Die jungen Leute haben's nicht leicht. Vor zwei Wochen in Frankfurt musste sich die kaum erwachsene, aber schon verlorene Friseurin von Mama Janneke in Frankfurt sagen lassen: "Sie sind doch jung, sie müssen doch offen sein." In dieser Woche, im Wiener Fall Schock (ORF-Redaktion: Alexander Vedernjak, Bernhard Natschläger, Andrea Zulehner), hält Brummbär Eisner (Harald Krassnitzer) der Protokollantin (Christina Scherrer), die den Freitod einer Altersgenossin nicht erklären kann, entgegen: "Wieso wisst ihr das alles nicht? Du bist doch jung."

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Ein womöglich etwas praxisferner Vorwurf, taugt doch nicht jeder junge Mensch zum Pressesprecher seiner Generation. Dafür gibt es nun die Folge Schock, die sich an einer Beschreibung der "Pflichterfüllergeneration" (die Eisner-Tochter) versucht, der sogenannten Generation Y. Als Form hat Rupert Henning (Buch und Regie) etwas Tatort-Untypisches gewählt: Es gibt keine Leiche zu Beginn, deren Geschichte in den folgenden anderthalb Stunden aufgeklärt werden müsste. Vielmehr läuft wie in den Hamburger Cenk-Batu-Folgen der Kampf gegen die Uhr, treten die Kommissarinnen präventiv auf, weil es gilt, das angekündigte Verbrechen zu verhindern.

Spannung kommt dabei ins Spiel, weil David Frank (wäre eine Option für Harry Potter gewesen: Aaron Karl) seine geplante Tat theoretisch-poetisch derart verkleidet, dass man eigentlich fast den ganzen Film lang braucht, um zum Sinn vorzustoßen. Der Medizinstudent will seine Erfolgseltern und sich umbringen, um ein Zeichen für die Verlierer der Leistungsgesellschaft zu setzen.

Es wird also viel geredet; noch im Finale, wenn die Industriebrache, in der sich Frank versteckt, von Polizei umstellt ist, bittet der potenzielle Täter um Rücksicht für sein Vorhaben: "Wir sind hier mitten in einer Debatte." Fantasievoll ist Schock im Umgang mit Stoff und Form durchaus. Der Tatort wählt sich als Verbrechensmodell ausgerechnet den medial kräftig knallenden Terrorismus, um von jungen Menschen zu erzählen, die vor dem universitären Leistungsdruck in Drogenmissbrauch oder andere Verzweiflungstaten flüchten. Leute, die schon länger Bücher lesen, könnten Schock als eine im bürgerlichen Milieu angesiedelte Verfilmung des Heiner-Müller-Quotes "Für alle reicht's nicht" qualifizieren.

Ganz gut sichtbar wird durch das Spiel mit der Blick-in-die-Augen-der-Desktop-Kamera-Ästhetik, wie Terrorismus funktioniert. Er macht Alarm und hält auf Trab, und dem Tatort gelingt es sogar in der Außenszene an der Universität, wenn Eisner und die Bibi (Adele Neuhauser) live vor den Augen des Internets in eine Sackgasse gelockt werden, ein wenig Gefühl von Öffentlichkeit zu vermitteln. Mit seinem trostlosen Ende kann man den Fall dann wieder in die geisteswissenschaftlichen Seminare verweisen, aus denen David Frank in der Erzählung kommt.