"Korrektur: Moonlight gewinnt den Oscar für den besten Film!" Es geht also doch noch: Hollywood kann überraschen und zwingt gegen 5.59 Uhr am Montagmorgen wohl sämtliche Nachrichtenagenturen der Welt, ihre Eilmeldung "Oscar für den besten Film geht an La La Land" zurückzunehmen und die Überraschung zu verkünden: Das schwarze Schwulendrama Moonlight hat den wichtigsten Preis der Filmbranche erhalten. 

Man könnte sich die Frage stellen: War das nun Panne oder schon Coup?

Am Ende der langen Oscarnacht traten Faye Dunaway und Warren Beatty auf die Bühne, um den Preis für den besten Film zu verkünden. Zwar gab es auch dieses Jahr einen Favoriten, eben La La Land, aber das Musical lag auf den einschlägigen Websites nicht ganz so deutlich vor seinem schärfsten Konkurrenten Moonlight wie dies in vergangenen Jahren bei Favoriten schon der Fall gewesen war. Dunaway sagte noch, der beste Film solle "unser Denken verändern", und Beatty ergänzte, mit ihm solle die diversity, also die ethnische und geschlechtliche Vielfalt der Gesellschaft, abgebildet werden – "ein Ziel sowohl der Politik als auch der Filmkunst". Klang das nicht sehr nach Moonlight? Da nestelte Beatty schon an dem roten Umschlag herum, in dem die Karte mit dem Namen des Preisträgers steckte. Doch dann schaute er ein, zwei Sekunden lang – während einer solchen Liveübertragung eine halbe Ewigkeit – seine Partnerin an, mancher sorgte sich womöglich, ob ihn, diesen alten Mann, die Situation überforderte, Dunaway übernahm schließlich und verkündete: La La Land

Die drei Produzenten des Musicals Marc Platt, Fred Berger und Jordan Horowitz betraten die Bühne. Der Moderator rief gleich noch die gesamte restliche Crew mit ihren sechs weiteren Preisträgern (für beste Regie, beste Kamera, beste Filmmusik, bester Song, bestes Szenenbild und beste Hauptdarstellerin), hinauf und alles lachte und strahlte und Emma Stone stand mit ihrem Oscar als beste Schauspielerin unmittelbar hinter den Produzenten, die schon mitten in ihrer Dankesrede steckten: "Keep dreaming!", sagten sie gerade, da entstand ein kleines Gedränge und man konnte an Emma Stones Lippen deutlich die Worte "Oh, my god!" ablesen. Der beste Film, korrigierte da der Produzent Jordon Horowitz, sei doch Moonlight! Beatty hatte den falschen Umschlag in der Hand gehabt! Zum Beweis wurde die korrekte Karte in die Kamera gehalten und immer wieder hörte man Stimmen, die beteuerten: "This is not a joke!" Dies ist kein Witz.

Natürlich wird dieser Moment in die sogenannte Oscargeschichte eingehen und egal, ob Panne oder nicht, beschreibt dieser Abschluss die Stimmung der 89. Oscarsaison so trefflich, dass man ihn nicht besser hätte inszenieren können. Sollte diese Verleihung eher das Entertainmentkino ehren, also La La Land? Oder doch einen gesellschaftlich brisanteren und aktuelleren Film wie das Drama Moonlight von Schwarzen mit Schwarzen? Am Ende schüttelten sich die Filmemacher beider Lager die Hand.

Damien Chazelleerzählt in La La Land die Geschichte von Mia und Sebastian, die beide nach Los Angeles ziehen, um dort ihre Träume zu verwirklichen: Sie (Emma Stone) will Schauspielerin werden, er (Ryan Gosling) eine richtig gute Jazzbar eröffnen. Sie verlieben sich und sie scheitern und nach 128 Minuten farbenprächtigen Tanzens und Singens folgt das ziemlich bittersüße Ende eines großen Liebesfilms. La La Land ist mehr als ein bunt choreografiertes Stück, denn der Film stellt sehr zeitgemäße Fragen: Wie schafft man es als Künstler, in Zeiten wirtschaftlicher Verunsicherung so etwas wie eine Beziehung aufzubauen? Und wie hält man gleichzeitig an seinen Träumen fest?

Purer Eskapismus

Purer Eskapismus sei dieser Film, fanden indes seine Gegner. Nun, es ist ein Musical, so bunt und herzschmelzend wie in den größten Zeiten dieses Genres, die schon einige Jahrzehnte zurückliegen. Dazu spielt es in Hollywood, das dabei exakt aussieht wie eine Kulisse von Hollywood in einem Musical. Ziemlich selbstreferenziell also, das Ganze. Und damit ein perfekter Oscarkandidat. Die Academy liebt es, Filme auszuzeichnen, die ihre Branche bespiegeln. Siehe The Artist. Siehe Argo. Siehe Birdman. Die Auszeichnung von La La Land als bester Film wäre weniger einer Ehrung als einer Krönung gleichgekommen.

Aber warum nicht ein Musical? Nur, weil sich die meisten Nachrichtenseiten derzeit düster geben? Zu singen und zu tanzen und die Hoffnung nicht aufzugeben in unruhigen Zeiten, ist für Menschen, die in einem Film Wert auf eine Botschaft legen, nicht die schlechteste Message. Und, hey, es sind die Oscars. Nicht die Friedensnobelpreise. 

Dennoch durfte man sich mit ungefähr gleich großer Berechtigung fragen: Wäre es in Zeiten, in denen ein amerikanischer Präsident Einwanderer aus Ländern seiner Wahl mit einem Bann belegt und Mauern errichten will, nicht angemessener, ernsthaftere Themen im Film auszuzeichnen? Der bereits zitierten diversity Rechnung zu tragen?

Moonlight hat dies in beispielloser Perfektion getan. Der Film des immer noch jungen schwarzen Filmemachers Barry Jenkins spielt in einem Ghetto im Miami der achtziger Jahre, als Drogen und Gewalt das Leben der meisten Schwarzen dort beherrschten. Doch Jenkins hat sich keinesfalls damit begnügt, ein Sozialdrama abzudrehen. Es ist ein sehr kunstvoller Film, mit einer herausragenden Kameraarbeit, der immer wieder gegen die Erwartungen seiner Zuschauer verstößt. Erzählt wird in drei Kapiteln die Geschichte von Chiron, zunächst als zehnjährigem Jungen, dann als Jugendlichem und schließlich als jungem Mann. Chiron ist schwul, was ihm in dieser Community nicht nur Spott einbringt, sondern irgendwann auch beinahe das Leben kostet. Dennoch ist Moonlight auch eine zarte Liebesgeschichte, mit allem, was dazugehört: den Hoffnungen, dem bitteren Verrat, dem Wiedersehen.