"Bitte nehmen Sie jetzt Abschied", schallt es über die Bahngleise. Es ist eine Aufforderung an die Eltern, die 1938 ihre Kinder mit dem Kindertransport nach England schicken, um sie vor den Nazis zu retten. Auch das Ehepaar Kornitzer muss dieser Forderung nachkommen und blickt nun schweren Herzens dem Zug hinterher, der den neunjährigen Sohn und die fünfjährige Tochter in eine ungewisse Zukunft bringt.

"Bitte nehmen Sie jetzt Abschied" – das ist von da an der Imperativ, der sich durch die Lebensgeschichte der Kornitzers zieht. Der ZDF-Zweiteiler Landgericht unter der Regie von Matthias Glasner basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ursula Krechel, die dafür vor fünf Jahren den Deutschen Buchpreis gewann. In sachlich-poetischem Ton, immer oszillierend zwischen Hoffnung und Resignation, erzählt sie vom Schicksal des jüdischen Berliner Richters Kornitzer, der im wahren Leben Robert Michaelis hieß. Er konnte sich und seine Kinder zwar vor der Ermordung durch die Nazis retten, zerstört wurde seine Familie dennoch.

Die Drehbuchautorin Heide Schwochow hat den Stoff nun für den Zweiteiler adaptiert. Hat man Krechels Roman gelesen, wird man die Verfilmung womöglich nur als schwaches Destillat dieser 500 Seiten empfinden: zu gefühlig, zu unentschieden in der Gewichtung von Privatem und Politischem, auch die Figur des Rechtsanwalts selbst bleibt zu indifferent.

Richard Kornitzer (Ronald Zehrfeld) ist gerade dabei, zu einem der angesehensten Anwälte Berlins zu avancieren, seine Frau Claire (Johanna Wokalek) führt eine lukrative Werbefilmfirma, da wird der Jurist mit den Worten "Juden haben hier nichts zu suchen" des Gerichts verwiesen. Bis 1938 hoffen viele noch, dass Hitler eine schnell vorüberziehende politische Episode bleibe. Doch nach der Reichspogromnacht wird den Kornitzers klar, dass es unumgänglich ist, Deutschland zu verlassen. Nachdem die Kinder nach England verschickt worden sind, bemühen sich die Kornitzers um Visa. Aber nur Richard bekommt eines und geht nach Kuba ins Exil. Er muss seine Frau zurücklassen, die den gesamten Besitz an die Nazis verliert. Allein, mit nur einem Koffer, flieht sie aus Berlin und findet Zuflucht auf einem Bauernhof im schwäbischen Bettnang. Ihre Kinder Selma und Georg sind bei einer Pflegefamilie auf einem Anwesen in der Nähe Londons untergekommen und sprechen bereits Englisch.

Die Familie Kornitzer existiert nur noch in den Köpfen ihrer einzelnen Mitglieder: zunächst als feste Größe, dann als Vorstellung, schließlich als Erinnerung, als etwas Vergangenes, und letztlich als etwas Verschwundenes. Nach dem Krieg will Claire Mann und Kinder wie Scherben eines zerschlagenen Gefäßes wieder zusammenfügen und kann doch nichts zusammenhalten. Fast zehn Jahre nach der Trennung macht sie Richard in Kuba ausfindig und holt ihn zurück. Sie weiß nicht, dass ihr Mann in Havanna mit einer kubanischen Lehrerin eine gemeinsame Tochter hat. Erst Jahre später wird sie es durch Zufall erfahren. Doch da ist alles schon so auseinandergebrochen, dass es sie zwar schockiert, nicht aber berührt.

Als vertraute Fremde leben Claire und Richard nebeneinander her. Während Richard verbissen um Wiedergutmachung und Entschädigung kämpft und erfahren muss, dass eine Entnazifizierung nicht einmal im Rechtswesen wirklich stattfindet, sucht Claire die Kinder, findet sie und muss erkennen, dass es nicht mehr ihre sind. Das Exil ist für Selma und Georg längst zur neuen Heimat geworden.