Trumps Sehnsucht nach einem Happy End – Seite 1

Ausgerechnet die Suche nach Starkünstlern für Donald Trumps Amtsantritt gestaltet sich schwierig. Nicht mal der Rapper Kanye West, von Medien gerne als "guter Freund" Trumps bezeichnet, war je offiziell im Gespräch und er wird auch nicht singen. Für den ehemaligen Gastgeber einer Celebrity-TV-Show und einen Mann mit Hang zum Größenwahn und glamourösen Partys eigentlich eine Blamage. "Seht euch an, was sie für Hillary getan haben", schrieb Trump dann auch beleidigt in einem Tweet vor Weihnachten über die A-List-Stars, die sich für die Demokratin zwar eingesetzt, aber in eine Echokammer geheult hatten: "Nichts."

In den nächsten vier Jahren wird es vermutlich keine Dinner mit Robert De Niro im Weißen Haus geben, ein Schauspieler, der Donald Trump als "Straßenköter" beschimpft hat. Aber vielleicht ein Empfang für den republikanisch gesinnten Regisseur Clint Eastwood, ein Konzert mit dem Schlagersänger Pat Boone oder eine Friedensmedaille für den Schauspieler Jon Voight, der zuletzt in Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind zu sehen war. Der amerikanische Historiker Burton W. Peretti, Autor des Buches The Leading Man: Hollywood and the Presidential Image, kann sich das gut vorstellen. "Ronald Reagan, George Bush I und II – sie alle haben konservative Künstler ins Weiße Haus eingeladen", sagt er ZEIT ONLINE. "Frank Sinatra, Charlton Heston oder Loretta Lynn nach Washington zu bringen, war ein sehr sichtbares Mittel, um der liberalen Dominanz in der Unterhaltungsindustrie entgegenzuwirken." 

Es gab immer prominente Ausreißer, die dick mit republikanischen Präsidenten waren: John Wayne unterstützte Richard Nixon, und Charlton Heston feuerte Ronald Reagan (selbst ein Schauspieler!) und George W. Bush an. Aber sich heute in Hollywood als Republikaner zu outen gleicht mehr als je zuvor einem Karrieresuizid, sagen Mitglieder der Friends of Abe, eine private Gruppe von knapp 1.800 anonymen Konservativen in Hollywood. Die Gesellschaft hat sich im vergangenen Jahr nach elf Jahren unerwartet aufgelöst – zumindest offiziell. Gerüchten zufolge, weil die Kandidatur von Donald Trump ein schlechtes Licht auf die Gruppe warf und es zu Unstimmigkeiten unter den Mitgliedern kam. Wirklich berühmte Anhänger von Trump lassen sich beinahe an einer Hand abzählen. Kanye West ist mit Sicherheit der größte Prominente, der bereit ist, öffentlich zuzugeben, dass er "Trump gewählt hätte". Eine insofern bizarre Aussage, als er letztlich überhaupt nicht gewählt hat. Die vernichtende Mehrheit der Unterhaltungselite positioniert sich gegen den Präsidenten in spe, einschließlich der Ehefrau von West, des TV-Stars Kim Kardashian. Die Saturday-Night-Life-Mannschaft hat Trump zur Spottdrossel der Nation gemacht und Schauspieler Alec Baldwin angeheuert, Trump gnadenlos, aber zugegebenermaßen ziemlich adäquat, zu parodieren. Und am vergangenen Wochenende hat die dreifache Oscargewinnerin Meryl Streep in ihrer Rede während der Golden-Globe-Verleihung Donald Trump scharf kritisiert und einen moralischen Auftrag Hollywoods angemahnt. Dass Trump in einer Wahlkampfrede einen körperlich behinderten Journalisten nachgeäfft hat, habe ihr das Herz gebrochen, sagte Streep. Nach Trumps beleidigter und beleidigender Reaktion darauf, erhielt Streep noch nachträgliche Unterstützung von George Clooney und weiteren Hollywoodgrößen. "Das Stereotyp, dass Hollywood eine überwiegend liberale Industrie ist, trifft vollständig zu", sagt Andrew Wallenstein, stellvertretender Chefredakteur des amerikanischen Branchenblatts Variety im Gespräch mit ZEIT ONLINE.

