Eigentlich kommt der Film genau zur richtigen Zeit. Chez nous (deutsch: "Bei uns") des belgischen Regisseurs Lucas Belvaux zeigt den politischen Trend in Frankreich: Marine Le Pen ist im Kommen. Ihre Erfolgsaussichten als Kandidatin des rechtsextremistischen Front National (FN) bei den französischen Präsidentschaftswahlen im April und Mai sind besser denn je. Genau das will der Spielfilm zeigen und zugleich davor warnen. Deshalb zürnte der FN schon vor dem Start des Films in den französischen Kinos. Tatsächlich ist er ein Stachel in dem bisher so glatt verlaufenden Wahlkampf des FN. Der renommierte Pariser Konzeptkünstler Olivier Bardin schaute sich den Film gleich nach seinem Start in Paris für ZEIT ONLINE an. Doch mehr als einen Stachel im dicken Fell des FN sah er nicht.

Chez nous beginnt mit der Vogelsicht auf eine Autobahn in Nordfrankreich, die von einer Anliegerstraße gekreuzt wird. Es ist die Autobahn, die Paris und London verbindet – der Highway der Globalisierung. Doch dieser Film spielt auf der kleinen Straße, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. In der die Ereignisse aber eine Dramatik entfalten, die den großen Fluss der Zeit aufhalten könnten – das zumindest suggeriert die zum Ende des Films wiederholte Sicht auf die emblematische Straßenkreuzung.

Zumindest aus der Sicht des Künstlers ist dies eine der besten Einstellungen des Films. Olivier Bardin ist ein Bildexperte, der nach Momenten sucht, die sich dem Menschen einprägen. Welche bildlichen Momente aber sind prägend für die Vorstellung der Franzosen von Marine Le Pen und ihrem FN? Früher gab es den schreienden Parteigründer und Vater Marines, Jean-Marie Le Pen, den sich jeder Franzose als Diktator vorstellen konnte. Aber was heute? Bardin sagt, ein Problem läge darin, dass es symbolische, bildliche Vorstellungen vom Wirken Marine Le Pens bisher für die Allgemeinheit nicht gäbe.

Chez nous versucht das zu ändern. Dieses Anliegen begrüßt Bardin. Der Film erzählt die jüngste Geschichte des FN unter ihrer blonden Parteiführerin – nur mit anderen Namen. Es geht darum, wie die Parteichefin (Catherine Jacob), die auch im Film blond ist, versucht, das rechtsextremistische Erbe ihrer Bewegung zu tilgen. Und wie sie dabei moderne Kommunikationsmanager einsetzt, die sich vor Ort harmloser, volksnaher Kandidaten bedienen, um Wahlen zu gewinnen. Die Hauptfigur des Films (Émilie Dequenne) spielt eine solche kommunale Kandidatin, die sich von einem Parteiveteranen (André Dussolier) verführen lässt, am Ende aber wieder auf den rechten Weg kommt. Zwischendurch spaltet sich ihre Nachbarschaft an jener Anliegerstraße in einem alten Arbeiterviertel in Anhänger und Gegner der Rechtsextremisten. Dabei spulen sich die Szenen des Films eher handlungsorientiert wie in einem Krimi ab. Bardin enttäuscht das: "Ich bin Pariser. Ich kenne alle Hauptdarsteller von Chez nous. Sie sind mir aus vielen linksorientierten, fortschrittlichen Filmen bekannt. Umso künstlicher wirkt dieser Film: Eine Truppe Pariser Linker dreht in der französischen Provinz ihre Vision des FN", analysiert Bardin.

Was ihm fehlt, sind echte Eindrücke. Der Film hinterlasse sie nicht, sagt Bardin. Keine Szene, in der die Parteiführerin mehr ist, als was man von Marine Le Pen aus dem Fernsehen kennt. Auch wenn die Geschichte des Films im Ganzen stimmig wirkt.

Verständlich also, wenn der FN sich aufregt und die "Anti-Front-National-Ausrichtung" von Chez nous beklagt. Doch den großen Publikumserfolg wird der Film vermutlich verpassen: Denn er liefert keinen eigenen, wirklich neuen Blick auf den FN. "Mir bleiben keine neuen Bilder in Erinnerung. Ich verbleibe mit den Bildern der mir bekannten Schauspieler", sagt Bardin. Zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen ist Chez nous eine vergebene Chance, die Franzosen über Le Pen eines Besseren zu belehren.