrscheinlich auch nicht Chinese.

Kinogänger aus China sind es nämlich, die "Moon Milk" und Vivo-Handys kaufen sollen. Eigens für sie haben Hollywoods Marketingexperten die chinesischen Produkte in ihren Filmen untergebracht. Denn China wird sehr bald schon der größte Filmmarkt der Welt sein. Ein Umstand, der Hollywood weitaus stärker verändern wird als nur durch ungeschicktes Product-Placement. Dass man mit Filmen gemeinsam Geld verdienen will, darüber ist man sich in China und den USA einig und entsprechend verschränken sich die geschäftlichen Beziehungen immer stärker: Hollywood-Studios wie DreamWorks betreiben Ableger in China, und vor einem Jahr kaufte die chinesische Wanda Group für 3,5 Milliarden Dollar das US-Studio Legendary Pictures . Nur wie das gemeinsame Geldverdienen dann konkret aussehen soll, ist ein bisher noch ungelöstes Rätsel. Das zeigt auch wieder The Great Wall, dem bisher teuersten chinesischen Film aller Zeiten, in dem Matt Damon die Hauptrolle spielt und der am Donnerstag in den deutschen Kinos startet.

Eigentlich sollte China die USA bereits in diesem Jahr mit den durch Kinokarten erwirtschafteten Erlösen überholen. Doch dieses Ziel scheint etwas in die Ferne gerückt. Parallel zum allgemein abgeschwächten Wirtschaftswachstum ist auch die chinesische Filmindustrie 2016 nicht so gewachsen wie erhofft. Ein Plus von 3,7 Prozent ist mickrig gegen die gewaltigen Wachstumsraten der Jahre zuvor, die bei rund 35 Prozent lagen, 2015 sogar bei 48. In China wurden 2016 für 6,58 Milliarden Dollar Kinokarten verkauft, in den USA für 11,36 Milliarden. Gründe für den Einbruch sind die Abschwächung des Yen gegen den Dollar, ungewöhnlich viele Flops chinesischer Filme, gestiegene Ticketpreise, Marktsättigung und die unsicheren Aussichten der chinesischen Wirtschaft.

Dennoch bleibt es nur eine Frage der Zeit, bis in China mehr Geld mit Filmen verdient wird als in den USA. Allein 2016 wurden in dem riesigen Land 1.612 neue Kinos gebaut. Insgesamt stehen dort nun über 41.000 Lichtspielhäuser. Damit ist China schon jetzt das Land mit den meisten Leinwänden weltweit.

Das zieht Hollywood natürlich magisch an. Amerikanische Filmproduzenten sind auf den Einsatz ihrer Blockbuster im Ausland angewiesen, damit die ihre immensen Kosten wieder einspielen. Nicht selten übertrifft das Einspielergebnis in Übersee mittlerweile den heimischen Box Office. Und in anderen großen Filmmärkten tut sich Hollywood schwer. In Indien etwa, dem Land, das weltweit die meisten Filme im Jahr produziert. Dort leben wie in China über eine Milliarde Menschen, und die meisten sind auch begeisterte Kinogänger. Aber sie sehen eben am liebsten indische Filme, und die Eintrittskarten sind dort sehr preiswert.

In China dagegen läuft das Geschäft für Hollywood gut. 2016 spielten amerikanische Filme dort 2,7 Milliarden Dollar ein, ihr Anteil am chinesischen Box Office betrug 41,7 Prozent. Dafür sind die Studios bereit, manche Kröte zu schlucken. Denn mit einer Diktatur Geschäfte zu machen ist vor allem dann nicht einfach, wenn es sich bei dem Handelsgut um Blockbuster handelt, die – Qualität hin oder her – als Filme auch zum Kulturgut zählen. Selbst wenn es hier nicht um künstlerisch Anspruchsvolles geht, berühren Filme doch sensible Bereiche wie etwa die Darstellung von Gewalt und Sexualität.

Importquote und Zensur

So macht Hollywood immer wieder Bekanntschaft mit der China Film Group. Klingt wie ein Konzern, ist aber die der Zentralregierung direkt unterstellte Behörde, die sich mit allem beschäftigt, was mit Film zu tun hat. Zum einen legt sie jedes Jahr eine starre Importquote für ausländische Filme fest: Seit Jahren dürfen lediglich 34 importiert werden. Zum anderen ordnet die China Film Group Zensur an. Immer wieder werden Hollywoodfilme geschnitten und zensiert, oft unter beflissener Mithilfe der Studios. In vorauseilendem Gehorsam änderte das amerikanische Studio MGM 2012 für sein Remake von Red Dawn in der Postproduktion eine die USA angreifende Armee von "chinesisch" zu "nordkoreanisch". Ebenfalls bereits im Vorfeld machte Marvel 2016 für Doctor Strange aus einer tibetischen Figur eine Keltin. Bemerkenswertestes Beispiel ist wohl Quentin Tarantinos Django Unchained. 2013 wurde der Western zunächst für den Verleih in China freigegeben, nach wenigen Tagen plötzlich ohne Angaben von Gründen aus dem Verkehr gezogen, um einen Monat später drastisch entschärft und umgeschnitten wieder in den Kinos aufzutauchen. Der Superhelden-Schocker Deadpool wurde 2016 wegen Gewalt, nackter Haut und rüder Dialoge gar nicht erst ins Land gelassen.