Die deutsche Regisseurin Sigrid Klausmann schickt mit ihrem Dokumentarfilm einen Appell an die Großen der Welt: Nicht ohne uns! Sie lässt darin 16 Kinder aus fünf Kontinenten zu Wort kommen, die erzählen, wie sie lernen wollen, was sie sich wünschen und wovor sie sich fürchten. Klausmann will die Kinder selbst zu Botschaftern für eine bessere Zukunft machen.

Bilder von Kindern werden gerne als Symbol für die Leiden in der Welt genutzt. Wie etwa im vergangenen August das Foto des fünfjährigen Omran aus Syrien, das ihn staubig und blutverschmiert in einem Krankenwagen zeigte. Solche Bilder muss man nicht grundsätzlich verteufeln. Im besten Fall erzeugen sie nicht nur folgenloses Mitleid, sondern Druck auf die Verantwortlichen. Trotzdem missbrauchen sie die Kinder immer auch, weil die weder um Erlaubnis gebeten werden noch selbst ihre Geschichte erzählen dürfen. Auf der anderen Seite stehen Darstellungen und Geschichten von Jugendlichen wie Malala, die in Pakistan für Bildung für Mädchen kämpfte und dafür fast ermordet wurde. Oder von der siebenjährigen Bana, deren Twitter-Nachrichten aus Ost-Aleppo begeistert verbreitet wurden. Dabei geschieht das Gegenteil: Aus den Opfern werden Heldinnen gemacht. Ob sich die Mädchen das selbst gewünscht haben, ist nicht immer klar. Hat Klausmann also einen besseren Plan, um das Recht der Kinder auf ein gutes Leben einzufordern?

Die Filmemacherin reduziert tatsächlich keines der Kinder in ihrem Film auf ihr Leid und baut auch keines zum Helden auf. Sie stellt die Ängste und Hoffnungen der hochbegabten Sai aus New York und der Waise Alphonsine von der Elfenbeinküste, die gar nicht zur Schule gehen darf, gleichberechtigt nebeneinander. Manche der gezeigten Kinder wachsen im Überfluss auf, andere haben Lehrer, die sich lieber schlafen legen, statt ihnen etwas beizubringen. Wieder andere haben Bombenanschläge überlebt oder sehen täglich dabei zu, wie Mädchen als Prostituierte versklavt werden. Ihr Schicksal nimmt jedoch keinem der Kinder die Würde oder die Fähigkeit, eigene Meinungen und Wünsche zu artikulieren.

Wo auch immer sie leben auf der Welt, alle Kinder in Nicht ohne uns! müssen sich besonderen Herausforderungen stellen: Der Österreicher Vincent lebt mit seiner Familie als einziges Kind auf einem Berg. Den steilen Weg ins Tal saust er auf Skiern herunter. Täglich überwindet er seine Angst vor Lawinen. Luniko aus einem großen Township in Südafrika schluckt jeden Morgen viele Tabletten wegen seiner HIV-Infektion. Weil seine alleinerziehende Mutter den Schulbus nicht bezahlen kann, muss er zu Fuß gehen und fürchtet sich davor, überfallen zu werden.

 

Der Film macht klar: Jedem Kind bürdet die Gesellschaft Nöte auf. Jedes will lernen und in Geborgenheit aufwachsen und jedes erlebt Glück, wenn es mit seiner Heimat, mit Familie und Freunden verbunden ist. Der Alltag aller Kinder wird in eindrücklichen Bildern gefilmt, mal in hoher Geschwindigkeit eisige Skipisten hinunter, mal auf dem langen Weg durch ein wuseliges Township. So weit gelingt Klausmanns Plan.

Zwangsvereinigung der Kinder der Welt

Der Film ist jedoch arg streng getaktet: Der Abschied von der Familie am Morgen, der Weg zur Schule, Freunde, Berufswünsche und Ängste werden nacheinander abgearbeitet. Dieser Rhythmus ist nicht nur ein bisschen stur, damit lässt die Regisseurin zu wenig Raum für die individuelle Geschichte einzelner Kinder. Es berührt den Zuschauer eben doch ungleich mehr, wenn der von Bombenanschlägen traumatisierte Iraker Jafer sich wünscht, einmal ein Spiel zwischen Real Madrid und Bayern München zu sehen, als wenn die deutsche Finya noch gar nicht weiß, was sie mal werden will.

Besonders deutlich wird diese Zwangsvereinigung der Kinder der Welt in der Sorge um die Natur. Viele sind wirklich betroffen. Vincents Familie muss die Hütte auf dem Berg wegen des Klimawandels vielleicht irgendwann aufgeben. Valeria aus Peru erzählt, in den Fluss, in dem ihre Familie früher gebadet habe, dürfe man heute nicht mal mehr die Hand hineinhalten. Und der junge Japaner Yamabuki ringt nach Worten, wenn er weniger sein Gegenüber als sich selbst davon überzeugen will, dass die Radioaktivität in seiner Heimatstadt Tokyo nicht so gefährlich sein kann wie in Fukushima. Doch in der Masse klingen die Klagen der Kinder oft wie aufgesagt – als wollten sie sagen, was die Interviewerin hören will.

Hierin liegt die Krux des Projekts. Klausmann setzt auf den großen Appell aller Kinder der Welt für mehr Achtung und Liebe und gegen Krieg und Umweltzerstörung. Sie verzichtet damit weitgehend auf die Rührseligkeit, die die Bilder von einzelnen jungen Opfern und Helden sonst erzeugen. Aber sie instrumentalisiert die Kinder letztendlich trotzdem, indem sie sie alle ihrer Struktur unterwirft. Selbst wenn das behutsam geschieht und in schönen Bildern. Am stärksten wirkt der Film dann doch auf den Zuschauer, wo er dem einzelnen Kind und seiner Freude oder Not etwas mehr Raum gibt.