Naziterror als Thriller

Fatih Akin macht seinen Film kleiner als er ist. "Das ist eine ganz persönliche Geschichte der Trauer", sagt er im Gespräch über seinen Film Aus dem Nichts, der am vorletzten Festivaltag in Cannes als einziger deutscher Beitrag im Wettbewerb lief. Das stimmt schon. In dem Film verliert eine Frau ihren Mann und ihren kleinen Sohn durch einen Bombenanschlag, und der Film zeigt, wie diese Frau, Katja Sekerci, mit dem furchtbaren Schlag umgeht. Aber Aus dem Nichts ist mehr als ein persönliches Drama. Der Film fiktionalisiert ziemlich realistisch die Gefühle von Hinterbliebenen, deren Liebste durch den NSU ermordet wurden, denn der Bombenanschlag im Film – das ist rasch klar – wurde von zwei Nazis verübt. 

Akins Film ist formal in drei Kapitel unterteilt. Die Familie ist das emotionale Drama von Verlust und Trauer. Gerechtigkeit zeigt in nahezu klassischer Gerichtsfilmmanier den Prozess. Der letzte Teil heißt Das Meer und wie schon öfter in seinen Werken sieht Akin in der weiten Wasserfläche und dem fernen Horizont ein Bild für den Tod. Hier beschleunigt Aus dem Nichts noch einmal zum Thriller.  

Zur Vorbereitung fuhr Akin dreimal nach München, um am Oberlandesgericht den Prozess gegen Beate Zschäpe mitzuverfolgen. Die Dialoge im Gericht, das Schweigen des Staatsanwalts, die unbeteiligte Kälte der Angeklagten hat er daraus übernommen. "Aber klar", sagt Akin, "so ein Prozess ist über lange Strecken öde". Schwierig zu filmen also. Der Verlauf des Prozesses und sein Ausgang waren ihm aber wichtig für den Film. "Wir mussten das dann eben inszenieren wie ein Elfmeterschießen." Auf politisch korrekte Ausdrucksweise pfeift Akin. 

Auf NSU-prozesskonforme Zeitabläufe ebenfalls. Im Gegensatz zu dem quälend langen Verfahren in München ist sein Aus dem Nichts temporeich und dicht und wurde noch vor seiner Premiere und den eher positiven Reaktionen der internationalen Presse in mehr als 20 Länder verkauft: nahezu nach ganz Europa, nach Südamerika, nach China. Naziterror in Deutschland als Thriller – man kann mit einiger Berechtigung annehmen, dass das im Kino gut laufen wird. 

Dazu trägt Diane Kruger maßgeblich bei. Akin hatte die deutsche Schauspielerin, die in Amerika zum Star wurde, bei seinem letzten Cannes-Besuch 2012 kennengelernt, als er seine Dokumentation Müll im Garten Eden vorstellte. "Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden", sagt er. "Diane ist so ein Typ, mit dem man ruhig einen Bus verpassen kann, weil man gleich mit ihr ins Gespräch kommt."

"Der beste Filmemacher, mit dem ich je gedreht habe"

Und als er dann die Mutter für Aus dem Nichts suchte, eine Darstellerin mit blonden Haaren und hellen Augen, kam ihm Kruger wieder in den Sinn. Eine gute Wahl. Seine Hauptdarstellerin ist in nahezu jeder Einstellung zu sehen. Dabei ist ihre Rolle nicht einfach: Einen Großteil der Zeit ist Katja schließlich am Weinen. So was kann leicht hysterisch oder übertrieben wirken. Doch Kruger schafft es, dass Katjas Verzweiflung echt wirkt. Im Laufe der Zeit scheint sie das Weinen immer mehr zu verinnerlichen. Die Trauer wird Teil ihrer Figur. "Das war sehr anstrengend", sagt Kruger nach der Vorführung im Gespräch. Die Kunst guter Schauspieler besteht ja darin, die Gefühle, die sie darstellen sollen, in ihrem Inneren wiederzufinden. "Am Ende der Dreharbeiten war ich völlig fertig und abgemagert."   

