Am vergangenen Sonntagabend stand der Regisseur Dominik Graf im Berliner Kino Arsenal und redete sich in eine gewisse Rage. Gerade war – zur Tatort-Zeit, was nicht unerwähnt blieb – der von ihm und Johannes F. Siefert gedrehte Dokumentarfilm Offene Wunde Deutscher Film im Berlinale-Programm gezeigt worden, die ziemlich rasante Geschichte eines westdeutschen Kinos, das es so nicht mehr gibt: dreckige, schwitzige, spekulative Genrefilme.

Grafs Ausführungen im Publikumsgespräch, die stimmlich freilich so gleichbleibend sonor daherkamen, als handele es sich noch immer um die Tonspur seiner Dokumentation, beschrieben das Verhalten des deutschen Fernsehens dem deutschen Kino gegenüber als "vollkommen schizophren" oder "bigott". Was sich etwa daran zeige, dass Spuren des verloren gegangenen Genrekinos viel eher in diesem Fernsehen zu finden wären als in den Kinoproduktionen (die dasselbe Fernsehen ja wiederum mit verantwortet): "Im Fernsehen kommen manchmal selbst bei Tatorten oder Polizeirufen Filme zustande, wo einem die Ohren schlackern und man denkt, im Kino hätte ich eine solche Szene nie und nimmer gesehen."

Dass einem nun die Ohren schlackerten beim Ludwigshafener Tatort: Babbeldasch (SWR-Redaktion: Katharina Dufner), wäre schon angesichts der durchgängigen Grundniedlichkeit des Films ein vermutlich zu großes Wort. Aber man sieht in dem Krimi durchaus Dinge, die man sonst nicht sieht. In einer Szene auf dem Polizeirevier wirft sich Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) zum Beispiel auf den Boden, um wie ein Kind nach zu viel Karl-May-Lektüre so Winnetou-schleicht-sich-an-mäßig über den Teppichboden zu robben. Das hat auch etwas Absurdes (sie ist doch eine erwachsene Frau!), aber verglichen mit der Containerhaftigkeit der Figurenbewegungen im Kölner Tatort letzte Woche kann man schwer bestreiten, dass der Schauspielerkörper in dieser Szene auf eine andere Weise präsent ist.

Flucht in die Improvisation

Axel Ranisch hat den dienstältesten aller Tatort-Schauplätze (Lena Odenthal in Ludwigshafen since 1989) bei seinem Debüt als Regisseur ordentlich auflockert. Der Regisseur (Dicke Mädchen, Alki, Alki) ist Vertreter einer neueren Spielart des deutschen Films, die vor den kinofremden, körperfernen "Pastorenfilmen" (Graf) in die Improvisation flüchtet. Das bewirkt zum einen, dass sich über den Dreh von Babbeldasch lauter tolle Geschichten erzählen lassen: Der Buchautor Sönke Andresen hat keine Dialoge geschrieben, nur Szenen und Figuren charakterisiert; keine Kommissarinnendarstellerin kannte den Mörder. Und hat zum anderen zur Folge, dass eine große Zahl an Laiendarstellern mit teils beeindruckenden Physiognomien die Szenerie bevölkert.

Babbeldasch ist der fiktive Name eines Mundarttheaters, in dem Amateure spielen und in dem die zu ermittelnde Leiche auftaucht: Prinzipalin Sophie Fettèr (Malou Mott) erleidet während einer Premiere einen – wie sich zeigen wird: bewusst herbeigeführten – allergischen Mohn-Schock. "Ich dachte, der Hals geht ein bisschen zu", wird der Herbeiführer am Ende sagen.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Die Improvisation bringt also Leben in die Bude. Man kann zum Beispiel spüren, wie sich das ausgedachte Kompetenzgeschnepfe zwischen Odenthal und der jüngeren, ins Rabenmutterhafte entworfenen Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) in dieser Form erübrigt. Auf der anderen Seite gibt es Szenen wie etwa die Beerdigung der Prinzipalin, bei denen das Resultat der Improvisation fast identisch ist mit den mäßig interessant geschriebenen Szenen aus anderen Filmen, in denen die Ermittlerin checkermäßig Trauergesellschaften beobachtet, um Schlüsse zu ziehen.

Dem Film fehlt die Breite

Ranischs Arbeitsweise will den Apparat, der zum Filmdreh nötig ist, auf ein Minimum reduzieren, um den Schauspielern Freiheit für Echtheitsperformances zu geben. Der Verzicht aufs Einleuchten und Auflösen von Szenen bringt ästhetisch allerdings Limitierungen mit sich: Bei dieser Art von Improvisationsfilm muss immer ins Bild hineingeschnitten werden, weil es nur die eine Kameraperspektive gibt, in der man durch den Schnitt zu einem später aufgenommenen Versuch springt. Dem Film fehlt die Breite, würde der Sportreporter sagen.

Den Beweis, dass Darstellerinnen toller spielen, wenn sie nur den Charakter ihrer Figur kennen, weil sie im Dialog dann entsprechend "authentisch" reagieren, kann Babbeldasch derweil nicht erbringen: Häufig wirken die Szenen, in denen sich Odenthal und Stern (Andreas Hoppes Kopper spielt fast keine Rolle) nichtsahnend durchfragen wie in einer Partie Cluedo, die nur besser besetzt ist als im heimischen Wohnzimmer. Sätze, die ins Ungewisse gesagt werden.

Axel Ranisch nennt seinen eigenen Credit treffenderweise "Spielleitung". Und mit der Graf-Klage im Ohr scheint es nur naheliegend, den merkwürdigen Psychodynamiken der deutschen Filmproduktion etwas Kindliches zuzugesellen. Denn es hat ja schon etwas Keck-Trotziges, das Problem der mangelhaften Drehbücher dadurch lösen zu wollen, in dem man ganz auf sie verzichtet.