"Gibt es irgendein Problem mit Donald Trump?" Al Gore sitzt in einem Zimmer des Hotel Carlton mit Blick auf Croisette und Meer und lässt sich zu einem Scherz über Trumps Auffassung von Klimaschutz hinreißen. Der hatte nach seinem Amtsantritt gesagt: "Es gibt wirklich Wichtigeres." Für Al Gore gibt es kaum etwas Wichtigeres. Auch mit 69 Jahren ist er noch immer jeden Tag weltweit unterwegs, um vor den Folgen der Erderwärmung zu warnen. Er besucht Wissenschaftler, hält Vorträge, macht Filme. Jetzt ist er nach Cannes gekommen. Das Festival hat ihn eingeladen, seinen zweiten Klimaschutz-Dokumentarfilm An Inconvenient Sequel in einer Sondervorstellung zu präsentieren.

Trump gehört zu seinen schärfsten Kritikern und behauptet, Al Gore, ehemaliger Vizepräsident, ehemaliger Präsidentschaftskandidat, jetzt Friedensnobelpreisträger und Umweltaktivist, erzähle Lügen. Und weil Trump den Klimawandel nicht sehen will, räumt er – im Gegensatz zu Barack Obama – der Umweltpolitik keinen hohen Stellenwert mehr ein. "Ein Faustschlag ins Gesicht", sagt Gore, "aber Niederlagen sind dazu da, sich aufzurappeln und weiterzumachen." Was das bedeutet, sieht man im Film: Gore besucht seinen mächtigen Gegner in dessen goldenem Turm in New York, um ihm zu erklären, wie sinnvoll es wirtschaftlich ist, auf Solar- und Windkraft zu setzen, statt auf fossilen Brennstoff aus Öl und Fracking. Für Gore sind erneuerbare Energien der big deal. So will er sie auch Trump verkaufen. Was der ihm geantwortet hat, ist im Film nicht zu sehen. Aber in Cannes wird Gore im Interview darüber sprechen.

Wenn er das Zimmer betritt, füllt er es direkt aus. Er ist groß und kräftig und hat eine Stimme, mit der er vermutlich auch Karriere als Tenor hätte machen können. Wenn er einem die Hand schüttelt, schaut er einen dabei intensiv aus hellen Augen an und legt einem seine linke Hand auf die Schulter. Sicher, der Mann ist Amerikaner und Profi im Umgang mit Journalisten, dennoch kann man sich so viel Charisma kaum entziehen. Er macht es auch zur stärksten Waffe in seiner Dokumentation.

Ein Film für alle, die es nicht sehen wollen

Gleich in den ersten Filmminuten geht er in die Offensive und zitiert seine Kritiker, die ihn als Spinner und Weltverschwörer verunglimpfen. Er kontrastiert ihre Aussagen mit Bildern von schmelzenden Gletschern und Überschwemmungen rund um den Erdball. Immer wieder werden die professionellen Aufnahmen von Amateurvideos unterbrochen. Allein die schiere Masse des Materials lässt schon bald den Eindruck entstehen, dass es ganz egal ist, ob man Al Gore Glauben schenkt oder nicht, denn die Bilder sprechen für sich: Floridas Straßen unter Wasser, philippinische Städte vom Meer und von Tropenstürmen zerstört, Hitze in Indien, Dürre in Syrien. Dazu Zahlen, Animationen, Grafiken, die jenen Klimawandel belegen, den manche noch immer leugnen wollen. An genau jene richtet sich Gores Film.

Er will sie überzeugen. Das ist das Mittel, für das er sich in diesem buchstäblich globalen Kampf entschieden hat. Schon seit Jahren bildet er deswegen sogenannte Klimabotschafter aus. Sie sollen seine Gedanken und sein Umweltbewusstsein überallhin tragen, eine Grassroot-Bewegung. Vor 12.000 Menschen hat er bislang selbst gesprochen, das Schneeballprinzip hat die Zahl seiner Zuhörer entsprechend potenziert. Auch dieser Film wird dazu beitragen.

Auf der anderen Seite will Gore die Mächtigen der Welt überzeugen: Politiker und Industrielle. Es ist spannend wie ein Thriller inszeniert, was Al Gore während des UN-Klimagipfels im November 2015 hinter den Kulissen einfädelt. Anders als noch zu Beginn der Konferenz angekündigt, wird Indien nicht das angestrebte große Klimaschutzabkommen verhindern und 500 neue Kohlekraftwerke bauen, sondern stattdessen zu einem großen Teil in Solarenergie investieren und dem Paris-Abkommen zustimmen – Al Gore sei Dank, so legt es der Film nahe. Die Zuschauer sehen, wie er per Handy den Handel zwischen seinem Freund Elon Musk und dessen Solartechnikunternehmen SolarCity sowie dem damaligen US-amerikanischen Außenminister John Kerry und Indiens Regierung unter Narendra Modi arrangiert.

Eine große Reform des Lebensstils

Das war nicht einfach, denn mit einiger Legitimität fordern Staaten wie Indien, fossile Brennstoffe nutzen zu dürfen – wie es der Westen jahrzehntelang getan hat –, um ihrer Bevölkerung den Zugang zu billiger Energie und dadurch zu Märkten, Gesundheit, Bildung zu verschaffen. Kurz: zu einem besseren Leben. Wer würde ihnen das verweigern? Al Gore sicherlich nicht. Er ist davon überzeugt, dass erneuerbare Energie, vor allem Solarstrom, inzwischen günstiger zu haben ist als Energie aus Kohle. Es geht ihm in seiner Argumentation nicht um Verzicht, sondern darum, wie der Energiebedarf in Zukunft vernünftig gedeckt werden kann. "Unser aktueller kapitalistischer Lebensstil garantiert zwar die größten individuellen, politischen und religiösen Freiheiten", sagt er, "aber er ist nicht der beste für das Weltklima. Die linken und rechten Alternativen zu Demokratie und Kapitalismus hätten Krisen wie im 20. Jahrhundert zur Folge und wären noch weniger befriedigend. Wir brauchen also eine Reform des kapitalistischen, demokratischen Lebensstils." In Gores Augen ist der Schritt hin zu erneuerbaren Energien und zu mehr Nachhaltigkeit eine solche Reform – ähnlich wie es die Abschaffung der Sklaverei war, die Aufhebung der Rassentrennung, die Gleichberechtigung der Frau.

Wie geht er mit jenen um, die noch immer an fossilen Brennstoffen festhalten wollen wie die Ölindustriellen in Texas? "Es ist schwierig jemanden dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängt, dass er es nicht versteht", zitiert Gore im Gespräch den US-amerikanischen Autor Upton Sinclair. Er verschwende nicht allzu viel Zeit mit ihnen. Dennoch erzählt er stolz davon, wie Jerry Taylor, einst einflussreiches Mitglied des Cato Institute, einem konservativen und Klimawandel verharmlosenden Thinktank, das Lager gewechselt hat und nun selbst Umweltaktivist ist.

Und die Zeit drängt. Das betont Gore mehrmals. "Die Folgen des Klimawandels erreichen uns schneller, als es Wissenschaftler vorhergesehen haben", sagt er. "Aber heute haben wir die technischen Lösungen, um das Problem anzugehen. Die Aufgabe besteht also darin, den politischen Willen zu schaffen und zu stärken, diese Lösungen auch einzuführen." Man dürfe dabei nicht vergessen, scherzt er, dass auch politischer Wille eine erneuerbare Ressource ist.