Der ARD-Sonntagabendkrimi lässt sich immer auch touristisch gucken. Wie reizvoll strahlte doch über alle Weimarer Erklärungswut in der letzten Woche die stolze Leuchtenburg hinweg. Es wird der Tag kommen, an dem kein Second Screen mehr notwendig ist, um angefasst von so viel Schönheit per Fettfingerdruck auf dem Bildschirm einen Platz beim Sonnenaufgangsfrühstück oder anderen Höhepunkten der Leuchtenburg zu buchen.

In Magdeburg führt die Polizeiruf-Folge Dünnes Eis (MDR-Redaktion: Wolfgang Voigt, Melanie Brozeit) gleich zu Beginn in den toll gelegenen Rotehornpark und lässt, kurz vor der Entführung der Fahrrad fahrenden Tochter Peelitz (Lucie Hollmann), die Hyparschale im Hintergrund erkennen – einen Bau des bekannten Schalenbau-Architekten Ulrich Müther, der leider ungenutzt vor sich hin verwittert. 

Wie sehr wünschte man den Figuren dieses Falls (Buch: Eoin Moore und Anika Wangard, nach einer Vorlage von Stefan Rogall) ein wenig Verwitterung! Ein paar Roststellen des Milieus, dem sie entstammen, etwas Moos, das über ihre zarten Träume gewachsen ist. Aber zumeist bewegt sich das Personal durch die Kulissen wie auf Besuch: Junge Männer, die LAN-Partys ausstatten, sind in diesem Krimi in aufgeräumt-hübschen Riesenwohnungen zu Hause wie auf einer Möbelmesse.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Dabei gibt es in diesem Polizeiruf eine Schauspielerin wie Christina Große in der Rolle der Mutter Peelitz, der die Tochter entführt wird. Große funktioniert wie ein Authentizitätszeichen, sie spielt zumeist die – warum auch immer sogenannten – kleinen Leuten. Das Leben ist hart zu ihnen, sie aber bleiben frohgemut. Ihre Präsenz, die umstandslose Art der Schauspielerin, sich die Alten pflegende Mutter Peelitz anzuziehen, verschaffen dem Fall Gewicht. Auch wenn die Rolle etwas unterkomplex bleibt. Und auch, wenn ein schönes Detail wie etwa das beiläufige Kratzen unterm Schlüsselbein am Ende durch Bedeutung gerechtfertigt wird, statt es einfach ein beiläufiges Kratzen sein zu lassen.

Dabei tritt wiederum das Möbelmessenhafte des Polizeiruf hervor: Alles hat seinen Zweck, nichts steht ab oder ist einfach nur da. Kann man auch bei der Interaktion der beiden Kommissare sehen, in der Claudia Michelsens Doreen Brasch die zupackende Polizistin sein soll und Matthias Matschkes relativ neuer Dirk Köhler der einfühlsamere, dafür aber nicht so belastbare Ermittler. Auf einen Fehler hingewiesen schmeißt er mit dem Telefon.

Wer loben wollte, würde sagen, dass hier Charaktere mit wenigen Strichen entworfen sind. Tatsächlich würde man sich aber mehr Striche wünschen, um die Charaktere besser zu verstehen. Michelsen und Matschke sind tolle Schauspieler, deren Fähigkeiten in den Standardordnungen der Kriminalfalldurchführung aber kaum gefordert werden. Und die immer noch an merkwürdigen Einführungsideen hängen: Dass Brasch Motorrad fährt, taugt als markantes Bild für die Erstvorstellung des Teams, im aktuellen Fall verursacht das ewige Helm-auf-Helm-ab bloß Redundanz.

Man spürt die Limits des Budgets

Die Kriminalfilmkonstruktion von Dünnes Eis jubelt Mutter Peelitz eine seltene Krankheit unter: Pseudologia phantastica, ein zwanghaftes Lügen, mit dem sich die Patientin interessant machen will (und sich dabei immer kratzt). Also erfindet Mutter Peelitz die Erbschaft, die die Entführung der Tochter in Gang setzt und mit deren Aufklärung der Film dann beschäftigt ist – durch den Vorgucker mit der für den ARD-Sonntagabendkrimi fundamentalen Leiche am Beginn und die anfänglichen Inserts ("30 Stunden früher") durchaus dramatisch. Allerdings spürt man an der eckigen Auflösung der ersten Geldübergabesituation an einer Haltestelle auch die Limits des Budgets: Um die Szene, den Raum tatsächlich zu erfassen, bräuchte es ein paar Einstellungen mehr, sprich: mehr Zeit zum Drehen (Regie: Jochen Alexander Freydank).

Die Krankheitsgeschichte gibt dem Polizeiruf eine Form, wohingegen die nicht sonderlich ambitioniert entworfenen Nebenfiguren die Geschichte trivialisieren – zumal alle sich kennen und unter einer Decke stecken, als wäre es eine Soap. Die Auflösung, dass Tochter Peelitz sich quasi selbst entführt hat und für die Aussicht aufs Geld gar einen Finger opfert, mag sich auf dem Papier super unter Tragik verbuchen lassen (weil es die Erbschaft eben nicht gibt, alles vergeblich war). In der Logik der Geschichte wirkt es dagegen albern, dass ausgerechnet die Person, die Mutter Peelitz am besten kennt und deshalb von ihr weggehen will, dem Gerücht der Erbschaft ("Wo sollte denn Oma so viel Geld herhaben?") auf den Leim geht wie ein stümperhafter Kleinkrimineller, der was läuten gehört hat.