Was ist Glück im Unglück? Wenn du von einem Hochhaus fällst, aber mit dem Auge in einem Nagel hängen bleibst. Christian Ulmen, Komiker, Schauspieler und jetzt auch Regisseur, hat verstanden, worum es in diesem uralten Witz geht: Dass es immer wehtut, egal wie es kommt. Seine neue Comedy-Serie Jerks, die beim Onlineanbieter Maxdome zu sehen ist und jetzt auch auf Pro7 läuft, ist Fernsehen nach dem Prinzip Hochhaus und Nagel. Wenn der Zuschauer sich den Aufprall auf dem Asphalt schon ausgemalt hat, bleibt das Auge schmerzhaft woanders hängen.

In einer Folge besucht Ulmen, der in Jerks einen 41 Jahre alten Komiker namens Christian Ulmen spielt, seine Freundin in ihrer süßen Potsdamer Boutique. Ob er mal kurz auf den Laden aufpassen könne, fragt sie ihn, und auf den Kater ihrer Mitarbeiterin? "Er darf auf keinen Fall rauslaufen!" Aha, denkt man, der Kater wird also verschwinden, und weil es Comedy ist, wird Ulmen ihm nachjagen, stolpern, in doppeldeutige Situationen schlingern. Der Kater aber bleibt, wo er ist. Ulmen, also Serien-Ulmen, leidet unter heftigen Verdauungsproblemen. Er öffnet die Tür zur Boutiquetoilette: Da steht eine halb eingepackte Kloschüssel, die Handwerker haben sie noch nicht eingebaut. Für den grausamen Bruchteil einer Sekunde stiert er das Katzenklo an. Als die sehr besorgte Katerbesitzerin zurückkommt, ist sie schockiert. Ihr Kater müsse sofort zum Tierarzt, so etwas habe der noch nie gemacht, und so groß. Er müsse schwer krank sein.

Manchmal ist es schon schwer erträglich, was sich Ulmen und seine Mannschaft alles ausgedacht haben für Jerks. Es geht um Pädophilie, Kindstod, Missbrauch. Und immer wieder ums Masturbieren, das sowieso. Aber wer deswegen ausschaltet, sei gewarnt: Er verpasst die beste deutsche Comedyserie seit Stromberg.

Unterhaltungsfernsehen aus dem Folterkeller der Peinlichkeiten, das kann Ulmen. Konnte er schon damals, bei MTV. Da stellte er sich für seine Show mit Statisten vor den Ausgang eines Pornokinos, und immer wenn ein Herr heraustrat, applaudierte die Crowd. Wie viele kluge deutsche Entertainer lebte auch Ulmen von der Schamesröte, die er anderen in den Kopf schießen ließ. Inzwischen muss er jedoch eine Erleuchtung gehabt haben – eine, die allen Jokos und Klaas' und Raabs noch lange verborgen bleiben wird.

Was ist die peinlichste Rolle, die man im Leben spielen kann? Sich selbst! Das ist die Idee hinter Jerks. Wir stehen nicht vor dem Pornokino und klatschen, wir sind diejenigen, die gerade rauskommen und das Klatschen ertragen müssen. Ulmen tut in Jerks so, als würde er sich selbst spielen, sein Freund und Tatort-Darsteller Fahri Yardım tut so, als würde er Ulmens Freund Fahri Yardım spielen. Ulmens Freundin Emily: die Schauspielerin Emily Cox.

Inspirieren ließen sie sich von der dänischen Serie Klovn, obwohl das Genre uramerikanisch ist. Larry David (Curb your Enthusiasm) oder Louis C. K. (Louie) turnen ihrem Publikum eine verzerrte Variante ihres eigenen banalen Alltags vor.

Jerks hat alles, was in Deutschland sonst so zähneknirschend vermisst wird zwischen Tatort und Traumschiff. Die Figuren reden tatsächlich wie echte Menschen, weil Ulmen auf Drehbücher verzichtet hat und die Schauspieler improvisieren ließ. Plötzlich sagt auch mal einer am Küchentisch "Passt ihr ein bisschen auf mit den Kabeln da" – ohne dass es eine Pointe wäre, ohne dass die Kabel später eine Rolle spielen würde. Einfach nur, weil Menschen im Jahr 2017 eben solche Dinge sagen. Es klingt banal, aber genau nach solcher Detailliebe hat man sich als deutscher Fernsehgucker so lange gesehnt. 

Endlich einmal eine Serie nach wahren Begebenheiten

Genauso wie nach einem Drehort, der nicht nach Fernsehkulisse aussieht, der nicht wie Berlin-Mitte schon bis auf die Grundmauern abgefilmt ist: Jerks spielt im Prominenten-Speckgürtel Potsdam, wo Ulmen und die anderen Fernsehmenschen ja tatsächlich wohnen und mit ihren prätentiösen Citroëns herumfahren. Hier streitet der Serien-Ulmen mit seiner Ex-Frau (Ulmens Ehefrau Collien Fernandes), setzt einen Pitch vor schmierigen Fernsehproduzenten in den Sand und muss mit den Kindern zum Arzt. Endlich einmal glaubt man einer deutschen Serie, dass die geschilderten Ereignisse auf wahren Begebenheiten beruhen.

Allerdings hofft man diesmal sogar, dass die Begebenheiten nicht allzu wahr sein mögen. Denn Jerks nimmt sich zwischen den Peinlichkeiten auch noch Zeit für eine verbitterte Milieustudie. Unmöglich, dass die Sympathieträger Ulmen und Yardım sich im echten Leben so benehmen wie ihre Alter Egos! Die sind zwei nutzlose, verunsicherte Männer in der Abenddämmerung des Patriarchats, die ihren Machtverlust nur aushalten können, indem sie so gemein zueinander sind, wie es nur Männer im 21. Jahrhundert sein können.