Dieses Erwachsenwerden, dieses Mannwerden, steht – zumindest narrativ – im Zentrum des Films. Es folgen Szenen, in denen Julie Jamie erklärt, wie ein Mann richtig geht, wie ein Mann richtig raucht. Doch ganz so, wie Dorothea sich das ausgemalt hat, läuft es nicht. Abbie zeigt Jamie Punk und schenkt ihm feministische Literatur, woraufhin Jamie einen pubertären Aufschneider, der mit seiner Fähigkeit, Mädchen zum Kommen zu bringen, prahlt, darüber aufklärt, wie die Klitoris funktioniert. Dafür setzt es Haue. So funktioniert Männlichkeit.

Die Frauen sind ohnehin viel interessanter. Es sind keine Pappfiguren, sondern basieren spürbar auf echten Menschen. Mills hat seinen großartigen Schauspielerinnen genug Freiraum gelassen, sich in den Rollen zu entfalten, die sie bewohnen, bis man kein Schauspiel mehr erkennt. Durch sie sehen wir das Ende der Trente Glorieuse, das Ende der 30 Jahre Wirtschaftsboom und sozialer Fortschritt nach dem Zweiten Weltkrieg.

Punk ist bald ausgebrannt

Es ist nicht nur Mills Biografie geschuldet, dass der Film 1979 spielt. In dem Jahr hielt Jimmy Carter seine Crisis-of-Confidence-Rede, in der er die konsumverwöhnten Amerikaner dazu aufrief, den Gürtel enger zu schnallen. Es war der Beginn des neoliberalen Zeitalters. Punk, der im Film so eine wichtige Rolle spielt und Abbie seit ihrer New Yorker Zeit begleitet, den Dorothea in rührenden und lustigen Szenen verstehen will und doch nicht versteht, dieser Punk ist bald ausgebrannt und die Welt stürzt in das reaktionäre Zeitalter, in dem wir noch heute leben.

Die Geschichten der Frauen, deren Leben das 20. Jahrhundert war, werden in den für Mills typischen Rückblenden erzählt. Der ehemalige Grafiker hat bereits in Beginners auf alte Fotos, Gegenstände und Lieder zurückgegriffen, um die Vergangenheit darzustellen oder abstrakte Konzepte zu visualisieren. Es ist, als würde er eine Schatulle öffnen, in der alle wichtigen Erinnerungen seiner Figuren versteckt sind, und sie mit dem Publikum teilen.

Manchmal wünschte mach sich zwar, Mills hätte die visuellen Spielereien ein wenig runtergefahren, die verschwommenen Autofahrten im Siebziger-Jahre-Drogenrausch-Stil wirken peinlich. Doch Mills beweist mit 20th Century Women einmal mehr, welch großartigen, klugen Dialoge er schreiben kann. Sie fangen den schönen, traurigen, unplanbaren Lauf des Lebens ein und wickeln das Publikum in eine warme Decke der Melancholie und Nostalgie.