Ein zerstörter Stern

Zwar wurde Donald Trump im Jahr 2007 mit einem Stern auf dem Hollywood Walk of Fame geehrt. Für seine Arbeit als Produzent an den Miss-Universe-Shows. 30.000 Dollar kostete ihn der Bodenbelag. Aber vergangenen Oktober wurde sein Stern verstümmelt. Es sprach Bände. Während Hillary Clinton für ihre Wahlkampagne etwa 22 Millionen Dollar von Medienschaffenden wie Jeffrey Katzenberg und Steven Spielberg sammelte, erhielt Donald Trump lediglich 300.000 Dollar aus der Unterhaltungsindustrie. Und obwohl der Schauspieler Jon Voight die Werbetrommel für Trump rührte, der Sänger Pat Boone Telefonanrufe machte und die 1970er-Ikone Scott Baio und der Seifenopernstar Antonio Sabato Jr. sich zugunsten von Trump äußerten, blieben diese Unterstützer eine kleine Gruppe von Abtrünnigen in Hollywood.

Lionel Chetwynd von den Friends of Abe, ein Republikaner, war einer der wenigen namhafteren Filmemacher, die in der Nähe von Trump auftraten. Danach erzählte er dem Fachmagazin Hollywood Reporter: "Einige Leute, die ich seit 40 Jahren kenne, sahen mich an, als wäre ich der Abschaum der Erde."

Enge Bande zu Hollywood

Donald Trump hat nicht das Who's who der Unterhaltungswelt auf seiner Seite. Trotzdem unterhält er einige enge Bande mit Hollywood. Zum einen ist er in der Branche natürlich kein Fremder. Im Gegenteil. Die Filmhochburg trug einst zu seiner Popularität bei. Über drei Jahrzehnte konnte er sein Image als New Yorker Milliardär auf den Bildschirmen mit Auftritten in Filmen und Fernsehserien kultivieren, von denen man heute noch viele auf der Internetplattform YouTube sehen kann. Dazu kamen Interviews in Late-Night-Talkshows, seine Auftritte bei Schönheitswettbewerben und in Wrestlingshows. In einem Interview mit dem Guardian erinnert sich der Schauspieler Ben Affleck, dass Trump berühmt dafür war, Dreharbeiten an seinen Immobilienstandorten nur dann zu genehmigen, wenn er im Gegenzug einen Cameoauftritt bekam. Der Regisseur Martin Brest hatte aus diesem Grund in seinem Film Der Duft der Frauen eigens eine Szene vorgesehen, in der Trump in Al Pacino hineinläuft, die jedoch nie in der finalen Fassung des Films zu sehen war. In Kevin – Allein in New York war Trump tatsächlich kurz zu sehen, weil der Film im Plaza-Hotel gedreht wurde, das Trump 1988 gekauft hatte. Über die Jahre kam so viel zusammen, dass Trump, Mitglied der amerikanischen Gewerkschaft für Schauspieler, im Jahr 2016 168.584 Dollar Rente bezog. Darüber hinaus war Trump elf Jahre lang Produzent und Gastgeber der Reality-TV-Show The Apprentice, später von The Celebrity Apprentice, eine Sendung in der er C-Promis die berühmten Worte "Du bist gefeuert!" entgegenschleuderte. Auch als Präsident will er die Promiversion weiterhin produzieren. Gastgeber soll der Hollywoodstar und Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger sein.

Konflikt mit China

Trumps eigene Arbeit ist nicht sein einziger Berührungspunkt mit Hollywood. Ein exklusives Interview mit Steve Bannon, dem Mann hinter der rechtskonservativen Website Breitbart News und Trumps Chefstratege, erschien nicht etwa in der Washington Post oder der New York Times, sondern im Hollywood Reporter. Bannon verdiente Millionen mit einer Beteiligung an der TV-Hitserie Seinfeld und seine Investmentfirma stellte Finanzierungen für Filmstudios. Steven Mnuchin, Trumps Kandidat für das Amt des Finanzministers, produzierte eine Reihe von Hollywoodblockbustern, darunter Avatar und Batman v Superman: Dawn of Justice. In der Woche vor Weihnachten hatte sich Trump außerdem mit seinem "guten Freund", dem ehemaligen Hollywoodagenten Ari Emanuel getroffen. Emanuel ist "die wohl einflussreichste Person in Hollywood", urteilt Wallenstein. Interessant daran ist, dass Emanuel Demokrat ist. Der innere Kreis seiner Vertrauten umfasst viele der einflussreichsten Persönlichkeiten der Branche und er könnte die ein oder andere Brücke für Trump bauen.

Es ist dieses Spannungsverhältnis, das darauf hinweist, wie viel in den nächsten vier Jahren passieren kann.

