Am Ende, kurz vor dem Neuanfang seiner Karriere Ende der sechziger Jahre, sitzt Chet Baker im Ankleideraum des berühmten New Yorker Jazzklubs Birdland; im Saal warten Miles Davis, Dizzy Gillespie und viele andere wichtige Menschen der Szene immer ungeduldiger auf seinen Auftritt. Aber Chet Baker kann sich nicht überwinden, auf die Bühne zu gehen. Er ist lange Zeit ohne das Heroin ausgekommen, das seine Kunst erst beflügelte und sie dann zerstörte; er weiß, was es bedeutet, wieder rückfällig zu werden. Im Publikum steht die Frau, die er liebt; sie ist von ihm schwanger und hofft auf eine gemeinsame Zukunft mit ihm. Er weiß, dass sie ihn verlassen wird, wenn er das Heroin wieder drückt; aber in diesem Moment drängt die Sucht nach der Droge alles andere fort. "Heroin gibt mir Selbstvertrauen", flüstert er seinem besorgten Manager zu, der ihm gerade noch ein Fläschchen Methadon gebracht hat, "es weitet die Zeit, sodass ich in jede einzelne Note hineinschlüpfen kann." Nun sitzt er vor dem Spiegel und sieht sich in die Augen, links liegt ein Heroinbesteck auf dem Tisch, rechts steht das Methadon. Was wird passieren?

Der Trompeter Chet Baker (1929-1988) gehört zu den prägenden Künstlern und zu den großen Selbstzerstörern des Jazz; in dem Film Born to be Blue spielt Ethan Hawke den Baker der fünfziger und sechziger Jahre mit hervorragender Hingabe und Einfallskraft. Hawke ist lässig, überheblich, nervös und zittrig; wenn er Trompete spielt, ist er erotisch und selbst im Scheitern noch virtuos; wenn er gegen die Drogensucht kämpft oder sich in ihr verliert, ist er so erbärmlich, nervig und unangenehm, wie es Junkies nun einmal sind. Wobei Hawke nicht nur als Cool Cat im jazzfotografientypisch eingeräucherten Gegenlicht sehr gut auszusehen vermag. Selbst die käsige Verschwitztheit des Entzugskandidaten steht ihm noch gut: Einen so schönen Mann entstellt eben nichts.

Jedenfalls gibt Hawke seinen Baker als stark konturierte Figur – im Zentrum eines Films, der ansonsten vor allem von Unschärfen lebt. Denn der Regisseur und Drehbuchautor Robert Budreau will die Kunst und das Leben seines Protagonisten nicht in scharfgestochenen Szenen dokumentieren, sondern in einer Kette von prismatischen Bildern einfangen. Das Coole und das Kaputte der realen Figur sollen sich dabei ebenso überlagern wie das Reale und das Fiktive: Die Wahrheit über seinen Helden will Budreau über den Umweg einer romantischen Verfremdung zum Phänotyp erzählen.

Das ist eine interessante Idee. Leider mangelt es in der Durchführung an Konsequenz. Am Anfang des Films wird die innere Brechung des Films noch deutlich herausgestellt: Da spielt Ethan Hawke den 1966 gerade aus dem Gefängnis entlassenen, dank Methadon clean gewordenen Chet Baker, der sich in einem Biopic nun selber spielt, um damit sein Comeback zu befördern. Die erste Szene von Born to be Blue ist die erste Szene dieses (in Wahrheit niemals gedrehten) Biopics: Sie führt zurück zu seinem triumphalen Debüt im Birdland Anfang der fünfziger Jahre. Mit seinem sicheren, kühlen, lasziv lockenden Ton ist er der wahre Erfinder des Cool Jazz – ein halbes Jahrzehnt, bevor Miles Davis mit Birth of the Cool dem Genre das bekannteste Album schenkt. In der Nacht dieses ersten Triumphs verfällt er dann auch sogleich dem Heroin: Eine schöne Frau verführt ihn dazu, um interessanteren Sex mit ihm zu haben. Doch wird der Wahrheitsgehalt dieser Szene sogleich relativiert: Als die Klappe fällt, schlüpft Baker aus seiner Rolle als Baker heraus und lässt seinen Regisseur wissen, dass seine Sucht in Wahrheit weit weniger romantisch begann und ohne Sex.

So beginnt der Film mit einer Film-im-Film-haften Reflexion auf die Konstruiertheit der filmischen Darstellung, dies zeigt sich auch in schönem Kontrast zwischen stilisierten Schwarz-Weiß-Bildern nach Art des legendären Jazzfotografen William Claxton und einer undramatischen Farbigkeit. Kaum ist dieser Kontrast etabliert, wird er aber auch schon wieder fallengelassen. Eine Gruppe von Drogenhändlern verprügelt vor dem Studio den säumigen Schuldner und zertrümmert ihm dabei den Oberkiefer. Mit dem fiktiven Biopic ist es nun ebenso vorbei wie mit dem Comeback im Ganzen: Wesentliche Teile des folgenden Films zeigen, wie Baker/Hawke mit dritten Zähnen vergeblich zu seinem alten Trompetenton zurückzufinden versucht. Auch befreit er sich vorübergehend aus der Abhängigkeit – mithilfe von Jane, die im Film-im-Film die suchtauslösende Verführerin spielte und sich dabei in den Baker spielenden Baker verliebte.