Devid Striesows Saarbrücker Kommissar Jens Stellbrink ist so etwas wie der Gerhard Delling der Tatort-Landschaft. Immer um eine Überleitung bemüht, damit der Flow nicht verloren geht und der ganze Quark zusammengehalten wird.

Damit hat Striesows federnder Stellbrink viel zu tun in der Folge Söhne und Väter (SR-Redaktion: Christian Bauer), die schon von sich reden machte, weil sie erst kurzfristig an Neujahr laufen sollte, dann aber doch nicht auf ihre Gala-Premiere beim Saarbrücker Filmfestival Max-Ophüls-Preis verzichten konnte. In dieser Verbindung darf man auch Motive beim Machen suchen: Wie der Ophüls-Preis ist der Saarbrücker Tatort Teil des Bundeslandstolzes.

Der wird auch ausagiert im Personal: Opfer des Mordes ist ein einstiger Held der Tour de France (Nähe zu Frankreich), der sich anschickte, mit lokalen Wurstunternehmern (sympathischer Mittelstand, natürlich im Genusssegment angesiedelt: Savoir-vivre, siehe: Nähe zu Frankreich) ein Ding aufzuziehen. Als Gegenspieler ist ein Spitzenkoch mit von der Partie (Genusssegment: Savoir-vivre, siehe: Nähe zu Frankreich), während die Unterprivilegierung eines getöteten Jungen durch den Schicht arbeitenden Vater angezeigt wird (Stahlwerk, ehemals stolze Industrie der Region).

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Positiv gesprochen, ließe sich Söhne und Väter (Drehbuch: Michael Vershinin, Zoltan Spirandelli, Regie: Zoltan Spirandelli) routinierteste Routine bescheinigen. Die fällt vor allem deshalb ins Auge, weil der Stoff ein gesellschaftliches Thema streift, das dem in Wien letzte Woche nicht unähnlich ist: Ging es da um Leistungsdruck und Konkurrenznöte unter jungen Leuten, sind die in Saarbrücken schon geronnen zu Klassenverhältnissen, die Zurücksetzung produzieren. Der Stahlwerksarbeitersohn stirbt, dem Stiefsohn des vormals kleinkriminellen Tour-de-France-Fahrers wird die Liaison mit der Tochter aus dem finanziell top aufgestellten Wurstunternehmerhaus vermasselt. Da kennt das Standesbewusstsein nichts.

Eine der absurdesten Täterschaften ever

Zwischen diesen Schauplätzen düst nun Kommissar Stellbrink hin und her, um die bildlich wie inszenatorisch anspruchslosen Gesprächssituationen mit Delling'scher Dynamik zusammenzuhalten: Ausgetauscht werden neueste Ermittlungen, gestellt werden fesche Fragen, zu hören sind vielsagende Antworten. Nebenher hat der Kommissar noch Zeit für den Chat in einem Datingportal, wobei sich die Partnersuchende beim Date als Kollegin herausstellt (Elisabeth Brück). Außerdem beherbergt Stellbrink – das Titelmotiv muss bis in die Kommissarexistenz durchgezogen werden – seinen Sohn.

Seine spezifische Kasperhaftigkeit gewinnt der Saarbrücker Tatort durch diese so unwirklich drollige Stellbrink-Figur, bei der man immer noch nicht richtig versteht, was Devid Striesow daran eigentlich interessiert – vor allem wenn man Filme wie Bungalow oder Lichter vom Beginn der nuller Jahre im Kopf hat, die seinen Ruf als Schauspieler erst gemacht haben. Hier geht Dialogtext zum Beispiel so. Fragt der Kommissar den jungen Mann: "Sagen Sie mal, was hatten Sie denn mit ihrem Stiefvater am Laufen?" Sagt der junge Mann: "Wie? Über Tote soll man ja nichts Schlechtes sagen, ne." Antwortet der Kommissar: "Na, das ist ja nicht so ne starre Regel – jetzt ziehen Sie mal vom Leder."

So leicht wird in Saarbrücken gestorben

Ermittlung als gut gelaunter Plausch, mit dem locker vom Hocker nebenher der Fall gelöst wird, man aber keiner Figur, keinem Milieu zu nahe kommt. Söhne und Väter ist die Schwundstufe eines angeschickerten Kriminalfilms: Alles, was für die Aufklärung zentral ist, das Motiv, der Ablauf, der Entschluss zur Tat, geschieht hier en passant. Um das Täterraten möglichst offen zu gestalten, könnte jeder es immer irgendwie gewesen sein, was in diesem Fall zu einer der absurdesten Täterschaften ever führt: Eine Mutter ertappt ihren Sohn dabei, wie er sich aus Frust über den Stiefvater mit einem Drogen-Medikamenten-Mix umbringen will, bewahrt ihn davor, um ihn – wenn der Drogen-Medikamenten-Mix einmal da ist, wäre es ja schade, ihn wegzuschmeißen – stattdessen dem Stiefvater, ihrem Lebensgefährten, in die Trinkflasche zu mischen.

In dieser Erzählung ist alles scheinbar erklärbar, weil immer genügend Motive und Möglichkeiten rumliegen. So leicht wird in Saarbrücken gestorben – damit der Film zu Ende geht und die empfindsame Musik (Konstantin Scherer, Vincent Stein, Michael Beckmann, Nico Wellenbrink) auf großes Gefühl machen kann.