Hollywoods Wirtschaft wird untrennbar mit Trumps Präsidentschaft verbunden sein. "Ich weiß, dass Leute in den einflussreichsten Positionen der Unterhaltungsindustrie derzeit sehr besorgt sind in Bezug auf eine ganze Reihe von Politiken und deren Einfluss auf die politischen Werte und Geschäfte Hollywoods", sagt Wallenstein. Hollywoods größte Märkte liegen außerhalb Nordamerikas. Striktere Handelsbeschränkungen könnten weitreichende Folgen haben. Kein Film kann mehr Kassenrekorde brechen, wenn er nicht auch in China läuft. Trumps Konflikt mit China ist Hollywood deshalb ein Dorn im Auge: Er würde Investitionen in Milliardenhöhe hemmen und Hollywoods Zugang zum lukrativen chinesischen Filmmarkt bedrohen, der bis zum Ende des Jahres 2017 die USA als Nummer 1 der Welt ablösen könnte. "Auch eine Entfremdung von Muslimen und Latinos wäre finanzieller Selbstmord für die meisten Hollywoodstudios, die auf Produktionsfinanzierungen aus muslimischen und lateinamerikanischen Quellen angewiesen sind", sagt der Historiker Peretti.

Ein weiteres Risiko sieht Peretti darin, dass Trump die Federal Communications Commission (FCC) mit seinen Beauftragten versorgen könnte. Diese Behörde hat mit Hollywood in der Vergangenheit über Zensur und Ratings verhandelt und "Trump könnte diesen Einfluss als zerstörerische Waffe einsetzen, wenn er seinen Kritikern in Film und TV schaden wollte". Nicht ausschließen will Peretti auch die Gründung eines "Trump TV" mit der Breitbart-Website als Basis. Oder die Gründung einer eigenen rechtskonservativen Produktionsfirma. "Dies ist seit Langem ein Traum von Republikanern", sagt der Historiker.

Konservative Ansichten normal machen

"Hollywood wird keine 180°-Drehung machen", sagt der stellvertretende Chefredakteur von Variety. Aber Wallenstein rechnet damit, dass es mehr Angebote geben wird für eine bedeutende Gruppe von Verbrauchern, die nicht nur Hillary Clinton, sondern auch Hollywood unterschätzt hatten: Middle America. "Wir werden wahrscheinlich mehr TV-Programme sehen, die auf ein weißes Middle America der Arbeiterklasse abzielen. Fernsehserien, die konservative Ansichten 'normalisieren’, Serien wie Roseanne oder Hör mal, wer da hämmert."

Werden diese Entwicklungen nicht auch zu Gegenbewegungen führen? Eine Blüte an Protestkunst in der Mainstreamkultur sei unwahrscheinlich, sagt Marc Fisher von der Washington Post, Co-Autor der Biografie Trump Revealed, weil das nicht mit den kommerziellen Anforderungen von Hollywood einhergeht. Vielmehr werde in der Branche bereits an neuen Themen und Charakteren gearbeitet, "die auf einem autoritären Führer basieren und auf der Kraft des Populismus, latenten Hass auf Menschen anderer Rassen und Religionen zu aktivieren". Trump-Storylines werden ihren Weg in TV-Serien finden, betont Fisher, "vor allem solche, die von Terrorismus, Kriminalität und internationaler Spionage handeln". Eine TV-Serie, die sich mit den kulturellen Umwälzungen schon jetzt beschäftigt, ist zum Beispiel The Good Fight, ein Spin-off der Serie The Good Wife, das der Idee nachgehen wird, ob das Land "möglicherweise eine grausame Kultur akzeptiert", zitierte Variety vorab den Co-Schöpfer der Serie Robert King.

Die allgemeine Einschätzung ist, dass Donald Trump eine hochkapitalisierte Persönlichkeit ist, die sich alle Türen offen halten wird, selbst wenn ihn Hollywood nie wirklich ins Herz geschlossen hat. Jahrzehntelang hat er an den gepolsterten Türen der Unterhaltungselite gekratzt, nur um als Popkuriosität abqualifiziert zu werden. Es ist ein zutiefst ambivalentes Verhältnis und es liegt eine gewisse Ironie darin, dass Trump sich immer wieder nach der Anerkennung jener Menschen gesehnt hat, die er heute als "Eliten" beschimpft. "Ich will das Volk", schleuderte er Hollywood in einem Tweet anlässlich seiner Amtseinführung entgegen. Ihn als Underdog zu bezeichnen, wäre ein Fehler, weil er nicht daran interessiert sei, das Establishment zu untergraben. Er will es vielmehr durch seinen eigenen Geldadel ersetzen. Dieser neuerliche Akt der Selbstvergrößerung wäre Trumps Rache und Happy End.