ZEIT ONLINE: Wie schon Ihr letzter Film Poll ist auch Die Blumen von gestern eng mit Ihrer eigenen Familienhistorie verbunden.

Chris Kraus: Vor 16 Jahren – ich drehte gerade meinen ersten Film Scherbentanz – habe ich erfahren, dass mein Großvater im Zweiten Weltkrieg in den SS-Einsatzgruppen im Baltikum aktiv gewesen ist. Diese mobilen Todesschwadronen waren hinter der Front für die Ermordung zahlreicher Juden und anderer "Rassegegner" verantwortlich. Danach erforschte ich recht intensiv meine Familiengeschichte zur Zeit des Nationalsozialismus. Anfangs dachte ich, dass ich mich nur ein paar Wochen oder Monate damit beschäftigen würde. Aber es war erschreckend, was alles hervorkam, welche irrsinnigen Geschichten allein in dieser einen Familie passiert sind. Am Ende hat diese Arbeit fast zehn Jahre in Anspruch genommen. Die Ergebnisse habe ich in einem Buch für meine Kinder festgehalten.

ZEIT ONLINE: Was hat sich für Sie und Ihre Familie durch die Forschungsarbeit verändert?

Kraus: In meiner Großfamilie ist einiges in Bewegung geraten. Vieles, was lange Zeit im Verborgenen blieb, wird auf Familientreffen nun recht offen besprochen. Es war ein schmerzhafter und durchaus konfliktreicher Prozess, der aber einiges zum Positiven verändert hat. Die Perspektiven verschoben sich. Dinge, die man zu kennen glaubte, sieht man ganz neu, einfach nur weil die Scheinwerfer ein bisschen verstellt wurden. Dafür plädiere ich auch in meinem Film: sich den verstörenden Widersprüchen der eigenen Familiengeschichte zu stellen.

ZEIT ONLINE: Aber in Die Blumen von gestern blenden Sie nicht zurück in die Vergangenheit, sondern erzählen eine humorvolle Liebesgeschichte zwischen dem Enkel eines SS-Mörders und der Enkeltochter eines Holocaust-Opfers. Warum haben Sie sich für diesen Ansatz entschieden?

Kraus: Weil er sich mir nahezu aufgedrängt hat. Während meiner Familienforschungen habe ich in den Archiven Enkel von Holocaust-Opfern aus Deutschland, Israel und vielen europäischen Ländern getroffen. Sie sind auf mich, den Enkel eines NS-Täters, überraschend unverkrampft zugekommen. Der Umgang war sehr direkt, nicht konfrontativ, sondern einfach offen. Bei diesen Begegnungen wurde auch gelacht. Gleichzeitig spürte ich immer auch eine gewisse Verlegenheit. Diese irritierende Mischung von Schmerz und Leichtigkeit hat mich in die Geschichte getrieben. Darin lag etwas Herausforderndes, auch eine andere Art von Wahrheit.

ZEIT ONLINE: Der Film zeigt, wie die Taten der Großelterngeneration im Nationalsozialismus bis heute in das Leben der Enkel hineinwirken. In welcher Form wird Schuld über Generationen hinweg übertragen?

Kraus: Die Übertragung von Schuldkomplexen beziehungsweise Traumata von einer Generation auf die nächste ist psychologisch überprüfbar. Werden sie verdrängt, dringen sie oft in späteren Generationen dennoch nach außen, zum Beispiel durch Krankheiten.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie die Hauptfiguren Totila und Zazie als neurotische Seelenverwandte?

Kraus: Vor allem sehen sich die beiden im Laufe der Handlung selbst so. Sie haben als Täterenkel und Opferenkelin ähnliche Erfahrungen gemacht und gleichartige Ausprägungen entwickelt: Beide sind manisch-depressiv, haben einen Hang zur Gewalttätigkeit und gehen sehr direkt mit ihren Gefühlen um. Diese Gemeinsamkeiten werden im Film erst allmählich deutlich. Es ist ja oft so in der Liebe, dass man im Mangel des anderen sich selbst erkennt.

ZEIT ONLINE: Totila sagt immer wieder Dinge, die er eigentlich gar nicht so meint. Sind diese Entgleisungen Streiche des Unterbewusstseins?

Kraus: Totila ist ein kluger Mensch, aber er wird in seiner Rhetorik immer wieder von den eigenen Obsessionen überholt. Er ist sehr reflektiert, gleichzeitig aber eine echte Affektmaschine. Diese beiden widersprüchlichen Eigenschaften wollte ich in der Figur aufeinanderprallen lassen. Dafür braucht man schon einen sehr guten Schauspieler wie Lars Eidinger, der dafür sorgt, dass so eine Figur nicht in die Karikatur abgleitet, sondern dass diese innere Zerrissenheit glaubwürdig verkörpert wird. Ich wollte ja nicht, dass man auf der Leinwand nur Bekloppte sieht, sondern hinter der Verrücktheit auch die zutiefst versehrten Menschen erkennt und ihnen nahe kommt.

ZEIT ONLINE: Sexualität und sexuelle Anspielungen nehmen in dem Film einen großen Raum ein. Sind sie das komödiantische Gegengift zur Verkopftheit der Hauptfigur?

Kraus: Nein, das ist schon auch ernst gemeint, nicht nur komödiantisch. Diese Menschen befassen sich als Holocaust-Forscher jeden Tag mit Tod und Gewalt. Ich wollte aber auch das Leben zeigen oder besser: das Lebendige. Und das geht eben am besten über die Liebe und noch archaischer über die Sexualität, in der sich ja die Versehrtheit und die Not der Figuren auch immer wieder abbildet.