Gimme Danger ist tatsächlich erst Jim Jarmuschs zweiter Musikfilm. Obwohl er nicht nur selbst Musiker ist, sondern als Musikbesessener in den fast 40 Jahren seiner Karriere für seine Spielfilme auch immer wieder Musiker vor die Kamera geholt hat: John Lurie, Tom Waits, Method Man, Rufus Thomas, Screamin' Jay Hawkins oder zuletzt Yasmine Hamdan – die Liste ist lang. Vor zwanzig Jahren erschien mit Year of the Horse Jarmuschs erste Musikdokumentation. Sie widmete sich Neil Young, einem weiteren musikalischen Helden des Filmemachers. Jarmusch konzentriert sich darin ganz auf die Musik, weil Neil Young es tut. Gimme Danger ist anders: Der Film bildet die Energie der Band nicht nur ab, er ist selbst reine Energie. Die Interviews mit Bandmitgliedern und Wegbegleitern werden umspielt von einer wilden Collage aus spektakulären Konzertaufnahmen mit Iggy Pops akrobatischen Auftritten, teils komisch, teils beängstigend. Zeitgenössisches Material – Magazinfotos, Fernseh- und Filmszenen, Animationen und sonstige visuelle Splitter – bebildern die Erinnerungen und Anekdoten der Interviewpartner.

Jarmusch wiederlegt den Mythos, epochale Pop-Phänomene entstünden aus dem Nichts, und fächert kaleidoskopartig eine Genealogie unzähliger Einflüsse auf. Er zeigt einen Iggy Pop, der wie der Staubsauger seines selbstgebastelten Instruments alles um sich herum aufsaugt: den Sound der Detroiter Stahlfabriken, den schwarzen Blues, die Psychedelia der Hippies, den anarchischen Witz des Komikertrios The Three Stooges, das der Band ihren Namen verpasste, oder das Kinderprogramm im Fernsehen. Anmaßende Einfachheit und gefährliche Unberechenbarkeit – das sollte wenige Jahre später auch die Grundlage des Erfolgs der Sex Pistols werden. Gimme Danger skizziert den kurzen Aufstieg und das schnelle Verglühen der Stooges, zeigt aber auch den unglaublichen postumen Einfluss der Band auf Punk.

Es sei gerade der Witz der Popmusik, schreibt der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen in seinem Buch Über Popmusik, dass nie geklärt werden kann, ob ein Popmusiker für sich spricht oder in einer Rolle. Der Als-ob-Modus des Popstars lasse Kunst und Leben verschmelzen. Kaum einer hat diese Gratwanderung zwischen einem vermeintlich authentischen inneren Seelenzustand und einer künstlerischen oder künstlichen Pose so konsequent vollzogen wie Iggy Pop als Frontmann der Stooges. Was für ein Glück, dass jemand wie Jarmusch, der Pop und seine Funktionsweise so gut versteht, sich des Themas angenommen hat, ohne einen analytischen Film über Pop zu drehen. Gimme Danger feiert Iggy Pop und die Stooges auf eine spielerisch ernste Art, die selbst wieder Pop ist.