Noch in Cannes, Monate nach dem Dreh, wird Krugers Stimme ganz leise, wenn sie erzählt, wie sie zur Vorbereitung mit Hinterbliebenen von Mordopfern gesprochen hat. "Man fühlt sich ein bisschen wie ein Arschloch, diese Menschen nach so intimen Gefühlen zu fragen. Aber ich werde das, was ich dabei in ihren Augen gesehen habe, niemals vergessen." Seit dem Anschlag auf das Konzert in Manchester am vergangenen Montag habe sie so gut wie nicht schlafen können, sagt Kruger. "Auch dort standen jetzt wieder Eltern, die nach ihren Kindern gesucht haben." Wenn sie das formuliert, wird ihre Stimme noch leiser, fast stockend.

Seit sie 15 war, hat Kruger nicht mehr in Deutschland gelebt. Meist wohnte sie in den USA (wo sie Blockbuster wie Troja und Inglourious Basterds drehte) oder in Frankreich (wo sie im steten Wechsel dazu Arthouse-Filme machte). Für all das erhielt sie bereits zahlreiche Auszeichnungen. Auch diesmal ist ihre Leistung jede Ehrung wert.

In Cannes gehört sie zu den großen Stars, saß selbst schon in der Jury. Doch für Aus dem Nichts hat sie alles Starhafte abgelegt. Nicht nur äußerlich – sie trägt Tussen-Dutt, Tattoos und schwarze Klamotten – man nimmt ihr sogar Katjas Vergangenheit als Kifferin im Milieu ab. "Mit Fatih", das betont sie ungefragt, "würde ich gerne wieder arbeiten". Für sie ist er "der beste Filmemacher, mit dem ich je gedreht habe".

Wut als Antrieb

Mit ihm würde sie jederzeit wieder arbeiten: Fatih Akin und Diane Krüger bei den Dreharbeiten in Hamburg © Filmfestival von Cannes

Vor allem ist er einer, der im Plot keine Kompromisse eingeht. Als das Urteil im Film Katjas Sehnsucht nach Vergeltung ("Die sollen im Gefängnis verrecken") nicht genügt, sinnt sie auf Rache. "Ein menschliches Gefühl", sagt Akin, "kennt jeder." Aber wie jeder einzelne damit umgeht, ist eben sehr unterschiedlich. Die Katja im Film – darin eine echte Akin-Figur – strebt jedenfalls eine eher radikale Lösung an. Die muss und wird nicht jedem gefallen. Kruger sagt dazu fast schon etwas ausweichend: "Das Ende von Aus dem Nichts sagt gar nichts darüber aus, wie ich zu Vergeltung stehe. Es ist ein Angebot, sich selbst die Frage zu stellen: Was würde ich tun?" 

Akin war schon immer ein Filmemacher, der Stellung bezieht. Wenn ihm etwas wichtig ist, gerne auch laut und kräftig. Das trug zum Erfolg von Auf der anderen Seite bei, das machte Gegen die Wand aus. Wut, so scheint es, ist ein guter Antrieb für ihn. Diesmal entstand diese Wut aus den realen Ermittlungen gegen den NSU. "Natürlich haben mich die Morde empört", sagt Akin, "aber richtig schlimm fand ich, dass Polizei und Geheimdienst jahrelang im Umkreis der Opfer nach den Tätern gesucht haben und dabei die Opfer als Mafiosi oder Drogendealer verunglimpften. Auch die Medien haben dabei mitgemacht. Diese Menschen sind zweimal gestorben!" Wir wissen heute, dass das wahr ist.  

Kainsmal auf der Stirn

Auch im Film werden Ermittler und Medien die Dealervergangenheit des Ermordeten als wichtigsten Anhaltspunkt für ihre Vermutungen nehmen. Vor Gericht wird der Verteidiger der mutmaßlichen Mörder darauf auf schwer erträgliche Weise herumhacken. Dafür hat Akin ihm auch ein hässliches Kainsmal auf der Stirn verpasst. Nein, den Tätern und ihrer Verteidigung oder gar ihren Motiven, dem Woher und Warum, räumt Akin nicht eine Sekunde mehr Platz in seinem Film ein als für den Plot notwendig. "Ich wollte mich ganz auf die Trauer, die Hinterbliebenen konzentrieren", sagt er.

Man kann dieses Holzschnittartige kritisieren, denn natürlich wäre es auch relevant, die Ursachen für solche Taten zu beleuchten. Man kann Aus dem Nichts aber auch als einen berechtigten akinschen Wutausbruch sehen – und ihm zugute halten, dass sich bislang noch keiner getraut hat, aus dem Thema einen massenkompatiblen Film machen zu wollen.