Vertrauen! Verantwortung! Am Wochenende haben in Cannes gleich zwei Wettbewerbsfilme diese beiden Grundvoraussetzungen für das menschliche Miteinander verknüpft – und bevor jetzt jemand "Ach nö, Moral" denkt, schon mal rasch vorweg: kein bisschen öde.

Der schwedische Filmemacher Ruben Östlund stellt in seiner cleveren und witzigen Satire The Square ganz direkt die Frage: Vertrauen Sie anderen Menschen? Er tut dies ungefähr in der Mitte des Films in Form einer technisch schlichten Kunstinstallation, an der die Ja-Sager rechts vorbeigehen können, die Nein-Sager links. Das sind die wenigsten, lediglich 3 bislang. Die allermeisten halten sich in diesem Museum für jemanden, der anderen vertraut: 43. Aber wie sieht es außerhalb aus, im echten Leben?

Östlund erzählt dazu gerne eine Anekdote aus der Kindheit seines Vaters: Als der noch ein kleiner Junge von sechs Jahren war, ließen ihn die Eltern mitten in der Großstadt Stockholm alleine auf den Straßen spielen. Sie hängten ihm lediglich einen Zettel mit seiner Adresse um für den Fall, dass er sich verlaufen würde. Wäre das heute noch denkbar? Würden Eltern ihr kleines Kind in Berlin oder Hamburg oder München draußen spielen lassen, unbeaufsichtigt und mit allen persönlichen Angaben? Vermutlich würden sie das exakte Gegenteil tun, weil sie – so Östlunds These – in anderen Erwachsenen heute weniger einen Helfer in der Not sehen als ein potenzielles Risiko für ihr Kind.

"Ich habe heute keine Münzen"

Diese Erfahrung hält der Regisseur für so zentral, dass er sie nicht nur selbst erzählt, sondern auch im Film von seinem Protagonisten Christian (Claes Bang) wiederholen lässt. Der ist Ende Vierzig, gebildet, wohlhabend, gut aussehend, ein renommierter Kurator für zeitgenössische Kunst und sich seiner Prinzipien sehr sicher: Alle Menschen haben gleiche Rechte und Freiheiten, Arme wie Reiche, Männer wie Frauen, Kranke wie Gesunde. Wenn es drauf ankommt, davon ist Christian überzeugt, kann man sich auf ihn verlassen, so wie er sich – wenn es drauf ankommt – auf andere verlassen möchte. Ein prima Kerl also. Denn wer würde diesen Grundsätzen widersprechen?

Nun schickt Östlund seinen Christian jedoch – und mit ihm den Zuschauer – in eine ganze Kette von Vorfällen, bis allen klar ist: So einfach ist die Sache mit dem richtigen Verhalten im Sinne von Brüderlichkeit und Verantwortlichkeit nicht. Schon gar nicht, wenn es drauf ankommt. 

Denn Christian akzeptiert zwar lächelnd, dass das Baby des PR-Beraters während einer Besprechung quengelt, so dass kein Ergebnis erzielt wird und die Sitzung vertagt werden muss. Trotz mittelschwerer Betrunkenheit zieht er beim One-Night-Stand das Kondom ebenso ordentlich über wie er vorher seine Schuhe neben das Bett gestellt hat. Und selbstverständlich wird er sich den Namen dieser Frau merken. Aber wie soll er mit den Obdachlosen umgehen, die Östlund immer wieder ins Bild setzt? Müsste er ihnen als Mensch, der strikt gegen Armut ist, nicht Geld geben? Weil er das offensichtlich nicht immer möchte, hat er sich ein paar Sätze zurechtgelegt: "Ich habe heute keine Münzen." Oder: "Ich kauf dir lieber etwas zu essen." Kommt das irgendjemandem bekannt vor?

Christian tut, was man möglicherweise in solchen Situationen selbst tut: wenigstens höflich lächeln, wenigstens dem Obdachlosen in die Augen sehen. Keiner soll sich minder geschätzt fühlen. Christians Unbehagen ist unser eigenes Dilemma. Wer ändert schon wirklich sein Leben im Wohlstand, um die Schere zwischen Arm und Reich zu verringern? Das Überraschende an The Square ist: Diese Entlarvung unserer Selbstgerechtigkeit macht einen Heidenspaß.