Da sitzt sie, kerzengerade, fast regungslos wie eine traurige Puppe. "Wie soll man sich an Sie erinnern?", fragt der namenlose Journalist. "Sie wissen", zischt sie kurz zurück, ohne seine Frage zu beantworten, "dass ich am Ende die Version Ihrer Geschichte redigieren werde."

Am 29. November 1963, acht Tage nach dem Attentat auf ihren Mann in Dallas, Texas, lud sich Jacqueline Kennedy einen Reporter vom LIFE Magazine in ihr Haus in Hyannis Port, Massachusetts, um über das Attentat zu sprechen. Der Film Jackie blickt auf diese Woche zurück, in der die First Lady nicht nur in aller Öffentlichkeit mit ihrem persönlichen Verlust umgehen musste, sondern auch das Vermächtnis von John F. Kennedy sichern wollte.

Wohl keine andere First Lady ist so durchleuchtet, analysiert, und popkulturell ausgeschlachtet worden (kurz nach JFKs Ermordung fertige Andy Warhol seine berühmte Jackie-Serie) wie Jacqueline Kennedy. Anstatt auf konventionelle Weise diesen vielfach aufgegriffenen Faden weiterzuspinnen, erlaubt sich Jackie die viel interessantere Form des Porträts. Der Film leuchtet (in semifiktionalen Momenten) die heikle Schnittstelle in Jackies Leben aus, in der das Öffentliche auf das Private trifft.

Die Frage, ob sich das überhaupt unterscheiden lässt, stellt sich nicht nur der Zuschauer. Der chilenische Regisseur Pablo Larraín (Neruda) beschäftigt sich in seinem englischsprachigen Debütfilm mit wenig anderem. Ihm geht es nicht so sehr darum, wer diese Frau war. Vielmehr wühlt der Film in ihrer Psyche, um herauszufinden, was sie zu der Person gemacht hat, von der man so viel gehört, gelesen und gesehen hat.

Es sind kleine Szenen, die mitunter schwer zu ertragen sind. In extremen Nahaufnahmen ist Jackies Gesicht die einzige Projektionsfläche für unser eigenes Unbehagen als Zuschauer, wenn Lyndon B. Johnson (John Carroll Lynch) in ihrem Beisein an Bord der Air Force One eingeschworen wird und die Worte "I will faithfully execute …" spricht. Dass "to execute" gleichzeitig "ausführen" wie "hinrichten" bedeutet, ist ein winziges Detail, das Larraín und seinem Drehbuchschreiber Noah Oppenheim keineswegs entgangen ist.

Für Jackie Kennedy ist spätestens diese Szene der Augenblick der Wachablösung. Wenig später fängt die Kamera ein, wie sie durch die Flure des Weißen Hauses schleicht, gefasst in ihrer Haltung, aufgelöst in Trauer, und zusehen muss, wie Lady Bird Johnson, die neue First Lady, mit einem Innenarchitekten neue Tapetenmuster durchtestet.

Ist das pietätlos? Oder schlicht der Lauf der Dinge? Dass das Amt des US-Präsidenten größer ist als die Person, die es innehat, lernt Jackie spätestens in den Stunden nach dem Attentat. Aufgrund einer Art Welpenschutz für die trauernde Witwe lässt man ihr ein paar Tage Zeit, ihre Sachen zusammenzusuchen, um Platz im Weißen Haus für die Johnsons zu schaffen – während um sie herum nicht bloß die Wände neu gestaltet werden. Die Schockstarre nach dem Attentat auf JFK dauert nur kurz. Dann werden die Zahnräder der Geschichte neu geölt.

Nicht aufs Protokoll bedacht

Viel Luft durchzuatmen, geschweige denn zu trauern in den Stunden nach der Ermordung ihres Ehemannes können Jackie nicht geblieben sein, spürt der Zuschauer. Wie soll die Beerdigung aussehen? Was ist mit den Kindern, die noch von nichts wissen? Und vor allem: Wie soll das Vermächtnis aussehen, das von ihrem Mann und ihr bleiben wird?

Es gibt eine, vielleicht die berührendste Szene des Films, in der Kennedy einmal ganz für sich ist. Im Nachthemd schwebt sie wie ein Hausgeist durch die Räume des Weißen Hauses, dieses einzige Mal nicht auf Anstand, Haltung oder Protokoll bedacht. Sie trinkt Wodka, schluckt Beruhigungspillen, und hört die Titelmelodie aus dem Musical Camelot.