"Liebt einander!", fordert Jesus in der Bibel von seinen Jüngern, allesamt sind sie männlich. Ein Schelm, wer da an mehr denkt als an gottesfürchtige Nächstenliebe. Doch Liebt einander! hieß vor einigen Jahren auch eine philosophische Abhandlung der damals 24-jährigen Österreicherin Monja Art. Ihr Untertitel: Die Vereinbarkeit von Homosexualität und christlichem Glauben.

Im Januar dieses Jahres hat Art, inzwischen 33 und Doktorin der Philologie, in Saarbrücken den Max-Ophüls-Preis erhalten, die wichtigste Auszeichnung des jungen deutschsprachigen Kinos. Ihr prämierter Film Siebzehn erzählt die Geschichte von Paula, die ihre Gefühle für eine Mitschülerin entdeckt. Doch mindestens so sehr wie Coming-out-Drama ist der Film auch universelle Coming-of-Age-Geschichte. Es geht ums erste Kribbeln, vor allem aber um die ersten Liebesleiden.

Paula lebt in einer kleinen niederösterreichischen Gemeinde, in ihrer Schule ist sie allseits beliebt. Die Jungen schwärmen für sie, mehr oder weniger heimlich, weil sie so anders ist als alle anderen: ruhiger, reifer, souveräner. Auch die Mädchen mögen sie, das freizügige Klassenblondchen Lilli macht ihr gar Avancen, halb neckisch, halb ernst gemeint. Doch Paulas Sehnen gilt allein Charlotte, und die ist – so viel Tragik muss sein – mit Michael zusammen.

Aus dem Plot eines handelsüblichen Jugendfilms, in dem sich alles darum dreht, wer gerade mit wem was hat und wer von wem was will, macht Monja Art mit ihrer feinfühligen Inszenierung ein Ereignis. Getragen vom unprätentiösen, im besten Sinne arglosen Spiel ihrer Darstellerin Elisabeth Wabitsch, die beim Ophüls-Festival zur Besten Nachwuchsschauspielerin gekürt wurde, gelingt Art ein erfreulich frisches Werk über ein altes Thema.

Um Paula herum wird geflirtet, geknutscht, gefummelt, am Baggersee sowie in den Jugendzimmern zwischen Traumfänger und Bandplakaten. Das alles geschieht mit jener bedenkenlosen Bereitschaft zur Selbstaufgabe, jenem heiligen Ernst, der nur in jungen Jahren möglich scheint, bevor die ersten großen Enttäuschungen das Herz vernarben und unempfänglicher machen für weitere Verletzungen.

Paula scheint die Schwärmereien der anderen nur zu beobachten, doch innerlich verglüht sie fast. Bei einem Französischwettbewerb soll sie über ihre Begeisterung für Marcel Proust sprechen. "Er weiß, dass das Anwesende oft weniger reizvoll ist als das Abwesende", referiert sie und beschreibt damit das ewige Dilemma des Verlangens, das zugleich ihr eigenes ist.

Nonchalant queer

Sicherlich, Siebzehn ist queeres Kino, auch wenn Gleichgeschlechtlichkeit hier überraschend nebensächlich erscheint. Fast schon gleichgültig reagieren Paulas Mitschüler auf ihre sexuelle Orientierung, ihre Andersartigkeit. Paula schwärmt eben für Charlotte, na und? Mehr als ein paar harmlos gemeinte Neckereien bringt ihr das nicht ein. Diese Nonchalance im Umgang mit lesbischer Liebe tut dem Film gut. Schließlich ist das Erwachsenwerden auch ohne ein homophobes Umfeld schon schmerzhaft genug.

Sie habe einen Film über Sehnsucht drehen wollen, sagte Monja Art in Saarbrücken. Doch so reizvoll sich das Abwesende gibt und so erzählenswert es dadurch wird, so kompliziert gestaltet sich dessen filmische Darstellung. Art ist sie gelungen, mit Szenen voll schamhafter Wortlosigkeit und scheuer Blicke, die ihre Wirkung im Kopf des Zuschauers entfalten. Zudem baut die Filmemacherin manche "Was-wäre-wenn?"-Sequenz ein, kurze Tagträume von einer möglichen anderen Wirklichkeit, in der sich alles zum Guten wendet.