Brachiale Gangstergeschichte aus Neukölln: Kida Khodr Ramadan als Pate Toni Hamady in "4 Blocks" © TM & Turner Entertainment Networks, Inc. A Time Warner Company / Foto: Hans Starck

"Es ist gerade eine Pionierzeit für Fernsehmacher angebrochen", sagt der Produzent Quirin Berg. Er und sein Partner Max Wiedemann haben sich schon vor fünf Jahren als Pioniere erwiesen. Ihre Videochat-Komödie Add a Friend für TNT Serie war 2012 die erste deutsche Eigenproduktion für einen Privatsender. Ein Achtungserfolg, prämiert mit einem Grimme-Preis. Die Konkurrenz war aufgescheucht, brauchte aber lange, um nachzuziehen.

Wiedemann und Berg gehören zu den wenigen erfolgreichen deutschen Produzenten, die sich immer wieder an heikle Gegenwartsstoffe wagen. Sie haben den NSU-Dreiteiler Mitten in Deutschland für die ARD produziert und nun mit Dark den Zuschlag für die erste deutsche Netflix-Serie bekommen.

Das Interesse von Sendern, Machern und Publikum an aktuellen Stoffen sei "riesengroß", sagt Berg. Er versteht aber auch, warum viele Konkurrenten sich auf Historisches konzentrieren. "An aktuellen Stoffen wird man ganz anders gemessen. Der Zuschauer merkt sehr schnell, wenn man diese Realität verbiegt und die Fakten nicht respektiert." Außerdem bestehe immer wieder die Gefahr, "dass die Realität die Fiktion überholt". 

Wer braucht Nachrichten als Fiktion?

Nico Hofmann hat eine andere Erklärung dafür, warum die Zuschauer lieber in die Geschichte zurückschauen, als sich an der Gegenwart aufzureiben. "Die Deutschen sind ja nach wie vor eine Nation von Nachrichtenschauern und -lesern. Und die Zuschauer wollen das, was sie in der Zeitung gelesen haben, nicht unbedingt noch einmal in fiktionaler Form im Fernsehen sehen."

Auch Hofmann hat aktuelle gesellschaftskritische Themen im Fernsehen umgesetzt: eine Dokumentation über Beate Zschäpe etwa, oder seinen Film Der Rücktritt über Christian Wulffs letzte Tage als Bundespräsident. "Einer unserer besten Filme. Wir  haben selten so gute Kritiken bekommen", sagt Hofmann. "Aber es hat einfach niemand angesehen. Wir hatten eine Quote von unter zehn Prozent." Der Rücktritt lief damals eine Woche vor der Urteilsverkündung im Fall Wulff. "Das Thema war durch und die Zuschauer hatten kein Interesse mehr daran", sagt Hofmann. "Wenn Sie jetzt einen aktuellen Film über Flüchtlinge in Deutschland machen würden, würde ich Stein und Bein schwören – es würde niemand anschauen. Weil die Leute in diesem Thema ohnehin schon so tief drin sind und ein Film keinen Mehrwert bringt."

Er hoffe sehr, sagt Hofmann, dass dem seriellen Erzählen in Deutschland bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden. Derzeit fehlten einfach die Sendeplätze. "Das Schlimme ist, dass die Sender erfolgreiche Dinge nicht aufgeben. Sie bekommen mit ihrem wöchentlichen Krimi mehr als fünf Millionen Zuschauer. Diese Bastion gibt kein Mensch auf."

Was wird in Zukunft als Serie "made in Germany" gelten?

Diese Bastion beginnt allerdings nun zu bröckeln, auch wenn der Markt außerhalb des klassischen Sendebetriebs noch überschaubar ist. Es wird viel davon abhängen, wie sich deutsche Produktionen auf den Streamingportalen international durchsetzen. In diesem Jahr stellen sich die Weichen, was in Zukunft als Serie made in Germany bezeichnet werden wird: Historie im Hochglanzformat oder der Blick auf die Gegenwart.

Der Sender arte hat übrigens auch eine neue Eigenproduktion angekündigt für dieses Jahr: The House handelt von Flüchtlingen in Europa, den Reaktionen der Gesellschaft und den politischen Verstrickungen in Brüssel. Es könnte ein gutes Serienjahr werden, vor allem, wenn Nico Hofmann seine Wette verliert.   

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, "Acht Tage" werde von Wiedemann und Berg produziert. Das ist nicht korrekt, Produzenten sind die Münchner Firma Neuesuper in Zusammenarbeit mit Sky Deutschland.